Futter fürs Immunsystem: Die richtige Mischung machts

Mai 2020 | Easy Reading, online only

Ange­sichts der Covid-​19-​Pandemie stellt sich zunehmend die Frage nach Fak­toren eines optimal funk­tio­nie­renden Immun­systems, unter anderem, welche Rolle die Ernährung hier hat. Dabei ist mit Aus­nahme von Vitamin D kein ein­zelner Bestandteil von Nah­rungs­mitteln her­vor­zu­heben. Aber: Eine gesunde Ernährung wird noch wich­tiger als bisher.

Ein „gut ernährtes“ Immun­system ist eine der Säulen einer gut funk­tio­nie­renden Immun­abwehr und das impli­ziert natürlich auch die Abwehr von Viren. Die Zusam­men­setzung der Ernährung beein­flusst den gesamten Stoff­wechsel und damit auch die Immun­zellen, kann deren Funk­tio­na­lität fördern oder hemmen. Das zeigt sich am deut­lichsten anhand von Extremen, bei Unter­ernährung, aber auch bei Überernährung. Unter­ernährung geht mit einer Sup­pression des Immun­systems einher, die zu einer erhöhten Anfäl­ligkeit gegenüber Krank­heits­er­regern oder Auto­im­mun­krank­heiten führt. Über­ge­wicht und Adi­po­sitas gehen mit chro­ni­schen sub­kli­ni­schen Ent­zün­dungs­pro­zessen einher, die das Risiko für Stoffwechsel- oder kar­dio­vaskuläre Erkran­kungen erhöhen, Auto­im­mun­pro­zesse ver­stärken und die Immun­abwehr schwächen können.

So sind mangel- und fehl­ernährte Per­sonen auch bei einer Covid-​Erkrankung besonders gefährdet, ebenso wie Per­sonen, deren Immun­system durch Alter und Vor­er­kran­kungen bereits geschwächt ist. „Ein guter Ernäh­rungs­zu­stand der Pati­enten redu­ziert deutlich die Wahr­schein­lichkeit, einen schweren Verlauf der Erkrankung durch­zu­machen, blei­bende Fol­ge­schäden zu ent­wi­ckeln oder gar zu versterben“, betont der Ernäh­rungs­me­di­ziner Univ.-Prof. Dr. Stephan C. Bischoff von der Uni­ver­sität Hohenheim (D), mahnt jedoch, nicht nur an ältere Men­schen zu denken: „Fehl- und Man­gel­er­nährung sowie Über­ge­wicht sind in unserer Gesell­schaft auch bei Kindern ein durchaus prä­sentes Phä­nomen. Mit diesen Vor­be­las­tungen steigt das Risiko für eine virale Lun­gen­ent­zündung und einen lebens­be­droh­lichen Infektionsverlauf.“

In diesem Zusam­menhang ver­weist der deutsche Ernäh­rungs­me­di­ziner Univ.-Prof. Dr. Hans Konrad Biesalski auf die zunehmend kri­tische wirt­schaft­liche Situation vieler Familien: „In Deutschland zum Bei­spiel leben zwei Mil­lionen Kinder in Armut – sie sind besonders von den derzeit stei­genden Lebens­mit­tel­preisen betroffen und es sind gra­vie­rende Aus­wir­kungen auf ihre Ent­wicklung zu erwarten, wenn hier nicht gegen­ge­steuert wird.“

Mikronährstoffe: Handlungsbedarf bei Mangel

Der Ein­fluss der Ernährung bezie­hungs­weise ein­zelner Nähr­stoffe auf die Funk­tio­na­lität des Immun­systems beschäftigt die Wis­sen­schaft seit langem und es sind auch zahl­reiche Studien dazu durch­ge­führt worden. In der Folge wird häufig eine ganze Reihe ein­zelner Vit­amine und Mine­ral­stoffe genannt, von denen eine besondere Rolle für die Funk­tio­na­lität des Immun­systems zu erwarten sei. „Aller­dings sind dabei noch viele Fragen offen“, betont Prof. Biesalski, „auch was die mög­lichen Folgen eines Über­schusses von Mikro­nähr­stoffen betrifft, wissen wir noch relativ wenig. Man kann aber davon aus­gehen, dass der mensch­liche Orga­nismus hier für die meisten gute Puf­fer­ka­pa­zi­täten besitzt.“ Aber so wie eine ein­seitige Ernährung ungesund sein kann, kann eine Dys­ba­lance bei Mikro­nähr­stoffen negative Aus­wir­kungen mit sich bringen. Vitamin C zum Bei­spiel ist in hohen Dosen zwar nicht zwangs­weise ein Ver­ur­sacher von Nie­ren­steinen, kann deren Bildung bei ent­spre­chender Prä­dis­po­sition aber aus­lösen. Bei Nie­ren­funk­ti­ons­stö­rungen ist generell Zurück­haltung geboten.

