Prädiabetes & Ballaststoffe

April 2015 | Fachlich-Sachlich

Präd­ia­betes oder auch inter­me­diäre Hyper­gly­kämie werden als ein Stadium defi­niert, welches dem Beginn eines Dia­betes mel­litus Typ 2 um Jahre vor­aus­gehen kann. Diesem Stadium liegen eine zuneh­mende Insu­lin­re­sistenz, gefolgt von einer Fehl­funktion der Beta-​Zellen des Pan­kreas und chro­nisch ent­zünd­liche Pro­zesse an den Gefäß­wänden zugrunde. 

Daniela Toure-​Demmerer*

 

Da Präd­ia­betes als „Grauzone“ zwi­schen einem gesunden Stoff­wechsel und dem Dia­betes mel­litus selbst nicht als krankhaft ein­ge­stuft wird und meist ohne Sym­ptome ver­läuft, werden leicht erhöhte Blut­zu­cker­werte sowohl von Arzt als auch von Patient nicht selten igno­riert. Doch gerade in diesem Stadium könnte durch eine Anpassung des Lebens­stils (Ernährung, Redu­zierung des Kör­per­ge­wichts und Bewegung) die Ent­wicklung einer Erkrankung ver­zögert oder sogar ver­hindert werden. Der Präd­ia­betes ist meist keine iso­lierte Erscheinung, sondern in das soge­nannte meta­bo­lische Syndrom ein­ge­bettet – eine „Schieflage“ des Stoff­wechsels, welche weltweit immer häu­figer auf­tritt, da unser Körper auf die Kom­bi­nation von Nah­rungs­über­fluss und Bewe­gungs­mangel nicht ein­ge­stellt ist. 

Für den Präd­ia­betes (Insu­lin­re­sistenz) gibt es unter­schied­liche Klas­si­fi­ka­ti­ons­systeme. Die Ame­rican Dia­betes Asso­ciation (ADA) hat fol­gende dia­gnos­tische Kri­terien defi­niert (Para­meter gemessen im venösen Plasma):

  • IGT („impaired glucose tole­rance“, ein­ge­schränkte Glukosetoleranz):
  • 7,0mmol/l (nüchtern); 7,8 – 11,0mmol/l (2h-​Wert im oralen Glu­ko­se­to­le­ranztest [OGTT])
  • IFG („impaired fasting glucose“, Nüch­tern­hy­per­gly­kämie): 5,6 – 6,9mmol/l
  • HbA1c: 5,7 – 6,4%

Viele Men­schen mit ein­ge­schränkter Glu­ko­se­to­leranz weisen keine Nüch­tern­gly­kämie auf und umge­kehrt. Liegt sowohl eine IGT als auch eine IFG vor, kann dies auf eine weiter fort­ge­schrittene Störung der Glu­ko­se­ho­möostase hin­weisen. Die Prä­va­lenzen von IFG und IGT vari­ieren in unter­schied­lichen eth­ni­schen Gruppen, beide Stö­rungen werden jedoch bei über 40-​Jährigen öfter beob­achtet. Männer sind häu­figer von einer IFG betroffen als Frauen, die Gründe hierfür sind noch unklar. 

Prävalenz des Prädiabetes nimmt zu

Ungefähr 5 bis 10% der Präd­ia­be­tiker ent­wi­ckeln jährlich einen Dia­betes mel­litus, wobei die Kon­ver­si­ons­raten je nach Popu­lation und Präd­ia­be­tes­de­fi­nition vari­ieren. Präd­ia­be­tiker haben Studien zufolge ein höheres Risiko, einen Dia­betes mel­litus zu ent­wi­ckeln. Bei­spiels­weise sollen dem bevöl­ke­rungs­ba­sierten National Health and Nut­rition Exami­nation Survey (NHA-​NES) zufolge von den über 20-​jährigen US-​Amerikanern in den Jahren 2005 bis 2008 35% einen Präd­ia­betes auf­ge­wiesen haben; bei den über 65-​jährigen waren es sogar 50%. Experten gehen davon aus, dass die Häu­figkeit des Präd­ia­betes wei­terhin zunehmen wird und dass bis zum Jahre 2030 weltweit etwa 472 Mil­lionen Men­schen eine ein­ge­schränkte Glu­ko­se­to­leranz auf­weisen werden. 

