Relaunch: Mit Schwung in die Zukunft

März 2020 | Easy Reading

Das Journal für Ernäh­rungs­me­dizin hat sich nicht nur einen gestal­te­ri­schen Relaunch „ver­ordnet“, auch inhaltlich und orga­ni­sa­to­risch stehen Neue­rungen auf dem Pro­gramm. Die wis­sen­schaft­liche Redaktion geht in einem Edi­torial Board auf, das wir Ihnen in der nächsten Ausgabe vor­stellen dürfen. Als Her­aus­geber fun­gieren em. Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm und Präs. Dr. Artur Wech­sel­berger.

Wo geht die Reise mit dem neuen Journal für Ernäh­rungs­me­dizin hin?

Widhalm: Alles in allem geht es darum, die Ernährung als wesent­lichen Teil der The­rapie und der Prä­vention stärker zu posi­tio­nieren und mehr Awa­reness für das Potenzial der Ernährung zu schaffen. Weiters gilt es, die Zusam­men­arbeit der mit Ernährung befassten Gesund­heits­berufe zu ver­bessern.

Wech­sel­berger: Das Journal für Ernäh­rungs­me­dizin ist eine gut ein­ge­führte Zeit­schrift. Es ist einfach wieder einmal an der Zeit, die Richt­linien und die Blatt­linie zu schärfen, Kor­rek­turen vor­zu­nehmen, wo welche vor­zu­nehmen sind, und Stärken weiter zu stärken. Eine ernäh­rungs­me­di­zi­nische Zeit­schrift aus­schließlich mit hoch­wer­tigen Publi­ka­tionen zu füllen wird in Öster­reich kaum möglich sein, daher müssen wir ver­suchen, eine gewisse Breite zu erzielen, ohne den wis­sen­schaft­lichen Anspruch zu ver­lieren.

Welche Gruppen innerhalb der Ärz­te­schaft sollen vor allem ange­sprochen werden?

Wech­sel­berger: Die Zeit­schrift wendet sich nach wie vor primär an Ärz­tinnen und Ärzte mit einem beson­deren Interesse an Ernäh­rungs­me­dizin. Das sind nicht nur jene, die ein Diplom erworben haben. Es sind auch die­je­nigen, die aus ihrer ärzt­lichen Tätigkeit heraus wissen, wie wichtig Ernäh­rungs­me­dizin im täg­lichen Behand­lungs­ge­schehen und in der Prä­vention ist – allen voran All­ge­mein­me­di­ziner, Inter­nisten und Kin­der­ärzte. Idea­ler­weise sollten wir neben der eta­blierten Ärz­te­schaft auch mehr Leser in der Stu­den­ten­schaft finden, ebenso bei den Kol­le­ginnen und Kol­legen in der post­pro­mo­tio­nellen Aus­bildung.

Widhalm: Unser Ziel mit diesem Journal ist einer­seits, Ärz­tinnen und Ärzte jeg­licher Aus­bildung über den Stand der Wis­sen­schaft aus­rei­chend und gut zu infor­mieren. Ande­rer­seits geht es darum, ein Portal für junge Leute zu schaffen und sie anzu­regen, Studien zu machen und Arbeiten zu ver­fassen, die im Journal für Ernäh­rungs­me­dizin publi­ziert werden können.

Sehen Sie in Öster­reich Nach­hol­bedarf spe­ziell bei der Unter­su­chung ernäh­rungs­me­di­zi­ni­schen Fra­ge­stel­lungen?

Widhalm: Wir haben aus Öster­reich zum Bei­spiel prak­tisch keine Daten über den Ernäh­rungs­status, sei es bei Senioren, bei Kindern, Jugend­lichen oder bei Men­schen, die sich ein­seitig ernähren. Gibt es Unter­ver­sorgung? Gibt es Defizite? Wie kann man den Defi­ziten vor­beugen? Wie kann man Sup­ple­mente gezielt ein­setzen? Wie viele Men­schen mit Sar­ko­penie gibt es in Alters­heimen? Auch die Ernäh­rungs­si­tuation von Migranten ist ein wich­tiges Thema, mit dem wir uns noch viel zu wenig beschäftigt haben.

Wie kann man sich die För­derung der Publi­ka­ti­ons­tä­tigkeit junger Ärzte vor­stellen?