Prof. Biesalski: „Ein Immunboosting mit Nahrungsergänzungsmitteln funktioniert nur dann, wenn ein Defizit vorliegt. Zusätzliche Vitamine und andere Mikronährstoffe können nur einen Mangel beheben, nicht mehr.“

Die These, dass eine Über­dosis von Vit­aminen einen beson­deren Schutz dar­stelle, kann auch Prof. Bischoff nicht unter­schreiben. „Es ist wichtig, Mikro­nähr­stoff­de­fizite zu ver­hindern und zu behandeln. Es gibt jedoch keine nach­ge­wie­senen Beweise dafür, dass bei gut ernährten, gesunden Per­sonen die rou­ti­ne­mäßige Ver­wendung von Mikro­nähr­stoffen in hohen Dosen eine Infektion mit Covid-​19 ver­hindern oder den Krank­heits­verlauf ver­bessern kann.“, betont Prof. Bischoff. Anders sieht es bei Vor­liegen eines Defizits aus: „Per­sonen mit bekannter Fehl- und Man­gel­er­nährung oder einem Risiko dazu sollten sich dabei idea­ler­weise von erfah­renen Ernäh­rungs­be­ratern oder ‑medi­zinern unter­stützen lassen“, rät Prof. Bischoff. Diese könnten auch beur­teilen, in wie weit eine Ergänzung der täg­lichen Ernährung mit Vit­aminen und Mine­ral­stoffen not­wendig sei, um eine optimale Infek­ti­ons­abwehr zu erreichen.

Die Ausnahme: Vitamin D

Vitamin D spielt eine zen­trale Rolle im Immun­ge­schehen, die meisten Immun­zellen haben Rezep­toren dafür. Vitamin D nimmt unter den Nah­rungs­be­stand­teilen deshalb eine besondere Rolle ein, als bei relativ großen Bevöl­ke­rungs­gruppen von einer unzu­rei­chenden Ver­sorgung bzw. einem sub­op­ti­malen Spiegel aus­zu­gehen ist. Ins­be­sondere nach den Win­ter­mo­naten sind Vitamin-​D-​Spiegel häufig zu niedrig, wobei die geo­gra­fische Breite eine wesent­liche Rolle spielt.

Zu den Risi­ko­gruppen zählen ältere Men­schen, bei denen die Syn­these des „Son­nen­vit­amins“ in der Haut nicht mehr so gut funk­tio­niert, Per­sonen, die sich kaum im Freien auf­halten (können) oder ihre Haut weit­gehend ver­decken. „Zudem stehen abge­sehen von fettem Fisch prak­tisch keine Lebens­mittel zur Ver­fügung, die nen­nens­werte Mengen liefern“, so Prof. Biesalski. Von Eigelb müssten zehn Stück am Tag ver­zehrt werden, um den Tages­bedarf zu decken. Älteren Men­schen wird daher grund­sätzlich eine Sup­ple­men­tierung mit 1000 Inter­na­tio­nalen Ein­heiten (IE) pro Tag empfohlen.

„Es gibt einige sehr gute Studien, die zeigen, dass Vitamin-​D-​Mangel ein echter Risi­ko­faktor für eine Covid-​19-​Erkrankung sein kann, vor allem bei Men­schen mit hohem Blut­druck und Dia­betes“, berichtet Prof. Biesalski. Hier wird eine Sub­sti­tution von 1000 Ein­heiten pro Tag auch bei nor­malem Vitamin-​D-​Status emp­fohlen. Dabei geht es nicht nur um Erkran­kungen durch Covid-​19, sondern generell um die optimale Funktion des Immun­systems und die Unter­stützung zahl­reicher wei­terer Stoffwechselvorgänge.

Kurz gesagt:

  • Eine gesunde Ernährung ist eine der Vor­aus­set­zungen für ein gut funk­tio­nie­rendes Immun­system, zum Bei­spiel nach den zehn Regeln der Öster­rei­chi­schen Gesell­schaft für Ernährung (www.oege.at). Gesunde Per­sonen können damit ihren Bedarf an Nähr­stoffen decken.
  • Aller­dings braucht das Immun­system zahl­reiche andere Fak­toren wie kör­per­liche Bewegung, kon­struk­tiven Umgang mit Stress, optimale Behandlung chro­ni­scher Krank­heiten, aus­rei­chend Schlaf, Kon­trolle von Nikotin- und Alko­hol­konsum, um gut zu funktionieren.
  • Ältere und chro­nisch kranke Men­schen haben ein erhöhtes Risiko für ein Defizit bei der Pro­tein­auf­nahme oder bei bestimmten Mikro­nähr­stoffen, die unter anderem für die Funktion des Immun­systems von Bedeutung sind. Im Gespräch mit Ärzten oder Diä­to­logen kann geklärt werden, wie dies zu beheben ist.
  • Die vor­über­ge­hende ergän­zende Auf­nahme von Vitamin D in einer Menge von 1000 Ein­heiten pro Tag kann generell emp­fohlen werden. Ein even­tuell höherer Bedarf bei Risi­ko­gruppen ist abzuklären.

Verwandte Artikel: