Wissenschaft vs. Fake News: Vom Umgang mit Risiken und deren Wahrnehmung

September 2019 | Fachlich-Sachlich

Man kann davon aus­gehen, dass die nega­tiven Aus­wir­kungen von Fehl­in­for­ma­tionen auf die öffent­liche Gesundheit unter­schätzt werden. Die Kom­munkation von Risiken muss die Risi­ko­mün­digkeit des Ein­zelnen erhöhen, damit diese auch richtig bewertet und wahr­ge­nommen werden. Dazu ist die ziel­grup­pen­spe­zi­fische Auf­be­reitung evi­denz­ba­sierter Infor­ma­tionen und deren adäquate Ver­breitung erfor­derlich.

In der digi­ta­li­sierten Welt gibt es eine enorme Infor­ma­ti­onsflut. Com­puter, Internet und soziale Medien ermög­lichen jedem und jederzeit, Infor­ma­tionen sofort und weltweit zu kom­mu­ni­zieren.

Die Öster­rei­che­rInnen nutzen vor­wiegend Fern­sehen, klas­sische Medien und Internet, um sich über Risiken zu infor­mieren und ver­trauen dabei der Wis­sen­schaft am meisten [1, 2], wobei auch das Miss­trauen gegenüber wis­sen­schaft­licher Kom­mu­ni­kation durch die Wei­ter­ver­breitung von irre­füh­renden und ver­zerrten Infor­ma­tionen zunimmt [3]. Sowohl in klas­si­schen als auch in Online-​Medien werden wis­sen­schaft­liche Infor­ma­tionen falsch, ver­zerrt oder über­trieben dar­ge­stellt. Eine Analyse von 990 Gesund­heits­bei­trägen in öster­rei­chi­schen Print- und Online-​Medien ergab, dass nur elf Prozent auch dem tat­säch­lichen wis­sen­schaft­lichen Ergebnis ent­sprechen [4]. Prin­zi­piell kann davon aus­ge­gangen werden, dass negative Aus­wir­kungen von Fehl­in­for­ma­tionen auf die öffent­liche Gesundheit unter­schätzt werden [5].

Wis­sen­schaft­liche Infor­ma­tionen sind evi­denz­ba­siert und beinhalten Unsi­cher­heiten und Wahr­schein­lich­keiten, die oft schwer ver­ständlich und für fachun­kundige Per­sonen nicht nach­voll­ziehbar sind. Fake News hin­gegen sind auf­grund ihres Framings leicht ver­ständlich und ver­breiten sich spe­ziell in den sozialen Netz­werken ungleich rasch. Auf Twitter konnte fest­ge­stellt werden, dass die Ver­breitung von Falsch­mel­dungen signi­fikant schneller und weiter erfolgt als von wahren Nach­richten, wenn­gleich dieser Trend bei Nach­richten aus der Wis­sen­schaft geringer aus­ge­prägt ist als bei poli­ti­schen Nach­richten [6].

„Richtige“ Fake News, die in mani­pu­la­tiver Absicht mit seriösem Anschein erfundene oder weit­gehend erfundene Falsch­mel­dungen ver­breiten, sind weniger häufig anzu­treffen als Des­in­for­ma­tionen durch selektive Infor­ma­ti­ons­wei­tergabe, Fak­ten­sug­gestion, Gene­ra­li­sierung und Zuspitzung. Auch das Igno­rieren oder Unter­drücken von bekanntem Wissen (emi­nenz­ba­siert statt evi­denz­ba­siert) führt durch ein schein­bares Nicht­wissen zu Falsch­in­for­ma­tionen [7].

Fake News sind sehr oft mit einem hohen Ausmaß an Emo­tionen besetzt und beein­flussen so auch die Risi­ko­wahr­nehmung des Ein­zelnen wesentlich, ins­be­sondere wenn die Falsch­aussage als solche nicht erkannt oder wahr­ge­nommen wird.

Subjektive Risikoeinschätzung

Die Risi­ko­be­wertung eines Indi­vi­duums hängt von der sub­jek­tiven Wahr­nehmung ab und das sub­jektiv ein­ge­schätzte Risiko ist unab­hängig von der mess­baren Ein­tritts­wahr­schein­lichkeit. Eine Risiko-​Nutzen-​Analyse, die Betrof­fenheit, die Ver­trautheit eines Risikos, aber auch die Kon­trol­lier­barkeit, sind neben der Art und des Aus­maßes des Schadens und dem Zeit­punkt des Scha­dens­ein­trittes wesent­liche Fak­toren des sub­jek­tiven Risikos. Prin­zi­piell werden Risiken eher akzep­tiert, wenn sie frei­willig ein­ge­gangen werden (Rauchen, Fehl­ernährung), ein direkter per­sön­licher Nutzen (Bequem­lichkeit, Status) damit in Ver­bindung steht, aber auch wenn sie eine Her­aus­for­derung oder einen Ner­ven­kitzel (Sport) dar­stellen und ihre mög­lichen Aus­wir­kungen zeitlich ver­zögert auf­treten (Überernährung). Bei Fremd­be­stimmung (Umwelt­kon­ta­mi­nanten, Rück­stände von Pflan­zen­schutz­mitteln und Anti­biotika, Zusatz­stoffe in Lebens­mitteln) oder auch bei schwer ver­ständ­lichen oder unna­tür­lichen Risiken (Gen­technik, Strahlung) ver­mindert sich die Akzeptanz.

