Screening & Register für Familiäre Hypercholesterinämie

Juni 2019 | Fachlich-Sachlich

Nach wie vor ist die Fami­liäre Hyper­cho­le­ste­rinämie auch hier­zu­lande unter­dia­gnos­ti­ziert und unter­the­ra­piert. Ein mul­ti­dis­zi­pli­näres Projekt der Öster­rei­chi­schen Athe­ro­skle­ro­se­ge­sell­schaft in Zusam­men­arbeit mit rele­vanten Fach­ge­sell­schaften und der öster­rei­chi­schen Pati­en­ten­or­ga­ni­sation FHchol Austria soll nun Abhilfe schaffen.

Gabriele Hanauer-​Mader

 

Die Fami­liäre Hyper­cho­le­ste­rinämie (FH), eine autosomal-​dominante gene­tische Lipid­stoff­wech­sel­störung mit mitt­ler­weile über 1.700 bekannten Muta­tionen, mani­fes­tiert sich durch erhöhte LDL-​Cholesterin-​Konzentrationen von Kindheit an. Bei der relativ häu­figen hete­ro­zy­goten FH – nunmehr geschätzte Prä­valenz 1:200 – liegen die Ausgangs- LDL-​C-​Konzentrationen bei Kindern laut Simon-​Broome-​Kriterien zwi­schen 155 und 400 mg/​dl, im Dutch Lipid Clinic Network Score werden bereits 130 mg/​dl (>95. Per­zentile) als dia­gnos­tisch relevant ange­sehen. Bei der sel­tenen homo­zy­goten FH (Prä­valenz ca. 1:650.000) die LDL-​C-​Konzentrationen oft über 1.000 mg/​dl liegen. In Öster­reich könnten bis zu 40.000 Men­schen von FH betroffen sein. Der Großteil der Betrof­fenen weiß aller­dings nichts davon.

Erstmals beschrieben wurde die FH 1938 vom nor­we­gi­schen Arzt Carl Müller. 1976 folgte die Ent­de­ckung des LDL-​Rezeptorgens durch Joseph L. Gold­stein und Michael S. Brown, die 1985 dafür den Nobel­preis für Medizin und Phy­sio­logie erhielten. Der Zusam­menhang zwi­schen gene­tisch bedingtem erhöhten Cho­le­sterin und früh­zei­tigen kar­dio­vasku­lären Erkran­kungen ist also bereits seit über 40 Jahren bekannt. Dennoch werden erhöhte LDL-​Cholesterin-​Konzentrationen mit­unter immer noch baga­tel­li­siert.

Die meisten FH-​verursachenden Muta­tionen finden sich im LDL-​Rezeptorgen (60–80 %). Weitere bisher bekannte Gene, die mit erhöhten LDL-​Konzentrationen in Zusam­menhang stehen, sind APOB (1–5 %), PCSK9 (0–3 %) und die rezessiv ver­erbten Muta­tionen in LDLRAP1 (0–1 %). Jedoch ist davon aus­zu­gehen, dass FH auch noch durch andere, bislang nicht iden­ti­fi­zierte Gen­mu­ta­tionen, ver­ur­sacht wird (20–40 %).

Auf­grund des Gen-​Defekts und des daraus resul­tie­renden man­gelnden Abbaus von LDL-​C-​Cholesterin kommt es zu erhöhten LDL-​C-​Konzentrationen im Blut, was bereits im Kin­des­alter zu athe­ro­sklero­ti­schen Ver­än­de­rungen führen kann. Wird die FH nicht mög­lichst früh dia­gnos­ti­ziert und – wenn not­wendig – medi­ka­mentös the­ra­piert, drohen kar­dio­vaskuläre Erkran­kungen in jungen Jahren, bei homo­zy­goter FH nicht selten bereits im Kin­des­alter. Neben gut wirk­samen Medi­ka­menten – allen voran Sta­tinen – spielt der Lebensstil mit aus­rei­chend Bewegung und ent­spre­chender gesunder Ernährung eine nicht zu unter­schät­zende Rolle. Als erprobte Ernäh­rungs­weise bei FH hat sich die medi­terrane Diät mit gesunden Ölen, viel Gemüse, Nüssen, Hül­sen­früchten sowie mehr Fisch als rotem Fleisch bewährt.

