Adipositas: Erfolge multimodaler Behandlung

Juni 2020 | Fachlich-Sachlich

Zusammenfassung

Über­ge­wicht und Adi­po­sitas bei Kindern und Jugend­lichen stellen eine gesamt­ge­sell­schaft­liche Her­aus­for­derung dar. Eva­lu­ierte inter­dis­zi­plinäre ambu­lante The­ra­pie­pro­gramme gibt es in Öster­reich nur wenige. In der vor­lie­genden Arbeit wird über die 2‑Jahres-​Ergebnisse des Pro­jektes INFORM Indi­vi­duell, das an den beiden Salz­burger Kinder- und Jugend­ab­tei­lungen seit 2012 ange­boten wird, berichtet. Es zeigen sich (i) eine anhal­tende signi­fi­kante und rele­vante Reduktion des geschlechts- und alters­kor­ri­gierten Body-​Mass-​Index, (ii) eine Ver­bes­serung asso­zi­ierter meta­bo­li­scher kar­dio­vasku­lärer Risko­fak­toren, (iii) eine Reduktion des adipositas-​spezifischen Sucht­ver­haltens, (iv) eine Bes­serung der Adipositas-​spezifischen Lebens­qua­lität, sowie (v) eine Bes­serung salu­to­gener und patho­gener Kogni­tionen. Wenn­gleich Ver­bes­se­rungen der Bewe­gungs­mo­ti­vation und der Ernäh­rungs­vor­lieben für Def­tiges und Gesundes nicht erreicht werden konnten, so können die hierin dar­ge­stellten Ergeb­nisse ange­sichts der durch die Lite­ratur belegten Schwie­rigkeit dau­er­hafter Gewichts­ab­nahme durch kon­ser­vative Maß­nahmen als Erfolg gewertet werden.

 

Einleitung

Adi­po­sitas im Kindes- und Jugend­alter ist mit Stig­ma­ti­sierung, Dis­kri­mi­nierung, psy­chi­schen Auf­fäl­lig­keiten, Defi­ziten in sozialen Fer­tig­keiten und schu­li­schen Pro­blemen, Unzu­frie­denheit mit dem Körper und Beein­träch­tigung des Selbst­wertes sowie in der gesund­heits­be­zo­genen Lebens­qua­lität asso­ziiert (Swallen et al. 2005). Rezente Daten der Childhood Obesity Sur­veil­lance Initiative (COSI) zeigen für 8- bis 9‑jährige Schul­kinder, dass der Anteil an Buben mit Über­ge­wicht und Adi­po­sitas bereits um die 30% beträgt. Bei Mädchen der ent­spre­chenden Alters­gruppe reicht die Prä­valenz je nach Region von rund 21% bis 29% (Weghuber et al 2017). Ein erhöhtes Kör­per­ge­wicht besteht dabei häufig ab dem Vor­schul­alter und per­sis­tiert über­wiegend über die Kindheit hinaus auch im Erwach­se­nen­alter bestehen (Geserick et al. 2018).

Bedingt durch die Zunahme von Adi­po­sitas in Kindheit und Jugend gab es zahl­reiche Bemü­hungen, Erwachsene und Kinder bei der Gewichts­ab­nahme anzu­leiten. In umfang­reichen Meta­ana­lysen konnte gezeigt werden, dass mul­ti­dis­zi­plinäre Inter­ven­tionen bei Kindern jeden Alters zu einer mode­raten Reduktion des alters- und geschlechts­kor­ri­gierten Body Mass Index (BMI) führen (Ells et al 2018). Her­vor­zu­heben ist jedoch, dass Lebens­stil­in­ter­ven­tionen effek­tiver sind, je jünger die Kinder sind. Für die meisten Maß­nahmen fehlt aller­dings der Nachweis der Nach­hal­tigkeit der erzielten Effekte (Ells et al. 2018).

