Arteriosklerose: Prävention durch Ernährung und gezielte Mikronährstoffzufuhr

Juli 2015 | Fachlich-Sachlich

Kar­dio­vaskuläre Erkran­kungen betreffen einen stetig stei­genden Teil der Bevöl­kerung und sind Ursache für die höchste Mor­ta­lität weltweit. Allein im Jahr 2008 sind laut WHO (World Health Orga­niz­ation) etwa 17,3 Mil­lionen Per­sonen an den Folgen kar­dio­vasku­lärer Erkran­kungen gestorben, bis zum Jahr 2030 soll die Zahl der Todes­opfer auf 23,3 Mil­lionen Men­schen pro Jahr steigen. Ein Großteil der Todes­fälle geht auf die Folgen einer Arte­rio­sklerose zurück, welche gemeinhin auch unter dem Begriff „Arte­ri­en­ver­kalkung“ bekannt ist.

Michael Wäger*

 

Die Patho­genese der Arte­rio­sklerose umfasst all­gemein Fett­ab­la­ge­rungen an den inneren Schichten der Arterien, welche die Gefäße über einen jah­re­langen Zeitraum ver­stopfen können. Dieser „athe­ro­matöse Plaque“ wird durch die Abla­gerung kleiner Cho­le­ste­rin­kris­talle in der Intima und den dar­un­ter­lie­genden glatten Mus­kel­zellen gebildet. Durch die Pro­li­fe­ration des Bin­de­ge­webes und der umlie­genden glatten Mus­kel­zellen kommt es zum Wachstum des Plaques, was zu einer Ver­di­ckung der Arterien mit anschließend kon­se­quent redu­ziertem Blut­fluss führt. Die zusätz­liche Pro­duktion von Bin­de­gewebe durch die Fibro­blasten und die Abla­gerung von Calcium beim Ort der Arte­ri­en­läsion führt außerdem zu einer Sklerose und Ver­härtung der betrof­fenen Arterien. Letzt­endlich resul­tiert die unebene Ober­fläche der Gefäßwand in deren Ver­klumpung, einer Thrombose und einer abschlie­ßenden, plötzlich auf­tre­tenden, Obstruktion des Blut­flusses. Die Folgen dieser Erkrankung mani­fes­tieren sich häufig in Ischämie, Angina pec­toris, Herz­in­farkt, Thrombo-​Embolie, Schlag­anfall oder plötz­lichem Herztod.

Nicht uner­wähnt darf die Bedeutung von oxi­da­tivem Stress bei der Aus­bildung einer Arte­rio­sklerose bleiben, da dieser in Form von reak­tiven Sauer­stoff­spezies (ROS) die oxi­dative Modi­fi­kation des LDL-​Cholesterins (low-​density lipo­protein) ver­ur­sacht. Dieser Vorgang bildet das eigent­liche Schlüs­sel­er­eignis, was die wei­teren Vor­gänge der Krank­heits­ent­wicklung ein­leitet.

Gibt es die „richtige“ Ernährung zur Prävention?