Wech­sel­berger: Man könnte unter anderem bei den Diplom­ar­beiten, die als Abschluss des Medi­zin­stu­diums gemacht werden müssen, ansetzen und Diplo­manden bezie­hungs­weise deren Betreuer ein­laden, ernäh­rungs­me­di­zi­nische Themen zu wählen. Wie schon ange­sprochen gibt es ja viele nahe­lie­gende Fra­ge­stel­lungen, deren Bear­beitung sehr lohnend sein kann. Die Arbeiten könnten durchaus im engeren Umfeld durch­ge­führt werden – im eigenen Kran­kenhaus, in einem Altersheim in der Umgebung oder auch im stu­den­ti­schen Umfeld.

Die jungen Kol­le­ginnen und Kol­legen hätten damit die Option, sich einem Thema zu widmen, das noch nicht über-​bearbeitet ist, das direkte prak­tische Relevanz hat und für das wir mit dem Journal für Ernäh­rungs­me­dizin ein ernst zu neh­mendes Journal für eine Publi­kation bieten – die übrigens auch in deut­scher Sprache abge­fasst sein kann.

Auf einen publi­zierten Artikel kann man nicht nur per­sönlich stolz sein. Man kann mit mehr Nach­druck auf eine Diplom­arbeit ver­weisen, die nicht nur von der Uni­ver­sität aner­kannt wurde, sondern darüber hinaus den Review­prozess des Journals für Ernäh­rungs­me­dizin durch­laufen hat. Werden dabei ver­bes­se­rungs­würdige Umstände auf­ge­zeigt, kann man an die Politik her­an­treten und Ver­än­de­rungen anregen. Das ist doch eine reiz­volle Aufgabe – egal ob die wis­sen­schaft­liche Laufbahn wei­ter­ver­folgt wird oder ob das die einzige Publi­kation des Lebens bleibt.

Widhalm: Ich kann es nur sehr unter­stützen, dass man jungen Leuten die Chance gibt, einmal eine wis­sen­schaft­liche Arbeit gemacht und publi­ziert zu haben. Viel­leicht wird dadurch das Interesse an wis­sen­schaft­licher Tätigkeit geweckt. Wenn man einmal eine wis­sen­schaft­liche Arbeit gemacht und publi­ziert hat, weiß man jeden­falls, wie so eine Arbeit zustande kommt, man weiß, wie eine Lite­ra­tur­suche gemacht und Sta­tis­tiken erstellt werden – und man kann Arbeiten besser inter­pre­tieren

Welche Bedeutung hat Ernäh­rungs­me­dizin heute generell?

Widhalm: Ernährung als Teil der Prä­vention und als Teil der The­rapie ist ein zunehmend wich­tiger Bereich in der Medizin. Leider ist die Ernäh­rungs­me­dizin in Öster­reich nicht in dem Maße in die Cur­ricula inklu­diert, wie wir uns das wün­schen würden. Dass man mit Ernährung heute sehr viel erreichen kann, ist aber vielen klar. Aller­dings sind die Infor­ma­tionen, die sowohl Ärzte als auch Laien bekommen, zum Großteil nicht wirklich evi­denz­ba­siert.

Wech­sel­berger: Man kann drei Ziel­rich­tungen der Ernäh­rungs­me­dizin unter­scheiden, die wir im Journal alle im Blick behalten wollen. Dabei handelt es sich um den großen Bereich der Prä­vention, die nicht minder umfang­reichen kura­tiven Mög­lich­keiten und schließlich – das sollte man nicht ver­gessen – um Fragen des Lebens­stils, die natürlich auch wis­sen­schaftlich fun­diert abge­handelt werden müssen.

Welche Bedeutung haben Lebens­stil­fragen für den betreu­enden Arzt?

Wech­sel­berger: In der ärzt­lichen Praxis ist man ständig mit Lebens­stil­fragen kon­fron­tiert, ebenso mit Trends in der Ernährung, die nicht selten mit eso­te­ri­schen und mys­ti­schen Ele­menten ver­mengt sind. Wenn man weiß, welche Ernäh­rungs­trends gerade en vogue sind und diese adäquat ein­zu­schätzen weiß, kann man wesentlich besser beratend tätig sein.

Das Journal für Ernäh­rungs­me­dizin soll also mehr Service bieten.

Widhalm: Das halte ich für einen sehr wich­tigen Punkt. Bedarf besteht unter anderem bei der Betreuung von Pati­enten nach einem Kran­ken­haus­auf­enthalt. Im Spital sind Pati­enten häufig nicht auf­nah­me­fähig genug, um emp­fohlene Lebens­stil­maß­nahmen ganz zu erfassen. Umso wich­tiger ist eine ent­spre­chende post­sta­tionäre Betreuung durch den nie­der­ge­las­senen Arzt – auch dabei wollen wir Unter­stützung bieten.