Auf Grund der ein­deu­tigen Aus­sagen von Met­ana­lysen über die geringen Chancen lang­fris­tiger Gewichts­ab­nahmen wurde daher bereits 2001 das neue Para­digma „Health at any Size“ (Miller & Jacob, 2001) pro­kla­miert und die Prüfung von anderen Para­metern als nur des Gewichts gefordert. So zeigte sich, dass eine Lebens­stil­in­ter­vention zu einer Ver­bes­serung von BMI-​SDS-​Werten, Blut­druck, Dysli­pi­dämie und Glu­ko­se­stoff­wech­sel­stö­rungen beitrug (Dobe et al. 2011). Es zeigte sich aber auch, dass unter anderem sozio­de­mo­gra­fische Merkmale der Teil­neh­me­rInnen einen Ein­fluss auf den Erfolg ausüben. Wer genau von einer Inter­vention pro­fi­tiert, wurde eben­falls unter­sucht: Teil­neh­me­rinnen, die aus sozio­öko­no­misch und bil­dungs­mäßig begüns­tigten Gruppen stammen (Müller, Asbeck, Mast, Lan­gnäse, & Grund, 2001; Plachta-​Danielzik et al., 2012) bzw. Teil­nehmer aus dieser Ober­schicht unab­hängig vom Geschlecht (Dobe et al., 2011). Es wurde klar, dass die Ver­än­derung des Ess- und Bewe­gungs­ver­haltens so gra­vie­render Umstel­lungen bedarf, dass man belas­teten Eltern und Kindern zuvor Unter­stützung in den genannten Pro­blemen zukommen lassen muss.

Neue Ansätze ver­langten auch neue Ope­ra­tio­na­li­sie­rungen für die Bereiche Ernährung und Bewegung. Es zeigte sich neben der Ope­ra­tio­na­li­sierung von patho­genen Variablen wie etwa ‚Kon­trolle des Ess­ver­haltens‘ („ich darf auf keinen Fall Scho­kolade essen“) auch die Not­wen­digkeit, der Messung der salu­to­genen Denk­muster (Genuss am Essen, fle­xible Steuerung etc.) gerecht zu werden. Das bedeutet auch eine Abkehr von bis­he­rigen ‚fre­quency lists’, die (bei bekanntem ‚under-​reporting‘ Adi­pöser) Häu­figkeit und Menge des Ver­zehrs uner­wünschter Speisen erfassen, hin zur Ent­wicklung von Ernäh­rungs­vor­lieben bzw. im Sport­be­reich: weg vom Zwang hin zu Spaß und Mach­barem.

Publi­ka­tionen, die Ver­gleiche mit anderen Abhän­gig­keiten (Sport, Alkohol, Nikotin, Drogen) nach­weisen konnten (Ardelt-​Gattinger & Meindl, 2010; Ardelt-​Gattinger, Meindl, et al., 2011; Ardelt-​Gattinger, Miller, Ring-​Dimitriou, Weghuber, & Neu­bauer, 2011), unter­stützten den Ansatz „über­mä­ßiges Essen“ als Sucht-​bedingt zu betrachten. Aller­dings zeigte sich in einer Eva­lua­ti­ons­studie nur baria­trisch behan­delter Per­sonen, dass diese „Sucht“werte eng mit Gewichts­ab­nahme asso­ziiert sind, d.h., dass sie auch ohne spe­zi­fische Sucht­be­handlung massiv sinken, was wie­derum die Lebens­qua­lität ver­bessert (Ardelt-​Gattinger, Miller, & Weiner, 2013).

 