Je nach Risi­ko­si­tuation und ‑kontext bestehen unter­schiedlich aus­ge­prägte Dis­kre­panzen zwi­schen der gesell­schaft­lichen, der indi­vi­du­ellen und der Risi­ko­wahr­nehmung durch Exper­tInnen. Es sind nicht immer die Themen, die aus wis­sen­schaft­licher Sicht auch tat­sächlich ein Risiko dar­stellen, die die Bevöl­kerung beun­ru­higen bezie­hungs­weise besorgen. So besorgen die Öster­rei­che­rInnen beim Thema Gesundheit vor allem endo­krine Dis­ruptoren und Anti­bio­tikarück­stände in Lebens­mitteln, wohin­gegen die Fehl- und Überernährung viel weniger und krank­ma­chende Keime am wenigsten Besorgnis erzeugen [2, 3] (Abb 1, 2).

Resistenz gegen Fake News

  • Um Fake News und Des­in­for­ma­tionen ent­ge­gen­zu­wirken, zählt zu den größten Her­aus­for­de­rungen in der Kom­mu­ni­kation, in erster Linie immer evi­denz­ba­sierte Stu­di­en­ergeb­nisse, Risi­ko­be­wer­tungen und Emp­feh­lungen pra­xisnahe dar­zu­stellen. Wichtig ist, nicht Angst und Unsi­cherheit her­vor­zu­rufen, sondern Bewusstsein für bestehende Risiken zu schaffen und Anlei­tungen zum rich­tigen Umgang mit Risiken zu geben. Im Ernäh­rungs­be­reich ist es auch wichtig, dass es bei spe­zi­ellen Themen wie zum Bei­spiel Vega­nismus zu keiner Stig­ma­ti­sierung durch die explizite oder implizite Dar­stellung als anormale Ernäh­rungsform kommt, sondern die mög­lichen Risiken einer Unter­ver­sorgung auf­zu­zeigen und ent­spre­chende Hand­lungs­an­wei­sungen zu geben. Zukünftig bedarf es auch Online-​Strategien von Wis­sen­schaft­le­rInnen, um Kam­pagnen von Fehl- und Des­in­for­mation ent­ge­gen­zu­wirken, die unwei­gerlich auf die Ver­öf­fent­li­chung von Erkennt­nissen erfolgen [3].
  • Eine weitere Her­aus­for­derung ist der Umgang mit Wissen, ins­be­sondere mit neuem Wissen. Dieses darf nicht zu schein­barem Nicht­wissen werden. Neues Wissen kann zum wis­sen­schaft­lichen Diskurs führen, der aber auf der Wis­sen­schafts­ebene abge­halten werden sollte und nicht in der Öffent­lichkeit, um Ver­un­si­che­rungen zu ver­meiden. Konsens finden und ein­heitlich kom­mu­ni­zieren ist erfor­derlich. Hier gilt es, die Glaub­wür­digkeit zu erhalten. Eine zusätz­liche Her­aus­for­derung ist auch der rationale Diskurs in Zusam­menhang mit der kogni­tiven Dis­sonanz. Die unter­schied­lichen Über­zeu­gungen, Gefühle und Werte stehen den Ent­schei­dungen, Hand­lungen und Infor­ma­tionen gegenüber. Hier müssen mit Hilfe von Kom­mu­ni­kation Kom­pro­misse zwi­schen den Inter­es­sens­ge­gen­sätzen und Wert­kon­flikten erzielt werden [8].
  • Eine erfolg­reiche Kom­mu­ni­kation muss den Weg vom Wissen zum Handeln durch ein­heit­liche, ziel­grup­pen­spe­zi­fische Infor­ma­tionen, die auch indi­vi­duelle Vor­lieben und Gewohn­heiten berück­sich­tigen, unter­stützen. Rea­lis­tische Emp­feh­lungen können über neue Medien pra­xisnah ver­an­schau­licht werden und die Basis für eine infor­mierte Hand­lungs­ent­scheidung bilden. Das Bewusst­machen von Unter­schieden zwi­schen Wissen und Nicht-​Wissen kann auch dazu bei­tragen, die Resistenz gegenüber Fake News zu erhöhen.
  • Um dem Wunsch der Laien gerecht zu werden, sollten wis­sen­schaft­liche Unge­wiss­heiten bezüglich Risiken mit­kom­mu­ni­ziert werden und Infor­ma­tionen über neu auf­tre­tende Risiken früh­zeitig publi­ziert werden, auch wenn es noch Unsi­cher­heiten gibt.
  • Nun hängt die Bewertung und Ein­ordnung von Infor­ma­tionen aber nicht nur von der ver­mit­telten Wahr­schein­lichkeit und mess­baren Folgen ab, sondern auch von der Gestaltung der Infor­ma­tionen. Daher ist die Ver­mittlung von Gefahren und Risiken inklusive Framing, Risi­ko­dar­stellung (absolute statt relative Risiken) und Ver­ständ­lichkeit von beson­derer Bedeutung, um mög­liche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­bleme zu ver­hindern. Dazu zählen zum Bei­spiel skan­da­li­sie­rende oder stig­ma­ti­sie­rende Bei­träge, pra­xis­ferne, irre­füh­rende Dar­stel­lungen oder auch die Über­for­derung der Ziel­gruppe.
  • Neben der Ver­ständ­lichkeit sind Glaub­wür­digkeit, Kom­petenz, Kon­sistenz, Offenheit und Trans­parenz die Grundlage einer pro­fes­sio­nellen Risi­ko­kom­mu­ni­kation, um das Ver­trauen bei den Adres­sa­tInnen zu erhöhen, ihre Urteils- und Hand­lungs­fä­higkeit sowie ihre Ent­schei­dungen zu erleichtern, um so den Weg vom Wissen zum Handeln zu unter­stützen. Nur so ist es zukünftig möglich, dass Fake News leichter erkannt und nicht wei­ter­ver­breitet werden. Bedenken sollte man auch jeden­falls, dass Stand­punkte, Über­zeu­gungen und Risi­ko­wahr­neh­mungen durch Fake News, wenn sie durch Fakten widerlegt werden, noch vehe­menter ver­treten werden (Confirmation-​Bias).

