Fallbericht: Frühdiabetes

April 2015 | Fachlich-Sachlich

In der Folge wird ein Fall­be­richt „Früh­dia­betes“ aus der ärzt­lichen Praxis von Dr. Alex­andra Knauer, Wien, unter Berück­sich­tigung der TCM-​Ernährungslehre dargestellt. 

Anamnese

Frau T., 58 Jahre alt, ist ein Genuss­mensch. Sie hatte immer guten Appetit und konnte viel essen ohne dabei zuzu­nehmen. Erst ab dem Kli­mak­terium kam es zu einer ste­tigen Gewichts­zu­nahme und sie bemerkte, dass sie seither bei den Mahl­zeiten mehr auf eine redu­zierte Menge achten sollte, Beschwerden wurden keine genannt. Im Rahmen der Gesunden-​Vorsorgeuntersuchung wurde ein erhöhter Nüchtern BZ im Serum von 117mg/​dl fest­ge­stellt. Weitere Befunde, die erhoben wurden, sind in der Folge ange­führt. Ins­gesamt spricht der Befund für einen Früh­dia­betes. Frau T. ist noch berufs­tätig und sehr häufig auf Reisen, kein regel­mä­ßiger Sport. Die Fami­li­en­ana­mnese auf Dia­betes ist negativ. 

 

HbA1c: 6,1%

oGTT: Blut­zucker nach 60 min: 179mg/​dl, nach 120 min: 128mg/​dl

Harn­zucker nach Belastung: 21 (15)

Intaktes Pro­in­sulin: 12,60pmol/l (11)

Gesamt-​Cholesterin: 222mg/​dl

LDL: 156mg/​dl

HDL: 47mg/​dl

Tri­gly­zeride: 115mg/​dl

Kör­per­größe: 1,73m

Kör­per­ge­wicht: 81kg 

BMI: 27

Bauch­umfang: 100cm 

RR aktuell: 125/​85mmHg unter Can­des­artan 4mg 1/​0/​0

 

Früh­stück: zwei Butter- oder Käse­brote, ein Kaffee mit Milch. 

Vor­mittag: um etwa 10 Uhr wieder Hunger, hier folgt ein kof­fe­in­freier Kaffee mit Milch und eine kleine Mehl­speise oder ein Korn­spitz mit Schinken. 

Mit­tag­essen: eine Portion gemischter Salat mit Brot oder ein Nudel­ge­richt, Joghurt zur Nachspeise. 

Nach­mittag: Kaffee mit Milch und eine kleine Süß­speise, z.B. Kuchen. 

Abend­essen: warme Speise (Mischkost) im Restaurant oder selbst gekocht, Nach­speise (zumindest ein Stück Scho­kolade) oder Käse, fast jeden Abend 1–3 Achterl Wein in Gesellschaft. 

Ernährungs- und Lebensstilempfehlungen 

Die The­rapie bestand aus­schließlich aus diä­te­tische Maß­nahmen und Bewegung. Die Ernäh­rungs­emp­feh­lungen erfolgten nach den dafür gel­tenden ernäh­rungs­the­ra­peu­ti­schen Prin­zipien unter der Berück­sich­tigung von Aspekten der TCM. Die 5 Ele­mente Küche legt beson­deren Wert auf eine bewusste Zube­reitung von regio­nalen und sai­so­nalen Nah­rungs­mitteln unter Ein­be­ziehung aller Geschmacks­rich­tungen. Dieser Ansatz erfordert mit­unter Freude am Kochen und die Bereit­schaft zur Ver­än­derung des gewohnten Ess­ver­haltens. Da diese Pati­entin gerne „genussvoll“ isst und sich bereit erklärt hat, für Ver­än­de­rungen offen zu sein, wurde eine aus­führ­liche und intensive Ernäh­rungs­be­ratung durch­ge­führt. Ein per­sön­liches Rezeptbuch wurde ausgehändigt. 

 

  • Ver­zicht auf alle raf­fi­nierten Koh­len­hy­drat­quellen wie Weißbrot, Semmeln, Süß­speisen, Knö­delbrot sowie Zucker aller Art und Alkohol. 
  • Ernährung nach dem Trenn­kost­prinzip, ver­mehrter Konsum von pflanz­lichem und tie­ri­schem Eiweiß mit Gemüse.
  • Regel­mäßig Fisch auf­grund des Omega‑3 Fettsäuregehalts. 
  • Aro­ma­tische Zube­reitung mit fri­schen Kräutern wie Peter­silie, Basi­likum, Kori­ander, etc.
  • Auf eine saftige Zube­reitung der Speisen achten.
  • Keine scharfen und tro­ckenen Zube­rei­tungs­arten wie Grillen und scharfes Anbraten.
  • Ess­kultur ein­führen wie z.B. Hin­setzen beim Essen, kein Fern­sehen, keine simultane PC-Arbeit.
  • Regel­mäßige Essens­zeiten mit min­destens 3 Stunden Essenspausen.
  • Hoch­wertige pflanz­liche Öle verwenden.
  • Regio­na­lität und die Saison beachten.
  • Regel­mäßige kör­per­liche Bewegung!