Methodik

Teil­nehmer. Die Projekt-​TeilnehmerInnen wurden aus >400 Kindern und Jugend­lichen, die an der Uni­ver­si­täts­klinik für Kinder- und Jugend­heil­kunde in Salzburg zur Durch­un­ter­su­chung wegen Über­ge­wicht bzw. Adi­po­sitas vor­stellig wurden, rekru­tiert. Pati­enten am Standort Schwarzach wurden nicht in die vor­lie­gende Analyse ein­ge­schlossen. Allen Familien wurde die Teil­nahme grund­sätzlich ange­boten, ca. 25% ent­schieden sich für eine Teil­nahme. Dies ist ein im Ver­gleich zu den Vor­pro­jekten relativ hoher Pro­zentsatz (s. auch ent­spre­chende Berichte des INFORM-​Projektes, das durch Grup­pen­the­rapie und damit auch in Bezug auf die Rekru­tierung asso­zi­ierte Pro­bleme gekenn­zeichnet war). Kinder bzw. Jugend­liche, die im Beob­ach­tungs­zeitraum keine Betreuung im Projekt wünschten und bei denen voll­ständige medi­zi­nische, psy­cho­lo­gische, bewe­gungs­psy­cho­lo­gische und ernäh­rungs­be­zogene Daten­sätze zum Zeit­punkt der Erst­vor­stellung und im Verlauf vor­lagen, dienten als Kon­troll­gruppe („Usual care“). In die Aus­wertung des Effektes des The­ra­pie­kon­zeptes „INFORM indi­vi­duell“ wurden gemäß einer Intention-​to-​treat-​Analyse 90 Kinder (50 Inter­vention, 40 „usual care“, s. Tab. 1) auf­ge­nommen.

Alle Teil­nehmer und min­destens ein Elternteil stimmten schriftlich der Aus­wertung ihrer Daten zu. Für die Studie liegt ein posi­tives Votum der lokalen Ethik­kom­mission vor.

Unter­su­chungen. Bei allen Teil­nehmern wurden umfang­reiche anthro­po­me­trische und meta­bo­lische Para­meter erhoben, die Kör­per­zu­sam­men­setzung, der vis­zerale und sub­kutane Fett­anteil sowie der pro­zen­tuelle Pankreas- und Leber­fett­gehalt mittels MRI gemessen (Staaf et al 2017, s. Tab. 1). Die Unter­su­chung der Steue­rungs­va­riablen des Ess- und Bewe­gungs­ver­haltens, der Lebens­qua­lität und der häu­figsten Komor­bi­dität bzw. Risiken von Adi­po­si­tas­be­hand­lungen, nämlich der Ess­stö­rungen, erfolgte mit dem Eva­lua­ti­ons­system AD-​EVA (Ardelt-​Gattinger & Meindl, 2010).

Design. Die Studie wurde als prä-​post-​Studie mit Kon­troll­gruppe angelegt.

Ziele und Durch­führung des Pro­jekts. Ziel ist ein salu­to­gener, Eltern-​zentrierter Ansatz. Es wird ver­sucht, allen Familien unab­hängig von ihrem sozio­öko­no­mi­schen Hin­ter­grund eine Projekt-​Teilnahme zu ermög­lichen und Familien mit nied­rigem sozio­öko­no­mi­schem Hin­ter­grund nicht von vorn­herein aus­zu­schließen. Der Wechsel des Fokus von Krankheit auf Gesundheit, unab­hängig vom Kör­per­ge­wicht, spiegelt sich im salu­to­genen Ansatz der psy­cho­lo­gi­schen Inter­vention von „INFORM indi­vi­duell“ wider.

Zu Beginn steht eine umfas­sende Dia­gnostik aus den Dis­zi­plinen Medizin, Psy­cho­logie, Diä­to­logie & Sport­psy­cho­logie sowie anschließend ein ebenso umfas­sendes Gesund­heits­coa­ching, welches die Aspekte ver­mittelt und trai­niert, die Kinder und Jugend­liche mit Über­ge­wicht und Adi­po­sitas und deren Familien zu einer Änderung benö­tigen.

Theorie-​geleitete Annahmen. Eine Teil­nahme am Projekt sollte dazu bei­tragen, dass sich medi­zi­nische Variablen und jene kogni­tiven Steue­rungs­me­cha­nismen ändern, die das Ess­ver­halten steuern, sowie die mit Gewichts­ab­nahme asso­zi­ierte Sucht (Ardelt-​Gattinger et al., 2013) nach über­mä­ßigem Essen. Zudem erhielten die Teil­neh­me­rInnen die Mög­lichkeit, einmal wöchentlich an einem kör­per­lichen Trai­nings­pro­gramm (modi­fi­ziertes Box­training) teil­zu­nehmen. Dies sollte zu einer Änderung der Bewe­gungs­mo­ti­vation bzw. Stei­gerung der kör­per­lichen Fitness bei­tragen.

