Ernährung bei CED – Was gibt es Neues?

Juli 2018 | Fachlich-Sachlich

Während der Remission halten viele Pati­enten mit chro­nisch ent­zünd­lichen Darm­er­kran­kungen (CED) eine Eli­mi­na­ti­onsdiät. Weg­ge­lassen oder redu­ziert werden meist Milch­pro­dukte, Gemüse und Obst. Eben­falls aktuell unter Betrof­fenen werden ver­mehrt koh­len­hy­drat­mo­di­fi­zierte und koh­len­hy­dratarme Diäten. Die Evidenz führt aber zu anderen Emp­feh­lungen.

Mag. Ilse Weiß, Diä­to­login

 

Unter­su­chungen aus dem Jahr 2016 (Holt et al, Hum Nutr Diet; Owc­zarek D et al, World J Gas­tro­en­terol) zeigen, dass 90 Prozent der Morbus-​Crohn (MC)-Patienten und 71 Prozent der Colitis-​ulcerosa (CU)-Patienten während der Remission eine Eli­mi­na­ti­onsdiät ein­halten. 71 Prozent der CED-​Betroffenen glauben dabei, dass die Ernährung ihre Krank­heits­sym­ptome beein­flusst. Eine frühere Fall-​Kontroll-​Studie zeigte bereits, dass es bei CED-​Betroffenen zu signi­fikant gerin­geren Auf­nahmen von Milch­pro­dukten, Gemüse und Obst kommt, was zu einer redu­zierten Auf­nahme von Koh­len­hy­draten, Bal­last­stoffen, Kalzium und ver­schie­denen Vit­aminen führt (Sousa Guer­reiro, C. et al, Am J Gas­tro­en­terol, 2007). Auf der Suche nach einer wis­sen­schaft­lichen Evidenz findet man diverse Diät­an­sätze, welche beleuchtet werden und zum Teil auch bereits unter Betrof­fenen kur­sieren.

Bewertung aktueller Diäten

  • FODMAP-​arme Diät: Diese meidet bzw. redu­ziert fer­men­tierte Oligo‑, Di- und Monosac­charide sowie Polyole. Dies­be­züglich liegen drei kleine retro­spektive Studien vor, die alle eine signi­fi­kante Ver­bes­serung der gastro­in­tes­ti­nalen Sym­ptome zeigen.
  • Spezielle Kohlenhydrat-​Diät (Spe­cific Car­bo­hy­drate Diet=SCD): Diese besteht aus fri­schem Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Eiern, selbst­ge­machtem Joghurt, bestimmten Käse­sorten, Nüssen, Samen und Honig. Zwei kleine retro­spektive Studien bei Kindern zeigen eine signi­fi­kante Ver­bes­serung des Crohn Disease Activity Index (CDAI) sowie von Ent­zün­dungs­markern wie Cal­pro­tectin und CRP. Zwei Inter­net­un­ter­su­chungen mit ins­gesamt rund 500 Teil­nehmern berichten bei zwei Drittel über eine Sym­ptom­ver­bes­serung und bei 40 bis 50% über eine bessere Remis­si­ons­er­haltung durch die Diät.
  • Rück­standsarme Diät (Low Residue Diet): Diese meidet unter anderem Voll­korn­ge­treide, Hül­sen­früchte, Obst, Gemüse (Aus­nahme: Bananen, Kar­toffeln), Milch­pro­dukte und fas­riges Fleisch und ist somit ähnlich den Emp­feh­lungen, welche während einer akuten Ent­zün­dungs­phase gegeben werden. Eine Pilot­studie mit 6 Pro­banden machte sich zum Ziel, mög­liche negative Folgen aus­findig zu machen und konnte schon nach wenigen Wochen eine Abnahme der bak­te­ri­ellen Diver­sität bei MC-​Patienten fest­stellen. Eine Ver­bes­serung von Ent­zün­dungs­markern konnte durch eine der­artige Diät bisher nicht gezeigt werden.
  • Semi-​Vegetarische Diät: Dar­unter ver­steht man, dass Fisch nur einmal pro Woche und Fleisch nur alle zwei Wochen ver­zehrt wird. Dazu ergab eine pro­spektive Studie bei MC eine Remis­si­onsrate von 100 Prozent nach einem Jahr und 92 Prozent nach zwei Jahren. Das Stu­di­en­design weist keine Kon­troll­gruppe auf.
  • IgG4-​gestützte Eli­mi­na­ti­onsdiät: Eine dop­pel­blinde kon­trol­lierte ran­do­mi­sierte Studie (ran­do­mized con­trolled trial RCT) testete 145 Pro­banden auf 16 Nah­rungs­mittel mit hohem all­er­genen Potential und exklu­dierte jene vier, auf welche die Pro­banden mit den höchsten IgG4-​Anstiegen reagierten. Diese IgG4-​gestützte Eli­mi­na­ti­onsdiät zeigt eine signi­fi­kante Ver­bes­serung des CDAI (bei 41 % versus 16 % in der Kon­troll­gruppe) bei MC. Auf­fallend ist dabei, dass die Eli­mi­nation von Milch, rotem Fleisch und Eiern am häu­figsten mit einer Ver­bes­serung asso­ziiert war.
  • Antient­zünd­liche Diät: Diese basiert auf dem Grund­ge­danken, dass bestimmte Nah­rungs­mittel eine bak­te­rielle Dys­biose her­vor­rufen bzw. fördern. Kenn­zeichnend ist die Limi­tierung bestimmter Koh­len­hy­drate (z.B. raf­fi­nierter Zucker, glu­ten­hal­tiges Getreide), die ver­mehrte Zufuhr lös­licher Bal­last­stoffe z.B. in Form von Zwiebeln und Lauch, eine redu­zierte Zufuhr von Fett und gesät­tigten Fett­säuren und die ver­mehrte Zufuhr omega-​3-​haltiger Lebens­mittel. Zusätzlich finden indi­vi­duelle Trigger und die Lebens­mit­tel­be­schaf­fenheit in Abhän­gigkeit der Phase der CED Berück­sich­tigung. Eine retro­spektive Fall­serie mit 40 Pro­banden belegt eine signi­fi­kante Ver­bes­serung der gastro­in­tes­ti­nalen Sym­ptome nach min­destens 4‑wöchiger Diät.

