Verborgener Hunger

September 2019 | Easy Reading

Ein ernäh­rungs­be­dingte unzu­rei­chende Ver­sorgung mit Mikro­nähr­stoffen, auch als Hidden Hunger oder Ver­bor­gener Hunger bezeichnet, betrifft bei weitem nicht nur arme Länder. In zuneh­mendem Ausmaß ist das Problem auch in indus­tria­li­sierten Ländern präsent, vor allem bei Kindern und alten Men­schen. Univ.-Prof. Dr. Hans Konrad Biesalski von der Uni­ver­sität Hohenheim (D) setzt sich seit Jahren mit der Pro­ble­matik aus­ein­ander.

Es heißt, ver­bor­gener Hunger nimmt zu. Warum?

Der Haupt­grund für ver­bor­genen Hunger ist Armut. Das betrifft in zuneh­mendem Maß auch reiche Indus­trie­staaten. Wir haben das lange über­sehen. Das Gefälle zwi­schen Reich und Arm nimmt zu, der Mit­tel­stand bricht nach unten weg. In Deutschland leben heute 20 Prozent der Men­schen in Armut. Und Ernährung einer bes­seren Qua­lität bezie­hungs­weise einer aus­rei­chenden Dichte an Mikro­nähr­stoffen ist eben teurer. Mit mehr Obst und Gemüse ist es nicht getan. Für eine hoch­wertige Ernährung ist mehr not­wendig, etwa Milch und Milch­pro­dukte, auch tie­ri­sches Protein und hoch­wertige Öle.

Ein Thema Ihrer Tagung im März lautete „Double Burden“, auch der im Oktober statt­fin­dende FENS-​Kongress steht unter diesem Motto.

Wenn man in Mit­tel­europa heute von Man­gel­er­nährung spricht, wird als Gegen­ar­gument meist auf das zuneh­mende Über­ge­wicht ver­wiesen. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Wie werde ich mit wenig Geld satt? Im Wesent­lichen mit stär­ke­hal­tigen Pro­dukten. In afri­ka­ni­schen und einigen asia­ti­schen Ländern machen stär­ke­haltige Pro­dukte 70 Prozent und mehr der täg­lichen Ener­gie­auf­nahme aus. In Deutschland und anderen Nationen mit höherem Durch­schnitts­ein­kommen lag der Anteil stär­ke­hal­tiger Pro­dukte lange bei 30 bis 50 Prozent, steigt mitt­ler­weile aber. Das ist besorg­nis­er­regend.

Reis, Mais und Weizen liefern zwar Energie und Eiweiß, aber nur in geringen Mengen einige wenige Mikro­nähr­stoffe wie Eisen, Zink, Vitamin C, B2 und andere B‑Vitamine. Man wird satt, ent­wi­ckelt aber einen ver­bor­genen Hunger. In der Folge sehen wir immer mehr stark über­ge­wichtige Kinder, die deutlich man­gel­er­nährt sind. Es liegt nicht nur am Fast Food, das trägt dazu bei wie auch die Soft Drinks. Aber allein daran liegt es nicht. Natürlich spielt auch die Bewegung eine Rolle.

Adipo­sitas ist in sozio­öko­no­misch schwachen Schichten häu­figer als in starken.

Aus den USA und Groß­bri­tannien liegen dazu sehr gute Daten vor. In Deutschland wurden nur wenige Unter­su­chungen gemacht, die der Frage nach­gehen, ob geringes Ein­kommen Folgen für die Ernährung und damit die Gesundheit hat. Aus den vor­lie­genden Unter­su­chungen geht jeden­falls hervor, dass die Häu­figkeit von Über­ge­wicht bei armen Kindern dreimal größer ist als bei Kindern aus guten sozialen Ver­hält­nissen.

Die gesund­heit­lichen Aus­wir­kungen von Adi­po­sitas sind viel­dis­ku­tiert, wie sehen die Folgen ver­bor­genen Hungers aus?