 

Früh­stück:

  • Ome­lette mit Gemüse , Cham­pions und vielen fri­schen Kräutern wie Kresse, Basi­likum, Petersilie.
  • Rog­gen­sauer­teigbrot, Voll­korndin­kelbrot oder glu­ten­freies Brot mit Avo­ca­do­auf­strich, Kichererbsen- oder Bohnenaufstrich.
  • Zucker­freies Kompott oder Mus.

Zwi­schen­durch:

  • 1/​8l Apfelmus oder Kom­potte selbst gemacht.
  • Im Sommer 1/​8 l Gemü­sesaft (Karotte, Kürbis, Zuc­chini, Sel­lerie, Rote Rübe mit Ingwer).
  • Eine Handvoll Nüsse knabbern.

Mittag bis spä­testens 15 Uhr: 

  • Vor­zugs­weise eiweiß­reiches Getreide wie Quinoa, Hirse, Voll­kornreis, Ama­ranth, Glas­nudeln (aus Soja­boh­nenmehl) oder Kon­jak­nudeln mit gegartem Gemüse in allen Farben.
  • Hühner-​Geschnetzeltes mit Zitrone und fri­scher Peter­silie, Rinder-​Wokpfanne mit Gemüse, Gewürzreis mit roten Rüben, Natur­schnitzel mit Salat, viele frische Kräuter anwenden.

Abend:

  • Gemü­se­ge­richte mit Tofu, Hül­sen­früchten, Ei oder Fisch.
  •  Suppen.

Getränke:

  • Rosen­blü­tentee, Rin­gel­blu­men­blü­tentee, Melissentee.
  • Aro­ma­ti­siertes Wasser: 1 TL gemischte Gewürze (Nelken, Oran­gen­schalen, Kar­damom,…) mit 1l heißem Wasser auf­gießen und über den Tag ver­teilt trinken (Gewürze können drinnen bleiben).

Resultat

Die Pati­entin hielt die Emp­feh­lungen unter inten­siver Betreuung für 4 Wochen kon­se­quent ein und machte regel­mäßig (3x pro Woche) aus­ge­dehnte Spa­zier­gänge. Nach dieser Zeit wurde jedoch wieder ver­mehrt Brot, Erd­äpfeln und weißer Reis in den Spei­seplan auf­ge­nommen. Der Ver­zicht auf Alkohol und Zucker war auch lang­fristig nicht so schwierig. Die Kon­troll­un­ter­su­chung nach 3 Monaten hat ergeben: 

 

Kör­per­ge­wicht: 78kg (-3kg!!!)

Nüchtern-​BZ: 102mg/​dl

HbA1c: 5,8%

Diskussion und Ausblick 

Die Erfahrung zeigt, dass Pati­en­tInnen mit einer dia­be­ti­schen Stoff­wech­sellage keine Schmerzen haben und in ihrer Lebens­weise nicht ein­ge­schränkt sind. Dadurch besteht kein unmit­tel­barer Anlass zur Ver­än­derung. Durch den erhöhten Proinsulin-​Wert wurde ersichtlich, dass bereits eine Funk­ti­ons­ein­schränkung der insu­lin­pro­du­zie­renden Beta­zellen im Pan­kreas statt­findet. Bei einer Fort­führung der bis­he­rigen Ernäh­rungs­weise in Kom­bi­nation mit dem Blut­hoch­druck würde neben der Zucker­krankheit ein erhöhtes kar­dio­vasku­läres Risiko für Herz­in­farkt und Schlag­anfall resul­tieren. Diese Dar­stellung des Risi­ko­profils erscheint für Pati­en­tInnen dras­tisch, ist aber mit­unter für ein Umdenken not­wendig. Zudem stellt die rasche „Nor­ma­li­sierung“ der Blut­werte eine rea­lis­tische Moti­vation zur Fort­führung der Lebens­stil­mo­di­fi­kation dar. Lang­fristig gesehen ist aller­dings eine intensive the­ra­peu­tische Betreuung dieser Risi­ko­pa­ti­en­tInnen unum­gänglich, da die Com­pliance oder besser gesagt die Selbst­dis­ziplin in den meisten Fällen sonst nachlässt. 

 

 

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