Hyperurikämie und Gicht: Genetik überwiegt, Ernährung trotzdem wichtig

Februar 2022

Die Gicht zählt zu den ältesten bekannten Erkran­kungen und gilt als Mus­ter­bei­spiel einer Erkrankung mit einem klaren Zusam­menhang mit der Ernäh­rungs­weise. Immer deut­licher wird aber auch, dass die Gicht zu den Mus­ter­bei­spielen für die Schwie­rig­keiten zählt, gesund­heit­liche Wir­kungen der Ernährung durch solide Evi­denzen zu belegen. Denn die alt­be­kannten und durchaus auch beleg­baren posi­tiven Effekte einer seit langem emp­foh­lenen und in Leit­linien nie­der­ge­schrie­benen „Anti-​Gicht-​Ernährungsweise“ wurden in den ver­gan­genen Jahren durch eben­falls zahl­reiche und fun­dierte Studien zur gene­ti­schen Dis­po­sition in Frage gestellt.

Außer Dis­kussion steht die Hyper­urikämie als Basis des Gicht­an­falls. Das Risiko kor­re­liert ein­deutig mit dem Harn­säu­re­spiegel und steigt bei mehr als 10mg/​dl auf über 45 Prozent. Was aber treibt den Harn­säu­re­spiegel in die Höhe?

Genetik als Treiber

Einige große Studien der ver­gan­genen Jahre finden einen über­wie­genden Ein­fluss der gene­ti­schen Dis­po­sition. Dies hat zum Bei­spiel eine Meta­analyse von fünf Kohor­ten­studien mit ins­gesamt nahezu 17.000 Teil­nehmern ohne Nie­ren­er­krankung, urat­sen­kende oder diure­tische The­rapie ergeben. Zwar standen Bier, Spi­ri­tuosen, Wein, Erd­äpfel, Geflügel, gezu­ckerte Soft­drinks und rotes Fleisch mit einem Anstieg der Harn­spiegels im Serum in Ver­bindung und Eier, Erd­nüsse, Cerealien, Mager­milch, Käse, dunkles Brot, Mar­garine und Nicht-​Zitrus-​Früchte mit einer Ver­rin­gerung – aus­schlag­gebend war die Ernäh­rungs­weise aber nicht. Höchstens 0,3 Prozent der Schwan­kungen im Harn­säu­re­spiegel konnten dadurch erklärt werden. Gene­tische Fak­toren (Single-​Nukleotid-​Varianten) hin­gegen waren für 23,9 Prozent dieser Schwan­kungen ver­ant­wortlich. Alles in allem geht man davon aus, dass der Harn­säu­re­spiegel zu 30 bis 75 Prozent von der gene­ti­schen Dis­po­sition abhängt.

Ernährung spielt mit

Ande­rer­seits belegt eine Reihe von Studien einen Zusam­menhang zwi­schen Ernäh­rungs­weise und Gicht. Dazu gehört eine große pro­spektive Kohor­ten­studie mit mehr als 44.000 Männern ohne Gicht zu Beginn des Beob­ach­tungs­zeit­raums von 26 Jahren. Das Ergebnis: eine typisch „west­liche“, also fleisch- und zucker­reiche, Ernährung ging im Ver­gleich zur DASH-​Diät mit einem um 42 Prozent höheren Risiko für eine Gicht­er­krankung einher. Ein Ein­fluss der Ernährung lässt sich weiters auf­grund der Ergeb­nisse einer kürzlich publi­zierten Analyse der Daten von annä­hernd 15.000 US-​Amerikanern annehmen. Demnach sind Über­ge­wicht und Adi­po­sitas mit einem um 44 Prozent erhöhten Gicht-​Risiko asso­ziiert und eine von der DASH-​Diät abwei­chende Ernäh­rungs­weise geht mit einem um 9 Prozent erhöhten Risiko einher. Alko­hol­konsum ist mit einem um 8 Prozent erhöhten Risiko assoziiert.

Ein wirk­samer Treiber des Harn­säu­re­spiegels ist offenbar auch Fruktose, wobei die Her­kunft eine wichtige Rolle spielen dürfte. Einer Meta­analyse von Studien mit mehr als 154.000 Teil­nehmern zufolge ist eine erhöhte Auf­nahme von Fruktose mit Früchten kaum mit einem erhöhten Gicht- und Hyper­urik­ämie­risiko ver­bunden – eine erhöhte Auf­nahme über Frucht­säfte und besonders mit Fruktose gesüßten Getränken jedoch sehr wohl.

Purine besser pflanzlich

Nun ist der Purin­gehalt von Lebens­mitteln zwar wesentlich für die Ent­wicklung des Harn­säu­re­spiegels, es gibt aber offenbar Unter­schiede zwi­schen Lebens­mit­tel­gruppen. Während purin­reiche Nah­rungs­mittel tie­ri­scher Her­kunft (z.B. rotes Fleisch, Inne­reien, Mee­res­früchte) mit einem Anstieg des Harn­säu­re­spiegels in Ver­bindung gebracht werden können, dürfte das bei pflanz­lichen purin­reichen Pro­dukten (z.B. Hül­sen­früchte, Nüsse, Kohl­gemüse, Pilze) nicht der Fall sein. Weder Harn­säure noch das Gich­t­risiko dürften dadurch beein­flusst werden – zumindest bei nor­mou­rik­ämischen Personen.

Red./KG

 

Lite­ratur:

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