Eine Man­gel­er­nährung im frühen Kin­des­alter beein­trächtigt sowohl die kör­per­liche als auch die kognitive Ent­wicklung. Eine US-​amerikanische Studie hat vor kurzem sehr schön gezeigt, dass Kör­per­größe und Schich­ten­index bzw. sozio­öko­no­mi­scher Status insofern mit­ein­ander in Beziehung stehen, als Men­schen, die aus armen Ver­hält­nissen kommen, kleiner sind. Eine Studie in Bran­denburg kommt zu dem Ergebnis, dass Kinder aus armen Ver­hält­nissen ent­gegen dem sicht­baren Trend, kleiner werden. Das ist ein ganz starker Hinweis auf Man­gel­er­nährung in der Kindheit. Wir brauchen Eisen, Vitamin D und A unter anderem auch für die Ent­wicklung des Gehirns. Es ist bekannt, dass Kinder aus armen Ver­hält­nissen 15-​mal häu­figer Ver­zö­ge­rungen in der Sprach­ent­wicklung auf­weisen. Das liegt nicht primär am Umfeld, sondern an einer ernäh­rungs­be­dingt ver­zö­gerten kogni­tiven Ent­wicklung.

Was soll und kann hier und jetzt für Kinder getan werden?

Wir fordern seit Jahren eine kos­tenlose Schul­ernährung für Kin­der­ta­ges­stätten und Ganz­tags­schulen. Jetzt wird das in Berlin als erstem Bun­desland ein­ge­führt. Die skan­di­na­vi­schen Länder machen das seit 30 Jahren, und nir­gendwo sonst in Europa wachsen Kinder so gesund auf wie in Schweden, Nor­wegen, Finnland und auch in der Schweiz.

Wichtig ist glaube ich ein Umdenken der Politik und als Basis eine Erhebung, wie es in der ärmeren Bevöl­kerung mit Ernährung und Über­ge­wicht aus­sieht. Es ist nicht hilf­reich, mit Zucker­ver­boten zu jon­glieren. Und es geht auch nicht darum, dass die Kinder Sup­ple­mente oder ange­rei­cherte Lebens­mittel nehmen sollen. Sie sollen in die Lage ver­setzt werden, eine gesunde Ernährung finan­zieren zu können. Dann werden sie auch nicht über­ge­wichtig – zumindest nicht häu­figer als in anderen Gruppen.

Im All­ge­meinen bin ich bei Kindern absolut gegen eine Sup­ple­men­tierung von Mikro­nähr­stoffen, aus­ge­nommen Vitamin D. Es gibt zwar relativ viele Fälle, wo die Ernährung nicht aus­reicht, um zum Bei­spiel den Zink- oder den Eisen­bedarf zu decken. Über eine Sup­ple­men­tierung ist aber indi­vi­duell vom Kin­derarzt zu ent­scheiden. Das Problem dabei ist aller­dings, dass die Prä­parate relativ teuer sind.

Alte Men­schen werden als zweite Risi­ko­gruppe genannt.

Ein normal gesunder Erwach­sener kann sich auch mit einem gerin­geren Ein­kommen gesund ernähren. Ein gra­vie­rendes Problem tritt später mit der zuneh­menden Alters­armut auf. Dazu kommt, dass der alte Mensch weniger isst. Des­wegen sollten laut der Deut­schen Gesell­schaft für Ernährung auch Lebens­mittel mit höherer Mikro­nähr­stoff­dichte, die durchaus eine höhere Ener­gie­dichte haben können, bevorzugt werden. Bei Geld­mangel ist das aber schwierig. Laut Pfle­ge­be­richt sind in deut­schen Alten­heimen bis zu 60 Prozent der Bewohner man­gel­er­nährt. Das ist nicht hin­nehmbar.

Herz­lichen Dank für das Gespräch.