Wech­sel­berger: Es liegt mir besonders am Herzen, dass die Leser prak­tische Umset­zungs­mög­lich­keiten vor­finden. Ernäh­rungs­emp­feh­lungen sind häufig noch viel zu all­gemein for­mu­liert. Emp­feh­lungen wie ‚Essen Sie gesünder‘, ‚Ver­wenden Sie weniger Fett‘ oder ‚Essen Sie mehr Koh­len­hy­drate‘ sind wenig hilf­reich. Das wissen die Betrof­fenen meist schon. Aber was heißt das konkret auf ein­zelne Lebens­mittel bezogen? Unser Ziel ist es, Infor­ma­tionen zu liefern, die beim nächsten Einkauf umge­setzt werden können.

Weiters ist man als Arzt auch Über­setzer wis­sen­schaft­licher Aus­sagen. Da kann es sehr hilf­reich sein, einen Artikel mit auch für Laien ver­ständlich auf­be­rei­teten Infor­ma­tionen zur Hand zu haben. Handouts werden von Pati­enten sehr geschätzt, wobei diese mög­lichst einfach abge­fasst sein sollten und Raum für indi­vi­duelle Anmer­kungen bieten.

Wenn das Journal für Ernäh­rungs­me­dizin die „Über­set­zer­tä­tigkeit“ der Ärzte unter­stützt, kann es damit auch das Lai­en­pu­blikum direkt ansprechen.

Widhalm: Ich bin über­zeugt davon, dass wir ein Medium sein sollen, das sich auch an Laien wendet. Laien sind an wis­sen­schaft­lichen Ergeb­nissen sehr inter­es­siert und im Bereich Ernährung gibt es in Öster­reich prak­tisch kein Journal, das sich mit evi­denz­ba­sierter Medizin in einer leicht ver­ständ­lichen Form beschäftigt. Gleich­zeitig soll dieses Journal auch Laien Tools zur Ver­fügung stellen, die eine Änderung des Ver­haltens im Sinne bes­serer Ernäh­rungs­ge­wohn­heiten leichter möglich machen.

Partner der Ärz­te­schaft in ernäh­rungs­me­di­zi­ni­schen Fragen sind Diä­to­lo­ginnen und Diä­to­logen …

Widhalm: Wir müssen in beiden Gruppen mehr Awa­reness für die Bedeutung der Ernährung in der The­rapie schaffen. Jeder von uns kennt Pati­enten, die nach einer Ope­ration oder während einer Che­mo­the­rapie innerhalb kurzer Zeit viel zu viel Gewicht ver­loren haben. Hier wäre eine adäquate Ernäh­rungs­the­rapie erfor­derlich, die indi­vi­duell sehr ver­schieden sein kann. Das erfordert eine gute Zusam­men­arbeit beider Gruppen.

Wech­sel­berger. Meinem Ein­druck zufolge haben sich Ärzte und Diä­to­logen in letzter Zeit eher aus­ein­an­der­ent­wi­ckelt, obwohl sie an den­selben Zielen arbeiten. Dem Aufbau des öster­rei­chi­schen Gesund­heits­wesens ent­spre­chend setzen Diä­to­logen das um, was Ärzte als the­ra­peu­tische oder prä­ventive Maß­nahme vor­schlagen und anordnen. Dafür müssen wir ein­ander auch ver­stehen, wir müssen die­selbe Sprache sprechen. Das Journal für Ernäh­rungs­me­dizin bietet eine Chance, sich wieder anzu­nähern. Deshalb ist es meiner Ansicht nach auch sinnvoll und ziel­führend, dass Diä­to­logen ihre Erfah­rungen hier ein­bringen.

Wie kann der Beitrag der Diä­to­logie zum Journal für Ernäh­rungs­me­dizin konkret aus­sehen?

