Kinder als Korrektiv

Juli 2016 | Easy Reading

Trotz ein­dring­licher War­nungen von Ärzten und inter­na­tio­nalen Gesund­heits­be­hörden schreitet die Aus­breitung von Über­ge­wicht und Adi­po­sitas weiter voran. Die Kon­se­quenzen sind dra­ma­tisch. Fol­ge­er­kran­kungen und ein Anstieg der Mor­ta­lität drohen die Gesund­heits­systeme zu über­fordern. Was läuft falsch? Warum gelingt es nicht, die Men­schen von den Vor­teilen einer gesün­deren Ernäh­rungs­weise zu über­zeugen, bevor es zu Pro­blemen kommt? Das Journal für Ernäh­rungs­me­dizin lud den Change Com­mu­ni­cator Wolfgang M. Rosam zu einem Gespräch. 

Es wird heute so viel über Ernährung geschrieben und dis­ku­tiert wie noch nie. Gar nicht so wenige wissen über gesunde Ernährung Bescheid – handeln offenbar aber nicht danach.

Rosam: Ein der­ar­tiger Über­fluss an Infor­ma­tionen kann durchaus dazu führen, dass die Auf­merk­samkeit nach­lässt. Außerdem kur­sieren viele wider­sprüch­liche Aus­sagen zur gesunden Ernährung, was natürlich Ver­un­si­cherung mit sich bringt. 

Wie könnte man den Men­schen also eine gesunde Ernäh­rungs­weise nahe bringen?

Rosam: Die größte Rolle spielt die Moti­vation, die auf zwei Wegen erzielt werden kann. Einer­seits durch Dro­hungen, in diesem Fall durch negative gesund­heit­liche Kon­se­quenzen bzw. die zu erwar­tenden Erkran­kungen. Angst wirkt aber höchstens kurz­fristig und ist ein schlechter Moti­vator. Lang­fristig erfolg­ver­spre­chend sind nur positiv kon­no­tierte Infor­ma­tionen, die akzep­tiert werden. Nur so kann Ver­halten wirklich ver­ändert werden. 

Wie könnte so ein posi­tiver Zugang aussehen?

Rosam: Meiner Ansicht nach ist der Genuss ein guter – wohl der beste – Ansatz­punkt. Ein wahrer Genießer wird ein Lebens­mittel kaum je im Übermaß bezie­hungs­weise miss­bräuchlich konsumieren. 

Auch von „Genuss“ ist seit einiger Zeit viel zu lesen und zu hören. Man hat aber nicht den Ein­druck, dass sich das Ernäh­rungs­ver­halten positiv ver­ändert hat.

Rosam: Das liegt vor allem am derzeit noch wenig ent­wi­ckelten Qua­li­täts­be­wusstsein. Echter Genuss ist immer mit Qua­lität ver­bunden. Und ein Sinn für Qua­lität kann sich nur aus dem Interesse an einem Produkt heraus ent­wi­ckeln. Aus der Beschäf­tigung mit  Lebens­mitteln, dem Wissen über Her­kunft und Merkmale und deren Band­breite ent­steht schließlich Wert­schätzung guter Qua­lität. Dann geht es nicht mehr um „mög­lichst viel“, sondern um „mög­lichst qua­li­tätsvoll und gut“. 

Gibt es dafür Bei­spiele aus Ihrer Praxis der Kommunikationsarbeit?

Rosam: Ein gutes Bei­spiel ist die Auf­ar­beitung des Wein­skandals in Öster­reich. Wir haben damals bei der Aus­ein­an­der­setzung mit dem Lebens­mittel bezie­hungs­weise Genuss­mittel direkt ange­setzt und haben – ent­gegen den damals gel­tenden Regeln der PR-​Arbeit – eine „Lern­kam­pagne“ gestartet. Mit Infor­ma­tionen über die Vielfalt der Reb­sorten, die Beson­der­heiten der Böden und die Fein­heiten der Wein­her­stellung ist es uns gelungen, Interesse an Wein zu wecken. Gemeinsam mit einigen schon damals aus­ge­zeich­neten Wein­pro­du­zenten in Öster­reich hat sich die Situation dann in eine positive Richtung ent­wi­ckelt. Das Interesse am Produkt hat zu einem Zuwachs an Wissen, einem Sinn für Qua­lität, einem wesentlich bes­seren Angebot und ver­än­derten Kon­sum­ge­wohn­heiten geführt. Heute gehen die Men­schen mit Wein ganz anders um als vor dem Weinskandal. 