Ernäh­rungs­as­so­zi­ierte Erkran­kungen wie Herz-​Kreislauf-​Erkrankungen, chro­nische Erkran­kungen der Leber und anderer Ver­dau­ungs­organe, diverse Krebs­er­kran­kungen und Dia­betes mel­litus sind in allen west­lichen Indus­trie­staaten wesent­liche Ursachen für Mor­bi­dität und Mor­ta­lität. Zu den acht häu­figsten Risi­ko­fak­toren für die soge­nannte Krank­heitslast (DALY) zählten in Europa bereits 2004 – basierend auf den Global Burden of Disease (GBD) Daten – Blut­hoch­druck (11,3%), Adi­po­sitas (7,8%), Bewe­gungs­mangel (5,5%) und u.a. hoher Blut­zucker (4,8%).

Auch fol­gende Zahlen aus dem Jahr 2013 ver­deut­lichen die Relevanz. Dia­betes hat in der öster­rei­chi­schen Bevöl­kerung über 14 Jahre bereits eine Prä­valenz von 8 bis 9%, davon ent­fällt mit ca. 90% der über­wie­gende Anteil auf Typ-​2-​Diabetes. Schät­zungen zufolge leben in Öster­reich 570.000 bis 645.000 Men­schen, die an einer Form von Dia­betes erkrankt sind. In Deutschland sind etwa 6 Mil­lionen Men­schen an Dia­betes erkrankt, davon rund 95% an Typ-​2-​Diabetes. Euro­paweit leben schät­zungs­weise bereits 53 und weltweit in etwa 370 Mil­lionen Men­schen mit Diabetes. 

Jedoch nicht alle Men­schen, bei denen erwähnte labor­dia­gnos­tische Werte vor­liegen, müssen zwangs­läufig einen mani­festen Typ-​2-​Diabetes ent­wi­ckeln. Die Chance zur Nor­ma­li­sierung des Stoff­wechsels ist bei Präd­ia­be­tikern viel höher als wenn sich bereits eine Dia­be­teser­krankung eta­bliert hat. Die Ursachen für eine Insu­lin­re­sistenz sind noch nicht genau geklärt. Es wird in der medi­zi­ni­schen Fachwelt mitt­ler­weile davon aus­ge­gangen, dass Insu­lin­re­sistenz durch die Kom­bi­nation meh­rerer Fak­toren zustande kommt. 

Die Rolle der Ernährung

Neben einer regel­mä­ßigen Bewegung, welche die Insu­lin­sen­si­ti­vität der Zellen erhöhen kann, spielt die Ernährung eine gewichtige Rolle. Große Mengen zucker­hal­tiger Nah­rungs­mittel und Getränke sowie stark ver­ar­beitete und somit nähr­stoffarme Nah­rungs­mittel tragen zu Typ-​2-​Diabetes maß­geblich bei. Da es bei einer der­ar­tigen Ernäh­rungs­weise ständig zu einem sehr starken Anstieg des Blut­zu­cker­spiegels kommt, muss die Bauch­spei­chel­drüse ent­spre­chend viel Insulin zur Ver­fügung stellen. Ist der Körper über viele Jahre hinweg diesen hohen Insu­lin­be­las­tungen aus­ge­setzt, führt dies unwei­gerlich zu einer Insu­lin­re­sistenz – es ist nur eine Frage der Zeit. 