Rechtzeitige Diagnose essenziell

Die Dia­gnose einer FH erfolgt im Rahmen des Registers für Fami­liäre Hyper­cho­le­ste­rinämie bei Erwach­senen anhand des Dutch Lipid Clinic Network Scores, bei Kindern in der Regel anhand der Simon-​Broome-​Kriterien. Eine FH ist demnach wahr­scheinlich, wenn

  • die LDL-​C-​Konzentrationen über 190 mg/​dl (bei Kindern über 155 mg/​dl) oder Gesamt­cho­le­sterin über 310 mg/​dl (bei Kindern über 230 mg/​dl) liegen,
  • früh­zeitige kar­dio­vaskuläre Erkran­kungen in der Familie auf­traten,
  • FH in der Familie bekannt ist,
  • Xan­thome, Xan­thelasmen oder Arcus Lipoides Corneae vor­liegen.

Eine mög­lichst früh­zeitige Dia­gnose ist bei FH essen­ziell. Denn kar­dio­vaskuläre Erkran­kungen sind nach wie vor die häu­figste Todes­ur­sache in Öster­reich (und weltweit). Ungefähr vier Prozent aller Per­sonen, die vor dem 60. Lebensjahr einen Herz­in­farkt oder Schlag­anfall haben, sind von Fami­liärer Hyper­cho­le­ste­rinämie betroffen. Und mit einer unbe­han­delten FH ist das Risiko, eine kar­dio­vaskuläre Erkrankung zu erleiden, 8‑fach erhöht! Prä­vention statt Repa­ra­tur­me­dizin steht demnach im Vor­der­grund.

Register & Kaskaden-​Screening

Das ist auch das Credo des „Fass dir ein Herz” Register & Kaskaden-​Screenings für Fami­liäre Hyper­cho­le­ste­rinämie unter dem Dach der öster­rei­chi­schen Athe­ro­skle­ro­se­ge­sell­schaft. Aus­gehend davon, dass es in Öster­reich bislang keine sys­te­ma­ti­schen Pro­gramme zur früh­zei­tigen Iden­ti­fi­zierung von Per­sonen mit sehr hohem Risiko für kar­dio­vaskuläre Erkran­kungen gab und Betroffene von FH bereits in jungen Jahren Athe­ro­sklerose und in der Folge Herz­in­farkt & Co. ent­wi­ckeln können, wurde das FH-​Register 2015 als Pilot­projekt an den Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­täten in Wien, Graz und Inns­bruck eta­bliert. Mitt­ler­weile umfasst es öster­reichweit auch noch fol­gende Insti­tu­tionen: Wil­hel­mi­nen­spital, Rudolfstiftung und Öster­rei­chi­sches Aka­de­mi­sches Institut für Ernäh­rungs­me­dizin in Wien; die Lan­des­kran­ken­häuser Feld­kirch und Bregenz in Vor­arlberg sowie das Uni­ver­si­täts­kli­nikum Krems in Nie­der­ös­ter­reich. Weitere Partner in Öster­reich sollen ehest folgen. Pro­jekt­leiter des FH-​Registers ist Univ.-Prof. DDr. Christoph Binder, der die Agenden vom „Fass dir ein Herz”-Initiator, Univ.-Prof. Dr. Hans Dieplinger, im Mai 2017 über­nommen hat.

„Ziel und Methodik des FH-​Registers ist es, aus­gehend von einem Index­pa­ti­enten mittels Kaskaden-​Screening erst- und zweit­gradige Ver­wandte des Pati­enten zu unter­suchen und bei erfolgter Dia­gnose einer früh­zei­tigen Behandlung zuzu­führen”, erklärt Binder. „Spe­zielle Bedeutung für die optimale Prä­vention von kar­dio­vasku­lären Erkran­kungen hat die mole­ku­lar­ge­ne­tische Unter­su­chung, durch die eine FH-​Diagnose gesi­chert wird.”

Bisher wurden rund 600 Pati­en­tinnen und Pati­enten in das FH-​Register ein­ge­schlossen. Ein­tra­gungen der Pati­en­ten­daten in die Datenbank AskiMed sind anonym und unter­liegen dem öster­rei­chi­schen Daten­schutz­gesetz bzw. der neuen EU Datenschutz-​Grundverordnung.

Eine erste größere Aus­wertung der bis­he­rigen Register-​Daten wurde auf der Jah­res­tagung der Öster­rei­chi­schen Athe­ro­skle­ro­se­ge­sell­schaft im Mai in St. Gilgen prä­sen­tiert.