Ein solcher Prozess wäre für andere Pro­dukt­gruppen auch vorstellbar?

Rosam: Warum nicht? Wir sehen heute durchaus ver­gleichbare Ansätze bei Lebens­mitteln. Regio­na­lität und Her­kunft werden immer mehr beachtet. Teil­weise kann man bei Fleisch etwa mittels einer APP sogar den Hof iden­ti­fi­zieren, woher die Pro­dukte stammen. 

Qua­lität ist ja meist auch eine Preisfrage …

Rosam: Natürlich. Aber man ist heute zum Bei­spiel bereit, für Wein mehr zu bezahlen als vor 25 Jahren – warum sollte das bei Gemüse, Obst, Fleisch oder Eiern anders sein? Wie man auch sieht, hat der Trend zu Regio­na­lität und Her­kunfts­be­zeichnung und damit letztlich zu mehr Qua­lität durchaus auch Mas­sen­pro­dukte erfasst. Der preis­liche Unter­schied ist in Wirk­lichkeit nicht so gra­vierend, dass nicht der größte Teil der Bevöl­kerung ihm folgen könnte und würde sich bei stei­gender Nach­frage aller Wahr­schein­lichkeit nach noch etwas verringern. 

Das Öster­rei­chische Aka­de­mische Institut für Ernäh­rungs­me­dizin führt derzeit in Wiener Schulen die EDDY-​Studie zur Prä­vention von Über­ge­wicht und damit ver­bun­denen Fol­ge­er­kran­kungen durch. Dabei hat sich gezeigt, dass Kinder teil­weise sehr wenig über Lebens­mittel wissen.

Rosam: Man muss bei den Kindern beginnen, Bewusstsein für Lebens­mittel, ihre Qua­lität und ihre gesund­heit­liche Bedeutung zu wecken. Auch dafür gibt es ein gutes Bei­spiel aus der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­praxis, nämlich die Infor­ma­ti­ons­kam­pagnen zu Müll­trennung und Recy­cling. Hier wurde ein starker Fokus auf die Schulen gelegt und in der Folge haben Kinder das Ver­halten der Eltern wesentlich beein­flusst. Das könnte bei der Ernährung durchaus auch so sein. Eltern sind doch bemüht, die Wünsche ihrer Kinder zu erfüllen. Und wenn es um besondere – eben gesunde – Lebens­mittel geht, würden sie das sicher auch tun wollen. 

Beim EDDY-​Projekt hat sich weiters gezeigt, dass gezielte Inter­ven­tionen wirken. In den Klassen, wo Ernäh­rungs­auf­klärung gemacht wurde, ist der Anstieg des Über­ge­wichts weniger stark aus­ge­fallen als in den anderen. Aller­dings muss man auch betonen, dass die Maß­nahmen wis­sen­schaftlich fun­diert sein müssen und von geschulten Per­sonen ver­mittelt werden müssen.

Rosam: Die Wis­sen­schaft spielt hier eine zen­trale Rolle, keine Frage. Ein solcher Umdenk­prozess muss in die richtige Richtung gelenkt werden. Letztlich ist für eine lang­fristig positive Ver­än­derung des Ernäh­rungs­ver­haltens aber ein gemein­sames Vor­gehen meh­rerer gesell­schaft­licher Auto­ri­täten – aus den Bereichen Gesundheit, Politik, Ver­waltung – not­wendig. Nicht zu ver­nach­läs­sigen ist dabei die Rolle vor allem des Lebens­mit­tel­handels als starker Partner und selbst­ver­ständlich der Lebensmittelhersteller. 

Herz­lichen Dank für das Gespräch!

 

K. Gruber, K. Widhalm