Grund­sätzlich werden bei den Diät­studien viel­ver­spre­chende Ergeb­nisse gezeigt. Bei genauer Betrachtung der Stu­di­en­de­signs fällt auf, dass keine einzige pro­spektive kon­trol­lierte Inter­ven­ti­ons­studie mit Messung der Ent­zün­dungs­pa­ra­meter durch­ge­führt wurde.

In einer aktu­ellen Über­sichts­arbeit (Haskey N., Gibson D.L., Nut­rients 2017) (Abb. 1) wird die FODMAP-​arme Diät bei Pati­enten mit Reiz­darm­sym­pto­matik optional genannt; wobei mög­liche negative Effekte auf das Mikrobiom in lau­fenden Studien noch unter­sucht werden. Für die übrigen der erwähnten Diäten gibt es noch keine Emp­fehlung für die Praxis. Für die bei Pati­enten kur­sie­rende Paleo-​Diät liegt hin­sichtlich MC und CU keine einzige Studie vor.

Supportive Ernährung

Neben den Eli­mi­na­ti­ons­diäten wurde auch unter­sucht, was für Effekte sich durch künst­liche Nah­rungs­sup­ple­mente für die Remis­si­ons­er­haltung erzielen lassen. Hier ver­zeichnete eine sys­te­ma­tische Über­sichts­arbeit bei MC einen Effekt durch sup­portive enterale Ernährung im Ausmaß von 35 bis 50 Prozent des Ener­gie­be­darfs (Akobeng AK et al, Cochrane Database Syst Rev 2007). Trotz viel­ver­spre­chender Ergeb­nisse gibt es auf­grund der Inkon­sistenz der Daten jedoch noch keine Hand­lungs­emp­fehlung für die Praxis.

Nahrungsergänzungen

Eben­falls Einzug in die For­schung haben ver­schiedene Nah­rungs­er­gän­zungen zur Remis­si­ons­er­haltung gefunden:

  • Für Cur­cumin ergab eine RCT (n=82) bei 2g pro Tag eine signi­fi­kante Reduktion der Rezi­divrate bei CU (Hanai et al., Clin Gas­tro­en­terol Hepatol 2006). Laut einer Cochrane-​Übersichtsarbeit ist dies eine effektive und sichere The­rapie zusätzlich zur Stan­dard­the­rapie bei CU (Kumar S. et al, Cochrane Database Syst Rev 2012).
  • Für ein Kom­bi­na­ti­ons­prä­parat aus Myrrhe, Kamille und Kaf­fee­kohle ergab eine RCT (n=96) bei inak­tiver CU keinen signi­fi­kanten Unter­schied zwi­schen Mesa­lazin und diesem Kom­bi­na­ti­ons­prä­parat (Lang­horst et al, Aliment Phar­macol Ther. 2013).
  • Vitamin D wird ein posi­tiver Ein­fluss auf die Krank­heits­ak­ti­vität zuge­schrieben, wobei die ideale Serum­kon­zen­tration unbe­kannt ist. Die der­zeitige Emp­fehlung liegt daher bei 75nmol/​l (Hlavaty T. et al, J. Crohns Colitis 2015).
  • Keine Emp­fehlung gibt es für eine Sup­ple­men­tierung mit Omega-​3-​Fettsäuren bei MC und CU (Turner D. et al, Cochrane Sys Rev 2011).
  • Glutamin wurde nicht hin­sichtlich Remis­si­ons­er­haltung, sondern hin­sichtlich Remis­si­ons­in­duktion bei MC unter­sucht, wobei jedoch kein Benefit nach­ge­wiesen werden konnte (Akobeng A.K. et al, Cochrane Sys Rev, 2016).