Sta­tistik. Die sta­tis­tische Aus­wertung erfolgte mittels SPSS Version 18.0 für Windows.

Inter­ven­tionen. Das Gesund­heits­coa­ching findet in einem Bera­tungsraum an der Uni­ver­si­täts­klinik für Kinder- und Jugend­heil­kunde in Salzburg statt. Die Kli­en­ten­Innen erscheinen dort ambulant über 1 Jahr ver­teilt zu den ins­gesamt 8 psy­cho­lo­gi­schen und 3 diä­to­lo­gi­schen Ein­heiten. Zweit weitere diä­to­lo­gische Ein­heiten finden im Sinne einer „auf­su­chenden Betreuung“ bei den Familien zu Hause statt. Ferner treffen sich die zustän­digen Psy­cho­lo­gInnen, Diä­to­lo­gInnen und Medi­zi­ne­rInnen zu regel­mä­ßigen Inter­vi­sionen (im Regelfall nach den Psychologie-​Sitzungen I, V und VIII, s. Abb.1).

Vor­ge­hens­weise und Inhalte. Inhalte dieser Ein­heiten sind wie folgt.

Lern­ziele:

  • Erhöhung des Selbst­werts
  • Pro­blem­lösen
  • Motivations- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keiten
  • Fer­tig­keiten zum Selbst­ma­nagement
  • Ver­ständnis der Sucht­dy­namik
  • Ver­meidung von Ver­boten durch erlaub­nis­er­tei­lende Alter­na­tiven
  • Fer­tigkeit einen Mikro­kosmos in der bewe­gungs­armen Über­fluss­ge­sell­schaft zu schaffen
  • Basales Ernäh­rungs­wissen
  • Steuerung des Ess­ver­haltens der Kinder durch adäquate Vor­rats­haltung und Anbot güns­tiger Alter­na­tiven
  • Fer­tig­keiten der Zube­reitung

 

Tech­niken:

Schulung der Eltern bzw. Jugend­lichen basierend auf sys­te­mi­schen Inter­ven­tionen, klas­si­scher und kogni­tiver Ver­hal­tens­the­rapie zu

  • Salu­togene Vor­ge­hens­weisen
  • Ver­stehen des Regel­kreises der Sucht
  • Statt Ver­boten – Bieten von erlaub­nis­er­tei­lenden Alter­na­tiven
  • Kenntnis (und Anwendung) der Gesetze klas­si­schen und ope­ranten Kon­di­tio­nierens (ein­schließlich Selbst­ver­stärkung), Modell­lernen
  • Basales Wissen um Wirk­samkeit von Ernäh­rungs­um­stellung und Erhöhung der Bewe­gungs­fre­quenz im Sinne von „Ver­hält­nisse am Teller ändern“ und Bewegung „in den Alltag inte­grieren“
  • Aufbau von intrinsi­scher Moti­vation zu güns­tigem Essen und aus­rei­chender Bewegung durch Schaffung posi­tiver Erleb­nisse (Genuss, Freude, Spaß …).

 

Ergebnisse

Adipositas-Behandlung Tab.1

Tab.1

Interpretation

Die Aus­wertung des Adi­po­si­tasthe­ra­pie­kon­zeptes „INFORM indi­vi­duell“ zeigt signi­fi­kante Unter­schiede zwi­schen den beiden Gruppen bezüglich des alters- und geschlechts­kor­ri­gierten Body Mass Indizes (BMI sds). Dieser nimmt bei der The­ra­pie­gruppe signi­fikant ab, während er bei der Kon­troll­gruppe signi­fikant ansteigt. Die beiden Gruppen unter­scheiden sich dem­entspre­chend auch signi­fikant bei der Abschluss­un­ter­su­chung, d.h. 1 Jahr nach Abschluss der The­rapie. Das Design der Unter­su­chung war mit The­ra­pie­gruppe und Kon­troll­gruppe angelegt, aller­dings kann man letztere nicht als Kon­troll­gruppe im klas­si­schen Sinne (keine Inter­vention) bezeichnen. Vielmehr handelt es sich bei der Kon­troll­gruppe um eine „Usual Care-​Gruppe“, die lediglich ein basale medi­zi­nische und diä­to­lo­gische Betreuung erhielten.

