Mangelernährung im Alter

März 2021 | Fachlich-Sachlich

Man­gel­er­nährung tritt im Alter sehr häufig auf. Eine stan­dard­mäßige Erfassung des Ernäh­rungs­zu­standes ist daher sehr wichtig. Zur Risi­ko­be­stimmung muss fol­gendes ermittelt werden: Alter, Ernäh­rungs­be­ur­teilung, Schwe­regrad der Erkrankungen/​Stressmetabolismus.

 

Pflegerische Aufgaben im Ernährungsmanagement

Die pfle­ge­ri­schen Auf­gaben im Ernäh­rungs­ma­nagement laut Volkert 2011:

1.      Erfassung von Man­gel­er­nährung (Screening, Assessment)

  • Iden­ti­fi­kation betrof­fener und gefähr­deter Personen
  • Erfassen von Ernäh­rungs­ver­halten und Verzehrmengen
  • Klärung mög­licher Ursachen geringer Ess­mengen bzw. von Gewichtsverlust

2.      Berufs­grup­pen­über­grei­fende Planung und Koor­di­nation geeig­neter Maßnahmen

3.      Umsetzung von Maß­nahmen in den Bereichen

  • Ernäh­rungs­för­dernde Gestaltung der Ess­si­tuation und Umgebung
  • Ange­messene Unter­stützung und Inter­aktion bei den Mahlzeiten
  • Ange­mes­senes, fle­xibles Speisen- und Getränkeangebot

4.      Beratung, Infor­mation und Anleitung von Betrof­fenen und Angehörigen

5.      Moni­toring und Eva­luation der Maß­nahmen und ggf. Anpassung

Zur Quan­ti­fi­zierung der Mal­nut­rition siehe Tab. 1–3. Zu Leit­linien und Stan­dards zur Ernährung in der Ger­iatrie – Algo­rithmus zur Qua­li­täts­si­cherung der Ernäh­rungs­ver­sorgung in ger­ia­tri­schen Ein­rich­tungen siehe Abb. 1.

Parameter zur Malnutritionsdiagnose in der Geriatrie

Para­meter zur Mal­nut­ri­ti­ons­dia­gnose in der Ger­iatrie nach Biesalski et al. (2004) lauten:

  1. Ana­mnese: Appe­tit­mangel, Ess­ge­wohn­heiten, Gewichts­ab­nahme, Alkohol, soziales Umfeld, Medi­ka­mente, Ösophagus-​Magen-​Darm-​Symptome, Malignome.
  2. Anthro­po­me­trische Mes­sungen: Kör­per­ge­wicht (kg), Kör­per­größe (m), Haut­fal­ten­dicke über Trizeps (TSF) in mm (Kor­re­lation: Körper-​Fett-​Masse), Mitte-​Oberarm-​Zirkumferenz in cm (Kor­re­lation: Lean Body Mass), Body Mass Index (BMI = Kör­per­ge­wicht kg /​ Kör­per­größe in m2).
  3. Erhebung bio­che­mi­scher Para­meter: Pro­teine: u.a. Albumin, Trans­ferrin, Prä­al­bumin, Cho­li­nesterase, Retinol-​Binding-​Protein; Vit­amine: u.a. Vitamin B12, Fol­säure, Vitamin A, Vitamin D, Vitamin B‑Komplex, Vitamin C, Β‑Carotin, Niacin; Spu­ren­ele­mente: u.a. Eisen, Zink, Kalzium, Magnesium, Kupfer, Phosphor, Selen; Andere: u.a. Cho­le­sterin, Tri­gly­ceride, Car­nitin, C‑reaktives Protein, absolute Lym­pho­zy­tenzahl, immu­no­lo­gische Hauttests.

Zum Kreislauf der Man­gel­er­nährung siehe Abb. 2.

Vom alters­be­dingten Abbau betroffene Kör­per­kom­par­ti­mente sind vor allem: Abnahme von Fett­gewebe, wie bei einer unge­nü­genden Nah­rungs­zufuhr; primär Verlust von Mus­kel­protein (= Sar­ko­penie); vis­zerale Organe bleiben relativ verschont.

Zu Mecha­nismen der Sar­ko­penie siehe Abb. 3.

Mangelernährung bei Krebserkrankungen

Tumor­kachexie (= Zustand kör­per­licher Schwäche) ist cha­rak­te­ri­siert durch fort­schrei­tenden Gewichts­verlust, Appe­tit­lo­sigkeit und anhal­tende Abnahme von Kör­per­zell­masse als Antwort auf die Pro­li­fe­ration von malignem Gewebe. Auf­grund der damit ver­bun­denen großen Belastung kommt es häufig zu Krebs als Trauma.

Ernährungstherapie bei Krebserkrankungen

Es gibt keine Ernäh­rungsform, die bei Krebs­er­kran­kungen eine Heilung bewirkt. Viele „Krebs­diäten“ sind sehr ein­seitig und teil­weise auch gefährlich, da der Körper zusätzlich geschwächt wird. Ziele der Ernäh­rungs­the­rapie bei Krebs:

  • Bedarfs­de­ckende Ernährung, auf den Ein­zelnen abgestimmt
  • Indi­vi­duelle Ernäh­rungs­the­rapie, statt gut gemeinten Rat­schlägen oder „halb­wis­sen­schaft­lichen Ansätzen“
  • Die Not­wen­digkeit der Zufuhr von spe­zi­ellen Nähr­stoffen in Prä­pa­ratform soll in jedem Fall mit dem Arzt oder Diä­to­logen besprochen werden