Ballaststoffe

Einen Schwer­punkt in der For­schung belegen aktuell die mög­lichen Aus­wir­kungen von diversen Bal­last­stoffen. Bekannte Benefits sind die Redu­zierung der intes­ti­nalen Tran­sitzeit, die Erhöhung des Stuhl­vo­lumens, die Ver­bes­serung der Stuhl­fre­quenz sowie ver­mutete Effekte auf das Mikrobiom (Abb. 2).

Inwieweit eine ergän­zende Ein­nahme von Bal­last­stoffen hilf­reich sein kann, zeigen ver­schiedene Studien mit posi­tiven Effekten bei inak­tiver CU. So führte eine Ver­ab­rei­chung von Floh­sa­men­schalen (4g/​d) zu einer Ver­bes­serung der gastro­in­tes­ti­nalen Sym­ptome, eine weitere Studie mit Floh­samen ergab keinen signi­fi­kanten Unter­schied gegenüber Mesa­lazin und zeigte einen erfreu­lichen Butyrat-​Anstieg im Stuhl. Auch bei einer Studie mit Hafer­kleie (20g/​d) wurden ein Anstieg von Butyrat und eine Ver­bes­serung der gastro­in­tes­ti­nalen Sym­ptome nach­ge­wiesen. Eine Studie mit gekeimter Gerste (30g/​d) ergab eine CRP-​Reduktion und eine Ver­bes­serung der gastro­in­tes­ti­nalen Sym­ptome. (Wong C. et al., 2016) Schlechter als bei inak­tiver CU ist die Datenlage bei inak­tivem MC. Aller­dings konnte auch hier bei einer Studie mit Wei­zen­kleie (1/​2 Tasse/​d) eine Ver­bes­serung der gastro­in­tes­ti­nalen Sym­ptome fest­ge­stellt werden (Bro­terthon C. S. et al, Gas­tro­en­terol Nurs, 2014).

Ins­gesamt zeigen sich die vor­han­denen Stu­di­en­de­signs hin­sichtlich der Art der Bal­last­stoffe, der ver­ab­reichten Dosis, der Ver­ab­rei­chungs­dauer und der unter­suchten End­punkte jedoch als zu hete­rogen, um Hand­lungs­emp­feh­lungen für die Praxis geben zu können. Aus allen Studien geht jedoch hervor, dass es über­haupt keine Evidenz gibt, die Bal­last­stoffe zu redu­zieren, sofern keine Pas­sa­gen­be­hin­derung vor­liegt. Gerade das wird aber häufig gemacht.

Zusammenfassende Empfehlungen

Welche Nah­rungs­er­gän­zungen können indi­vi­duelle zur Remis­si­ons­er­haltung für die kli­nische Praxis emp­fohlen werden? Haskey N., Gibson D.L. (Nut­rients 2017) raten nach­drücklich zur Sup­ple­men­tierung mit Vitamin D, auch Floh­samen werden emp­fohlen (min­destens 4 g pro Tag). Cur­cumin, Hafer­kleie, gekeimte Gerste und Wei­zen­kleie werden optional genannt.

Unter Berück­sich­tigung vor­han­dener Gui­de­lines, Ernäh­rungs­in­ter­ven­ti­ons­studien zur Remis­si­ons­er­haltung sowie Kor­re­la­ti­ons­studien über die Asso­ziation von Lebens­mit­tel­verzehr und Auf­treten von CED können unter­schied­liche Emp­feh­lungen zu einer „ Remis­si­onsdiät“ zusam­men­ge­fasst werden.

Empfehlungen für eine “Remissionsdiät”

Ver­mehrter Konsum

  • Obst, Gemüse, Fisch, Geflügel
  • Lös­liche Bal­last­stoffe (Hafer, Floh­samen, Hül­sen­früchte)
  • Hoch­wertige Pflan­zen­fette
  • Je nach Ver­träg­lichkeit unlös­liche Bal­last­stoffe (Voll­korn­pro­dukte)
  • Je nach Ver­träg­lichkeit Milch­pro­dukte
  • Je nach Ver­träg­lichkeit Nüsse und Samen

Redu­zierter Konsum

  • Rotes Fleisch, ver­ar­beitete Fleisch­waren
  • Gezu­ckerte Getränke, Süßig­keiten
  • Hoch­ver­ar­beitete Lebens­mittel /​ Fer­tig­pro­dukte
  • Fette mit einem hohen Anteil an Omega-​6-​Fettsäuren und generell sehr fette Nahrung. (Lim­ketkai B.N. et al, Cochrane Database SystRev, 2017)

Ergän­zende Maß­nahmen

  • Auf den Vitamin-​D-​Haushalt achten
  • Optional Nah­rungs­er­gänzung mit Cur­cumin oder Prä­parat aus Myrrhe, Kamille, Kaf­fee­kohle
  • Indi­vi­duelle fest­zu­legen sind Zusatz­nah­rungen bzw. Trink­nah­rungen und Bal­last­stoff­prä­parate

Schon bewährt: Aus­ge­wählte Prä- und Pro­biotika sollten zur Remis­si­ons­er­haltung bei Colitis ulcerosa, aber nicht bei M. Crohn erwogen werden (Red., Bischoff SC et al, Aktuel Erna­eh­rungsmed 2014; 39: e73–e‑98).