Wech­sel­berger: Ich sehe den Beitrag und die Stärke der Diä­to­logen vor allem im pra­xis­be­zo­genen Bereich, ob das nun Fall­be­richte, Fall­studien oder Erfah­rungs­be­richte sind. Ein mar­kanter und gut doku­men­tierter Fall­be­richt kann sehr viel Pra­xis­re­levanz ent­halten. Diä­to­logen haben ein umfang­reiches ernäh­rungs­the­ra­peu­ti­sches Wissen und einen großen Erfah­rungs­schatz im Umgang mit Pati­enten. Auch in diesem Zusam­menhang halte ich die leichte Zugäng­lichkeit ernäh­rungs­the­ra­peu­ti­scher Emp­feh­lungen für essen­ziell. Die Vor­schläge müssen für einen Durch­schnitts­kon­su­menten einfach umsetzbar sein.

Widhalm: Mir erscheint der Punkt betreffend die­selbe Sprache sehr wichtig. Die­selbe Sprache zu sprechen impli­ziert auch die gemeinsame Aus­richtung der Tätigkeit nach Gui­de­lines, die auf­grund wis­sen­schaft­licher Erkennt­nisse evi­denz­ba­siert sind. Diä­to­lo­gische Ver­fahren müssen eva­luiert werden, die Ergeb­nisse einer Ernäh­rungs­the­rapie müssen greifbar und doku­men­tiert sein, und sie müssen auch kom­mu­ni­ziert werden. Wir müssen mehr mit­ein­ander reden – vor, während und nach einer Ernäh­rungs­the­rapie.

In Amerika sind die Cli­nical Nut­ri­tio­nists bei Visiten dabei. Bei uns werden die Diä­to­logen oft alleine gelassen. Diä­to­logen müssen aber auch die Befunde und die Medi­kation kennen, sie müssen wissen, welche Inter­ak­tionen es geben kann.

Was heißt eigentlich „gesunde Ernährung“ heute?

Widhalm: Ich möchte den Begriff „gesund ernähren“ dezi­diert so stehen lassen. Viele Begriffe wie zum Bei­spiel „aus­ge­wogen“ sind nir­gends defi­niert. Auch können wir durch Gui­de­lines, durch Emp­feh­lungen, nur einen Überbau geben. Jeder Mensch hat eine andere Kon­sti­tution. Der eine ver­trägt keine Zwiebel, manche wollen am Abend keinen Salat essen, andere lieber auf Fleisch ver­zichten. Auf diese indi­vi­du­ellen Gege­ben­heiten müssen wir gezielt ein­gehen und Ärzten auch Tools in die Hand geben, wie er mit dem Pati­enten umgeht. Nicht jeder Patient mit einem Reiz­darm­syndrom wird die­selbe The­rapie brauchen – das kann sehr unter­schiedlich sein. Aber gewisse Grund­lagen sind vor­handen.

Wech­sel­berger. Wenn es um gesunde Ernährung geht, spielt auch der Genuss­aspekt eine große Rolle und sollte in diesem Journal vor­kommen. In letzter Zeit hat sich eine große Ver­un­si­cherung aus­ge­breitet was die Ernährung betrifft. Essen sollte aber Freude machen, wieder Freude machen, und wir wollen Infor­ma­tionen dazu liefern, wie sich das mit einer gesunden Ernährung ver­ein­baren lässt.

In Hin­blick auf Mega­trends wie Fast Food, Con­ve­nience, Sna­cki­fi­cation usw. spielt die Lebens­mit­tel­in­dustrie eine bedeu­tende Rolle, wenn es um eine gesunde Ernährung geht.

Widhalm: Wir sind grund­sätzlich offen für alle Dis­zi­plinen. Die Lebens­mit­tel­wirt­schaft hat einen großen Anteil, der bei uns auch zur Sprache kommen soll. Das Problem der Lebens­mit­tel­wirt­schaft weltweit ist aber, dass Gesund­heits­aspekte noch sehr wenig berück­sichtigt werden. Wir sollten ver­suchen, die Lebens­mit­tel­in­dustrie als Partner für eine gesunde Ernährung zu gewinnen. Dabei geht es um Gemein­schafts­ver­pflegung ebenso wie um die Pro­duktion.

Wech­sel­berger: Der Bedarf an Con­ve­nience, an ‚schneller‘ Küche ist vor­handen, das kann man nicht weg­dis­ku­tieren. Man kann auch Fer­tig­ge­richte nicht pau­schal ablehnen. Es geht darum, Wege zu einer qua­li­täts­vollen ‚schnellen‘ Küche auf­zu­zeigen, die es ja durchaus gibt. Eine Vor­aus­setzung dafür sind qua­li­täts­volle Inhalts­stoffe. In dieser Richtung müssen wir ver­suchen, die Lebens­mit­tel­in­dustrie zu sen­si­bi­li­sieren.

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