In einer mul­ti­zen­tri­schen Kohor­ten­studie wurde der während des Kran­ken­haus­auf­ent­haltes statt­fin­dende Abfall des Ernäh­rungs­status mit einem ver­län­gerten Auf­enthalt im Kran­kenhaus asso­ziiert (unab­hängig von demo­gra­fi­schen Fak­toren, Unter­bringung und Krank­heits­schwe­regrad). Dies legt nahe, dass die Kon­trolle des Ernäh­rungs­status und die Bereit­stellung einer adäquaten Ernäh­rungs­be­treuung bei hos­pi­ta­li­sierten Pati­enten wichtig ist. (Allard et al, 2016)

Eine nie­der­län­dische Studie aus 2016 liefert Ver­gleichs­daten für die Prä­valenz der Unter­ernährung mit mehr als einer halben Million Pati­enten. Einer von 7 Pati­enten wurde als unter­ernährt dia­gnos­ti­ziert. In der Ger­iatrie, Onko­logie, Gas­tro­en­te­ro­logie und Inneren Medizin war die Quote sogar höher (1 von 3–4 Pati­enten). Der Kran­ken­haus­auf­enthalt der unter­ernährten Pati­enten war um 1,4 Tage länger als jener von gut genährten Pati­enten. (Krui­zenga et al, 2016)

Diätologische/​ernährungsmedizinische Betreuung und Ernährungskonzept

Diätologische/​ernährungsmedizinische Betreuung und Ernäh­rungs­konzept nach Biesalski et al. (2018):

Ziele der Ernäh­rungs­the­rapie: Pati­en­ten­zu­frie­denheit und Freude am Essen, Gewichts­zu­nahme, Bes­serung des Allgemeinzustandes.

Emp­feh­lungen für die Ernäh­rungs­be­ratung im Alter:

  • Bedarfs­an­ge­passte Energiezufuhr
  • Ver­stärkte Auswahl nähr­stoff­dichter Lebensmittel
  • Mehrmals täglich Obst und Gemüse
  • Hoch­wertige Pro­te­in­quellen zu jeder Haupt­mahlzeit (Milch­pro­dukte, Fleisch, Eier, Hül­sen­früchte, Kar­toffeln, Getreideprodukte)
  • Mehrmals pro Woche Fisch
  • Viel­seitige und abwechs­lungs­reiche Lebensmittelauswahl
  • Nähr­stoff­scho­nende Zube­reitung (z.B. dünsten in wenig Wasser, kürzere Gar­zeiten, ver­meiden von wie­der­holtem Aufwärmen)
  • Bedarfs­an­ge­passte Flüs­sig­keits­zufuhr (ca. 1,5 – 2 L/​d, Mine­ral­wasser, Kräu­tertee, Früch­tetee, Säfte, Suppen, Kaffee)
  • Bewusste Auswahl bal­last­stoff­reicher Lebens­mittel: Voll­korn­pro­dukte, Gemüse, Obst
  • Regel­mäßige Haupt- und Zwi­schen­mahl­zeiten, täglich min­destens eine warme Mahlzeit
  • Kör­per­liche Akti­vität und täg­licher Auf­enthalt im Freien
  • Berück­sich­tigung der indi­vi­du­ellen Gesundheits- und Lebenssituation
  • Bei Indi­kation recht­zei­tiger Beginn mit ente­raler bzw. par­en­te­raler Ernährung

Für eine gelungene Ernäh­rungs­the­rapie ist eine mul­ti­dis­zi­plinäre Zusam­men­arbeit unum­gänglich. Wichtig dabei ist eine gute Kom­mu­ni­kation zwi­schen Ärzten, Pfle­ge­per­sonal, Diä­to­logen und Küchenteam. Wichtige Ziele nach dem Kran­ken­haus­auf­enthalt (um einen erneuten Gewichts­verlust zu ver­meiden): Lang­zeit­be­treuung, Ernäh­rungsplan für zuhause, Übergabe wich­tiger Infor­ma­tionen an Ange­hörige bzw. Heimmitarbeiter.

 


Conclusio

Man­gel­er­nährung tritt im Alter sehr häufig auf. Eine recht­zeitige Inter­vention ist das Um und Auf! „Ernährung ist die erste Medizin“ (Hip­po­krates). Die wich­tigsten Ziele der Ernäh­rungs­the­rapie im Alter sind: Stei­gerung der Pati­en­ten­zu­frie­denheit, Gewichts­zu­nahme und eine Ver­bes­serung des Allgemeinzustandes.


 

OEAIE 2021 Fallmann K, Widhalm K

 

Lite­ratur:

Volkert D. Leit­linien und Stan­dards zur Ernährung in der Ger­iatrie, Z Gerontol Geriatr 2011; 44: 91–99

Biesalski HK, Bischoff SC, Pirlich M et al. Ernäh­rungs­me­dizin 2018, 5. Auflage, Georg Thieme Verlag

Biesalski HK, Fürst P, Kasper H et al, Ernäh­rungs­me­dizin 2004, 3. Auflage, Georg Thieme Verlag

Cruz-​Jentoft AJ, Baeyens JP, Bauer JM et al. Sar­co­penia: European con­sensus on defi­nition and dia­gnosis: Report of the European Working Group on Sar­co­penia in Older People. Age Ageing 2010; 39: 412–423

Allard JP, Keller H, Jee­jeebhoy KN et al. Decline in nut­ri­tional status is asso­ciated with pro­longed length of stay in hos­pi­ta­lized patients admitted for 7 days or more: A pro­spective cohort study. Clin Nutr 2016; 35: 144–152

Krui­zenga H, van Keeken S, Weijs P et al. Under­nut­rition screening survey in 564.063 patients: patients with a positive under­nut­rition screening score stay in hos­pital 1,4 d longer. Am J Clin Nutr 216; 103: 1026–1032

 

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