Ballaststoffe und Mikrobiota 

In den letzten Jahren ist die Gruppe der Bal­last­stoffe (Nah­rungs­fasern) ver­stärkt in den Mit­tel­punkt gesunder Ernährung gerückt, was auf die Vielzahl der dis­ku­tierten und teil­weise nach­ge­wie­senen posi­tiven Wir­kungen auf den mensch­lichen Stoff­wechsel zurück­zu­führen ist. Bal­last­stoffe beein­flussen die Funktion des gesamten Magen-​Darm-​Trakts, wodurch sich Aus­wir­kungen auf den Gesamt­or­ga­nismus ergeben. Zudem wurden neue Erkennt­nisse über Nah­rungs­fasern in ver­schie­denen Lebens­mitteln gewonnen. Beson­deres Interesse gilt heute der Tat­sache, dass einige dieser Nah­rungs­fasern die Insu­lin­sen­si­ti­vität beim Men­schen erhöhen und Krank­heiten wie Dia­betes mel­litus Typ 2, Über­ge­wicht und Adi­po­sitas vor­beugen. Bereits bekannt ist, dass Nah­rungs­fasern die Ener­gie­dichte der Nahrung redu­zieren. Lös­liche Bal­last­stoffe beein­flussen die Mikro­biota (Darm­flora) im Darm positiv und wirken günstig auf die LDL-​Cholesterin-​Konzentration im Blut. 

Die Fort­schritte in der Gen­analyse haben es möglich gemacht, die Zusam­men­setzung der Darm­flora genauer zu unter­suchen, wobei sich immer deut­licher her­aus­stellt, dass die Ernährung die Mikro­biota auf Dauer ver­ändern kann. Die Ver­än­derung der Darm­flora könnte somit auch an der Ent­wicklung des Typ-​2-​Diabetes beteiligt sein, bei­spiels­weise wenn die Darm­bak­terien die Resorption von Glukose über die Darm­mukosa ver­ändern. Durch die Epi­de­mio­logie konnte in den letzten Jahren bestätigt werden, dass eine hohe Zufuhr unlös­licher Bal­last­stoffe mit einem gerin­geren Kör­per­ge­wicht und einer gerin­geren Inzidenz von Koro­naren Herz­krank­heiten oder Dia­betes Typ 2 einhergeht. 

Bal­last­stoffe sind die Haupt­en­er­gie­quelle der Darm­bak­terien und beein­flussen die Zusam­men­setzung der Mikro­biota wie bereits erwähnt positiv. Kurz­kettige Fett­säuren als End­pro­dukte der bak­te­ri­ellen Fer­men­tation zeigen anti-​entzündliche Wir­kungen und günstige Ein­flüsse auf den Lipid- und Koh­len­hy­drat­stoff­wechsel. Trotz der indi­vi­du­ellen Zusam­men­setzung der Darm­flora aus über 400 bekannten, im Darm lebenden Spezies sind bei bestimmten Erkran­kungen typische Ver­än­de­rungen nach­zu­weisen. Es wird derzeit erforscht, inwieweit sich künftig die Mikrobiota-​Analyse als Dia­gno­se­instrument für den Nachweis bestimmter Krank­heiten nutzen lässt. 

Besonders ein­drucksvoll liegt heute der Zusam­menhang zwi­schen Nah­rungs­fasern und Typ-​2-​Diabetes auf der Hand. Ver­ant­wortlich dafür sind die im Darm gebil­deten Pep­tid­hormone „Peptid YY“ (appe­tit­sen­kendes Hormon PYY) und GLP‑1 (Glucagon-​like-​peptide 1) sowie soge­nannte FFA-​2-​Rezeptoren (free fatty acid receptor 2). Sie beein­flussen die Insu­lin­sen­si­ti­vität in den Geweben, welche mög­lichst hoch sein soll, damit die Bauch­spei­chel­drüse nur wenig Insulin pro­du­zieren muss, um den Blut­zu­cker­spiegel auf einem güns­tigen Niveau zu halten. Unlös­liche Bal­last­stoffe ver­lang­samen den Anstieg des Blut­zu­ckers und bieten somit eine Mög­lichkeit, chro­ni­schen Krank­heiten vorzubeugen. 