 

Fazit

Die Kom­munkation von Risiken muss die Risi­ko­mün­digkeit des Ein­zelnen erhöhen, damit diese auch richtig bewertet und wahr­ge­nommen werden. Für Risiken, die kaum beun­ru­higen, aber ein tat­säch­liches Risiko dar­stellen (pathogene Keime, Afla­toxine, Über- und Fehl­ernährung) muss auch wei­terhin Bewusstsein geschaffen und evi­denz­ba­sierte Infor­ma­tionen ziel­grup­pen­spe­zi­fisch zur Ver­fügung gestellt werden.

 

 

Kontakt

Univ.-Doz. Dr. Ingrid Kiefer, Leitung des Fach­be­reichs Risi­ko­kom­mu­ni­kation, Öster­rei­chische Agentur für Gesundheit und Ernäh­rungs­si­cherheit (AGES), Spar­gel­feld­straße 191, 1220 Wien, www.ages.at

 

Refe­renzen

[1] Kiefer I, Fuchs K, Gries­bacher A, Heim­berger A, Benda-​Kahri S, Enzinger S, Offenthaler I (2017). Risi­ko­ba­ro­meter. AGES Wissen aktuell online. doi: 10.23764/0010

[2] Kiefer I, Martha M, Adrian U, Stüger HP, Enzinger S, Benda-​Kahri S (2018). Risi­ko­ba­ro­meter Umwelt & Gesundheit. AGES Wissen aktuell online. doi: 10.23764/0016

[3] Iyengar S, Massey DS (2019). Sci­en­tific com­mu­ni­ca­tions in a post-​truth society. Proc Natl Acad Sci U S A. 16; 116(16):7656–7661. doi: 10.1073/pnas.1805868115

[4] Ker­schner B, Wipp­linger J, Kle­rings I, Gart­lehner G (2015). Wie evi­denz­ba­siert berichten Print- und Online-​Meiden in Öster­reich? Eine quan­ti­tative Analyse. Zeit­schrift für Evidenz, Fort­bildung und Qua­lität im Gesund­heits­wesen 109(4–5)341–349

[5] Peters A, Tartari E, Lot­fi­nejad N, Parneix P, Pittet D (2018). Fighting the good fight: the fallout of fake news in infection pre­vention and why context matters. J Hosp Infect. 2018 Dec;100(4):365–370. doi: 10.1016/j.jhin.2018.08.001. Epub 2018 Aug 6.

[6] Vosoughi S, Roy D, Aral S (2018) The spread of true and false news online. Science 359(6380):1146–1151. doi: 10.1126/science.aap9559

[7] Wil­kesmann M (2018). Der pro­fes­sio­nelle Umgang mit Nicht­wissen. Ein­fluss­fak­toren auf der indi­vi­du­ellen, orga­ni­sa­tio­nalen und orga­ni­sa­ti­ons­über­grei­fenden Ebene Dis­cussion papers des Zen­trums für Wei­ter­bildung Tech­nische Uni­ver­sität Dortmund 01–2010 ISSN 1863–0294. https://www.researchgate.net/profile/Maximiliane_Wilkesmann/publication/47561473_Der_professionelle_Umgang_mit_Nichtwissen/links/5516e0c40cf2f7d80a39bdba.pdf

[8] Renn O, Schweizer PJ, Dreyer M, Klinke A (2007). Risiko. Über den gesell­schaft­lichen Umgang mit Unsi­cher­heiten. Oekom Verlag, München