Bei der Glu­ko­se­to­leranz (120 min Glukose im oralen Glu­ko­se­to­le­ranztest) zeigt sich in der The­ra­pie­gruppe eine signi­fi­kante Bes­serung im Ver­gleich zur Kon­troll­gruppe, die ihrer­seits auch eine Ver­bes­serung auf­weist. Ob dies bei Letz­terer im Sinne einer Wirk­samkeit der „Usual Care“ oder einer sta­tis­ti­schen „Regression zum Durch­schnitt“ zu inter­pre­tieren ist, bleibt offen. Die The­ra­pie­gruppe zeigt zudem eine signi­fi­kante Bes­serung der Hyper­t­ri­gly­ce­ri­dämie.

Bei den kogni­tiven Steue­rungs­me­cha­nismen des Ess- und Bewe­gungs­ver­haltens treten sehr signi­fi­kante Ver­än­de­rungen bei den „Sucht­werten“, d.h. dem „Craving nach und Abhän­gigkeit von über­mä­ßigem Essen“ in der The­ra­pie­gruppe auf. Ver­gleicht man die Sum­men­werte des Fra­ge­bogens mit jenen in den Norm­ta­bellen, so haben die Kinder der The­ra­pie­gruppe auf der 5‑stufigen Skala (im Skalensinn 1= niedrig) bei der Abschluss­un­ter­su­chung Werte von 2.1. Ver­glichen mit den Norm­ta­bellen von 4400 Kindern ent­spricht dies den Werten von Nor­mal­ge­wich­tigen.

Noch stärker ist dies bei der „Adipositas-​bezogenen Lebens­qua­lität“, d.h. all jenen Pro­blemen, die durch die Dis­kri­mi­nierung adi­pöser Men­schen auf­treten, der Fall. Hier konnte in der The­ra­pie­gruppe eine signi­fi­kante Ver­bes­serung erreicht werden, während die Kon­troll­gruppe keine günstige Ent­wicklung dieser Variablen auf­weist. Dies zeigt ver­mutlich am besten den nun inter­na­tional immer stärker betonten Schwer­punkt des The­ra­pie­kon­zeptes: der „Indi­vi­dua­li­sierung der The­rapie“, d.h. exakt an den Her­aus­for­de­rungen und Pro­blemen des ein­zelnen Kindes/​Jugendlichen zu arbeiten.

Die am stärksten mit dem Ver­halten kor­re­lierten salu­to­genen und patho­genen Kogni­tionen ändern sich in der The­ra­pie­gruppe in unter­schied­lichem Ausmaß: hier kommt es bei den Para­metern „positive Grund­ein­stellung zu Bewegung“ und „Ver­führ­barkeit durch Geruch und Anblick von Speisen“ zu (hoch)signifikanten stär­keren Ver­bes­se­rungen im Ver­gleich zur Kon­troll­gruppe, bei „Umsetzen von Emp­feh­lungen“ ist dies als Trend zu sehen. Die Ernäh­rungs­prä­fe­renzen in Beziehung auf „Gesundes“ zeigen sich nur bei der The­ra­pie­gruppe per Trend nach Inter­vention höher, während die Vor­liebe für Snacks bei beiden Gruppen mit einem Trend abnehmen.

Vor­kli­nische wie kli­nische Ess­stö­rungen bleiben bei beiden Gruppen sehr niedrig, sodass man hier ein­deutig sagen kann, dass durch die Sen­si­bi­li­sierung fürs Essen keine Schäden in dieser Hin­sicht auf­ge­treten sind.