Weiters konnte in Studien nach­ge­wiesen werden, dass eine sehr pro­te­in­reiche Ernährung offenbar zur Akti­vierung eines Signal-​Enzyms, der S6-​Kinase, führen kann, welches die Insu­lin­wirkung hemmt, wodurch der Zucker­stoff­wechsel gestört und das Ent­stehen von Dia­betes gefördert werden kann. Unlös­liche Bal­last­stoffe bewirken das Gegenteil und sind fähig, die „negative Pro­te­in­wirkung“ auf­zu­heben, was ver­mutlich damit zu tun hat, dass sie die Abbau­pro­zesse im Dickdarm verändern. 

Die Bal­last­stoffe, welche den Lipid­stoff­wechsel in der Leber sowie die Aus­schüttung von Hor­monen mit Aus­wir­kungen auf Darm­pas­sa­gezeit, Insu­lin­sen­si­ti­vität und Sät­ti­gungs­gefühl beein­flussen, stellen eine Mög­lichkeit im Zuge der Ernährung dar, der Mani­fes­tation eines Dia­betes mel­litus Typ 2 und vor allem etwaiger chro­ni­scher Fol­ge­er­kran­kungen ent­ge­gen­zu­wirken. Wenn die Blut­zu­cker­werte im Bereich des Präd­ia­betes liegen, sollte diesen auf jeden Fall Beachtung geschenkt werden. Bereits Men­schen im präd­ia­be­ti­schen Stadium können End­or­gan­schäden bei­spiels­weise an Augen, Nieren, Blut­ge­fäßen und am Herzen auf­weisen und je höher die kon­stanten Glu­ko­se­werte sind, desto gra­vie­render sind die Spät­folgen, die durch hohe Blut­zu­cker­spiegel aus­gelöst werden. 

Messbare Erfolge

Wis­sen­schaft­liche Studien haben in den letzten Jahren auch neue Labor­pa­ra­meter eva­luiert und vali­diert – zum einen, um früh­zeitig präd­ia­be­tische Stadien zu erkennen und zum anderen, um den Erfolg gesetzter Inter­ven­tionen im Verlauf beur­teilen zu können. Neben den Para­metern Blutglukose und HbA1c werden in zuneh­menden Maße zusätzlich die Bio­marker Adi­po­nektin, Insulin, Pro­in­sulin und Leptin sowie inflamma­to­rische Marker (hoch­sen­si­tives CRP, PAI‑1, TNF-​alpha, IL‑6 und IL‑8) zur Dia­gnostik der Insu­lin­re­sistenz und β‑Zellfunktion der Bauch­spei­chel­drüse eingesetzt. 

Pri­märes Ziel von Lebens­stil­in­ter­ven­tionen ist es, die Ent­wicklung eines Typ-​2-​Diabetes sowie dia­be­te­sas­so­zi­ierte Fol­ge­er­kran­kungen zu ver­hindern oder hin­aus­zu­zögern. Adi­po­sitas und kör­per­liche Inak­ti­vität sind die beiden wich­tigsten modi­fi­zier­baren Risi­ko­fak­toren für Dia­betes, weshalb Ände­rungen des Lebens­stils auf diese beiden Fak­toren abzielen. Die Finnish Dia­betes Pre­vention Study und das US-​amerikanische Dia­betes Pre­vention Pro­gramm (DPP) mit einer Nach­be­ob­ach­tungszeit von 3 Jahren berichten über eine Risi­ko­re­duktion von 58%, nachdem Maß­nahmen zur Gewichts­re­duktion, eine Ernäh­rungs­um­stellung und ver­mehrte kör­per­liche Akti­vität vor­ge­nommen worden waren. 

 

* Mag. Daniela Toure-​Demmerer, Lei­terin Wis­sens­ma­nagement, Biogena Natur­pro­dukte GmbH & Co KG, Mil­ler­gasse 35, 1060 Wien 

 

Lite­ratur:

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