Patientenorganisation FHchol Austria

Die FH-​Register-​Initiative der Öster­rei­chi­schen Athe­ro­skle­ro­se­ge­sell­schaft startete in enger Zusam­men­arbeit mit ver­wandten wis­sen­schaft­lichen Dis­zi­plinen und Gesell­schaften sowie mit FHchol Austria, der Pati­en­ten­or­ga­ni­sation für Pati­enten mit Fami­liärer Hyper­cho­le­ste­rinämie oder ver­wandten gene­tisch bedingten Stoff­wech­sel­stö­rungen (www.fhchol.at).

Gabriele Hanauer-​Mader, Obfrau von FHchol Austria und Koor­di­na­torin des FH-​Register-​Projekts, ist selbst betroffene Mutter. Ihre Tochter wurde im Alter von 2 Jahren mit einer schweren hete­ro­zy­goten FH dia­gnos­ti­ziert, die LDL-​Konzentration lag damals bei 450 mg/​dl. Vater, Onkel, Groß­mutter und viele weitere Ver­wandte der Tochter aus der väter­lichen Linie hatten bereits in ihren Drei­ßigern und Vier­zigern Herz­in­farkte und/​oder Bypass-​Operationen erlitten. Dieses Schicksal will Hanauer-​Mader ihrer Tochter und vielen anderen Betrof­fenen ersparen.

„Das Bewusstsein für gene­tisch bedingte Stoff­wech­sel­stö­rungen wie bei­spiels­weise FH ist nach wie vor gering. Genau das wollen wir von FHchol Austria mit Awareness-​Kampagnen und inten­siver Zusam­men­arbeit mit Ärz­tInnen und Wis­sen­schaft­le­rInnen ändern”, erklärt Hanauer-​Mader. „Warum wollen wir das ändern? Weil es gilt, kar­dio­vaskuläre Erkran­kungen in jungen Jahren zu ver­hindern. Denn das Positive bei FH ist, dass diese – im Gegensatz zu anderen schweren Stoff­wech­sel­stö­rungen – heut­zutage relativ einfach zu the­ra­pieren ist.”

So wurde Hanauer-​Maders Tochter erfolg­reich ab 4 Jahren mit Eze­timib und ab dem Alter von 6 Jahren mit einem Statin behandelt. Heute, mit 18 Jahren, hat sie ganz normale LDL-​C-​Konzentrationen und so auch ihre „Cholesterin-​Jahre” erfolg­reich redu­ziert.

Um andere Eltern und Betroffene zu unter­stützen, gründete Hanauer-​Mader bereits 2004 eine Selbst­hil­fe­gruppe, die 2011 in die als Verein orga­ni­sierte Pati­en­ten­or­ga­ni­sation FHchol Austria mündete. „Seither ist viel, aber immer noch nicht genug pas­siert”, sagt die Obfrau von FHchol Austria. „Wir arbeiten mit Fach- und Publi­kums­medien, Fernseh- und Radio­sendern zusammen, ver­an­stalten Cholesterin-​Schnelltests in Shopping Malls und Apo­theken, laufen gemeinsam mit Ärz­tInnen und Wis­sen­schaft­le­rInnen bei Lauf-​Veranstaltungen wie dem Öster­rei­chi­schen Frau­enlauf, betreiben Lob­bying bei der Gesund­heits­po­litik und sehen uns als wichtige Partner der Ärzte- und Wis­sen­schaft”, betont Hanauer-​Mader. „Denn nur gemeinsam können wir erfolg­reich erreichen, dass Fami­liäre Hyper­cho­le­ste­rinämie mög­lichst schon im Kin­des­alter detek­tiert und, wenn not­wendig, behandelt wird. Unsere Betrof­fenen sind die Gesichter der Fami­liären Hyper­cho­le­ste­rinämie – und unser Ziel ist, dass diese niemals einen Herz­in­farkt oder Schlag­anfall erleiden müssen.”

 

Kontakt

FH Register der Öster­rei­chi­schen Athe­ro­skle­ro­se­ge­sell­schaft (AAS) www.aas.at; Univ.-Prof. DDr. Christoph Binder, E‑Mail: christoph.binder@aas.at; Gabriele Hanauer-​Mader, E‑Mail: g.hanauer@aas.at

FHchol Austria, Pati­en­ten­or­ga­ni­sation für Pati­enten mit Fami­liärer Hyper­cho­le­ste­rinämie oder ver­wandten gene­tisch bedingten Stoff­wech­sel­stö­rungen www.fhchol.at, E‑Mail: info@fhchol.at