Negativ zu bewerten ist, dass bestimmte erwünschte Ver­bes­se­rungen in beiden Gruppen nicht ein­ge­treten sind. Im Vor­der­grund stehen die Bewe­gungs­mo­ti­vation und die man­gelnde Ver­än­derung der Ernäh­rungs­vor­lieben für Def­tiges und Gesundes, sowie ein immer noch erhöhtes Emo­ti­ons­essen. Hier muss man sich aller­dings das Bild der etwa 250 Ein­fluss­fak­toren der Adi­po­sitas vor Augen halten. Die Bewe­gungs­räume und güns­tigen Bewe­gungs­an­gebote sind nicht gewachsen. Die Kinder sind nach der Maß­nahme immer noch adipös und weder im schu­li­schen Umfeld noch unter Freunden änderten sich die häufig aus­ge­prägten adipositas-​spezifischen Vor­ur­teile in diesen zwei Jahren. Es bedarf gerade in den schwie­rigen Jugend­jahren wohl noch mehr Unter­stützung, um sein Selbst­be­wusstsein zu stärken, sich emo­tional und auch psy­cho­so­ma­tisch besser zu fühlen. Umso höher ist es ein­zu­schätzen, dass sich die Sucht­werte auf nied­rigem Niveau befinden und damit einer bewe­gungs­armen Über­fluss­ge­sell­schaft etwas mehr ent­ge­gen­setzen können als zuvor.

Eine lang­fristige Betreuung von Men­schen mit Adi­po­sitas als einer chro­nisch kranken Bevöl­ke­rungs­gruppe ist in Öster­reich – wie in so gut wie allen anderen euro­päi­schen Ländern (WHO 2019) – nur unzu­rei­chend umge­setzt. In der Päd­iatrie gab und gibt es einige inno­vative Ansätze. So wurden bei­spiels­weise in Deutschland Reha­bi­li­ta­ti­ons­maß­nahmen zur initialen Basis­schulung und Gewichts­re­duktion mit einer nach­fol­genden ambu­lanten Nach­be­treuung ver­knüpft. Hier zeigte sich aller­dings, dass eine getrennte Finan­zierung von Reha­bi­li­tation und ambu­lanten Schu­lungs­pro­grammen ein Hemmnis für eine inte­grierte Gesamt­ver­sorgung dar­stellt. Bei Kindern und Jugend­lichen muss die in der Initi­al­phase einer The­rapie begonnene Lebens­sti­län­derung lang­fristig durch den Pati­enten und die Familie fort­ge­führt werden. Dies erfordert eine lang­fristige the­ra­peu­tische Begleitung der Pati­enten und deren Familien, um anfäng­liche Behand­lungs­er­folge lang­fristig abzu­si­chern. Ein erfolg­ver­spre­chendes Konzept für eine „Behand­lungs­kette für adipöse Kinder und Jugend­liche“ hat die deutsche Kon­sen­sus­gruppe Adi­po­si­tas­schulung für Kinder und Jugend­liche e.V.® (KgAS) in ihrem aktua­li­sierten Trai­ner­manual vor­ge­stellt (2019). Pati­en­ten­selbst­hilfe wird bei chro­ni­schen Erkran­kungen als wich­tiger Bau­stein in einem mul­ti­modalen lang­fris­tigen Konzept ange­sehen. Der Einsatz von elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­formen (diverse Apps, Face­book­gruppen u.a.) zur Begleitung lang­fris­tiger Ver­hal­tens­ver­än­derung wurde in Modell­pro­jekten beschrieben und könnte zukünftig zum Einsatz kommen (Bischoff et al 2017).

Weiters muss berück­sichtigt werden, dass Pati­enten mit extremer Adi­po­sitas zwar die höchste Mor­bi­di­tätslast auf­weisen, jedoch medi­zi­nisch schwer zu erreichen und zu behandeln sind. Die extreme Adi­po­sitas hat bei Jugend­lichen in Bezug auf eine lang­fristige Gewichts­re­duktion im Rahmen kon­ser­va­tiver Behand­lungs­pro­gramme eine schlechte Pro­gnose (Steinbeck et al 2018). Grund­sätzlich stehen daher bei dieser spe­zi­ellen Sub­gruppe andere Ziele wie eine Ver­bes­serung von psych­ia­tri­schen und soma­ti­schen Komor­bi­di­täten, die Vermeidung/​Beseitigung einer Behin­derung, die Sicherung/​Wiederherstellung der Erwerbs­fä­higkeit und Ermög­li­chung der vollen Teilhabe am gesell­schaft­lichen Leben sowie die Reinte­gration in Schule oder Aus­bildung und Ent­wicklung beruf­licher Per­spek­tiven im Vor­der­grund.

Zusam­men­fassend ist fest­zu­halten, dass (i) eine anhal­tende signi­fi­kante und rele­vante Reduktion des geschlechts- und alters­kor­ri­gierten Body-​Mass-​Index, (ii) eine Ver­bes­serung asso­zi­ierter meta­bo­li­scher kar­dio­vasku­lärer Risi­ko­fak­toren, (iii) eine Reduktion des Adipositas-​spezifischen Sucht­ver­haltens, (iv) eine Bes­serung der adipositas-​spezifischen Lebens­qua­lität, sowie (v) eine Bes­serung salu­to­gener und patho­gener Kogni­tionen erreicht werden konnte. Ver­bes­se­rungen der Bewe­gungs­mo­ti­vation und der Ernäh­rungs­vor­lieben für Def­tiges und Gesundes konnten nicht erreicht werden. Als limi­tierend muss jedoch erwähnt werden, dass eine zeitlich befristete Maß­nahme der chro­ni­schen Erkrankung „Adi­po­sitas“ nicht gerecht wird, für die eine lang­fristige, viel­leicht sogar lebens­lange, Wei­ter­be­treuung not­wendig ist.

 

Titel der Ori­gi­nal­arbeit:

Mul­ti­modale Behandlung von Kindern und Jugend­lichen mit Über­ge­wicht oder Adi­po­sitas im Bun­desland Salzburg – inter­dis­zi­plinäre Ergeb­nisse der 2‑Jahres-​Nachuntersuchung

Eng.: Mul­ti­di­men­sional tre­atment of children and ado­lescents with over­weight and obesity in Salzburg – inter­di­sci­plinary 2‑year follow up

 

Autoren:

Chris­topher Dalus 1,3, Katharina Maruszczak 1,3, Katharina Mörwald 1,3, Bri­gitte Böhm-​Klabischnig 3, Christoph Kreuzer 3, Ber­narda Lukic 3, Josef Riedler 2, Eva Mit­ter­egger 2, Sabine Gei­ers­berger 3,4, Susanne Ring-​Dimitriou 5, Eli­sabeth Ardelt-​Gattinger 6, Daniel Weghuber 1,3

1 Uni­ver­si­täts­klinik für Kinder- und Jugend­heil­kunde, Para­celsus Medi­zi­nische Pri­vat­uni­ver­sität, Salzburg

2 Abteilung für Kinder- und Jugend­heil­kunde, Kar­dinal Schwarzenberg´sches Kran­kenhaus

3 Obesity Academy Austria, Salzburg

4 Cli­nical Research Center Salzburg, Para­celsus Medi­zi­nische Pri­vat­uni­ver­sität, Salzburg

5 Institut für Sport- und Bewe­gungs­wis­sen­schaft, Paris Lodron Uni­ver­sität Salzburg

6 Fach­be­reich Psy­cho­logie, Paris Lodron Uni­ver­sität Salzburg

 

Kor­re­spon­die­render Autor:

a.o. Univ. Prof. Dr. Daniel Weghuber

Uni­ver­si­täts­klinik für Kinder- und Jugend­heil­kunde

Para­celsus Medi­zi­nische Pri­vat­uni­ver­sität

Müllner Haupt­strasse 48

5020 Salzburg

 

Lite­ratur:

Ardelt-​Gattinger, E., Len­gen­felder, P., & Lechner, H. (2003). Eva­luation inter­dis­zi­plinär ver­netzter Adipositas-​Therapie unter Berück­sich­tigung der Sucht­kom­po­nenten. Ver­hal­tens­the­rapie & Psy­cho­so­ziale Praxis, 35, 735–768.

Ardelt-​Gattinger, E., & Meindl, M. (Eds.). (2010). Inter­dis­zi­pli­näres Test­system zur Dia­gnostik und Eva­luation bei Adi­po­sitas und anderen durch Ess- und Bewe­gungs­ver­halten beein­fluss­baren Krank­heiten (AD-​EVA). Bern: Huber.

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