Das Ernäh­rungs­ver­halten beein­flusst die Aus­bildung zahl­reicher Erkran­kungen signi­fikant und spielt auch eine tra­gende Rolle bei der Patho­bio­logie von Arte­rio­sklerose. Welcher Ernäh­rungsstil nun aber die meisten gesund­heit­lichen Vor­teile mit sich bringt, ist immer noch Haupt­thema zahl­reicher Dis­kus­sionen. Generell sticht besonders die Wahl eines größ­ten­teils auf Pflanzen basie­renden Ernäh­rungs­stils heraus, was sowohl den Vege­ta­rismus als auch den Vega­nismus umfasst. So vermag eine vege­ta­rische Kost ver­schiedene Risi­ko­fak­toren für kar­dio­vaskuläre Erkran­kungen nach­haltig zu ver­bessern. Neben abdo­mi­nalem Über­ge­wicht, Blut­druck und dem Blut­zucker kann auch das Lipidprofil positiv beein­flusst werden. Aktuelle Studien berichten von einer Senkung des Gesamt­cho­le­sterins um 7,2 bis 26,6 Prozent, das LDL-​Cholesterin soll um 8,7 bis 35 Prozent ver­ringert werden können. Neben den erwähnten Para­metern werden auch diverse Ent­zün­dungs­marker, wie etwa das C‑reaktive Protein, positiv beein­flusst und oxi­da­tiver Stress signi­fikant redu­ziert, was zu ver­min­derter Plaque-​Bildung in den Gefäßen führt. Schät­zungen zufolge weisen Vege­tarier im Alter von 55 Jahren nur eine Wahr­schein­lichkeit von 6,1 Prozent für die Aus­bildung einer kar­dio­vasku­lären Erkrankung auf, wohin­gegen Omni­voren („Alles­fresser“) eine Wahr­schein­lichkeit von 17,9 Prozent auf­weisen.

Eine strikte vegane Ernährung, also der voll­kommene Ver­zicht auf tie­rische Lebens­mittel, weist die stärksten posi­tiven Effekte auf die kar­dio­vaskuläre Gesundheit auf. So konnten die Ergeb­nisse der EPIC-​Studie (European Pro­spective Inves­ti­gation into Cancer and Nut­rition) zeigen, dass Veganer am sel­tensten von Blut­hoch­druck betroffen waren und sowohl den nied­rigsten systo­li­schen als auch dia­sto­li­schen Blut­druck auf­wiesen. Andere wis­sen­schaft­liche Erkennt­nisse berichten von einem bei Veganern um 63 Prozent ver­rin­gerten Risiko, eine Hyper­tonie aus­zu­bilden im Ver­gleich zu Nicht-​Vegetariern, wohin­gegen Vege­tarier ein um 43 Prozent redu­ziertes Risiko auf­weisen konnten. Nicht zu ver­nach­läs­sigen ist bei Ein­haltung einer veganen Ernährung jedoch die aus­rei­chende Ver­sorgung mit Vitamin B12, da dieser Mikro­nähr­stoff besonders häufig – ohne Zuhil­fe­nahme eines Mikro­nähr­stoff­prä­pa­rates – in zu geringem Maße über die Nahrung zuge­führt wird. In Folge ver­min­derter B12-Spiegel kann Homo­cystein nicht mehr abgebaut werden und eine Hyper­ho­mo­cys­teinämie, welche einen wei­teren unab­hän­gigen Risi­ko­faktor für kar­dio­vaskuläre Erkran­kungen dar­stellt, ist die Folge. Niedrige B12-Kon­zen­tra­tionen wirken sich außerdem negativ auf die fluss­me­di­ierte Dila­tation (FMD) und die Intima-​Media-​Dicke (IMT), zwei bei Arte­rio­sklerose ver­wendete Sur­ro­gat­pa­ra­meter, aus. Per­sonen mit veganer Ernährung sollten sich deshalb regel­mäßig auf deren Vitamin B12-Spiegel screenen lassen, um einer poten­ti­ellen Unter­ver­sorgung zeitnah ent­ge­gen­wirken zu können.

Besonders inter­essant ist auch die Tat­sache, dass vegane und vege­ta­rische Ernäh­rungs­ge­wohn­heiten, kom­bi­niert mit anderen Lebens­stil­fak­toren (Niko­tin­ab­stinenz, Gewichts­verlust), eine Arte­rio­sklerose rück­gängig machen können: schon wenige Monate nach der Umstellung des Ernährungs- und Lebens­stils konnte der in den Gefäßen vor­handene Plaque signi­fikant ver­ringert werden. Die erwähnten Effekte konnten außerdem ohne den Einsatz cho­le­ste­rin­sen­kender Medi­ka­mente erreicht werden. Die Ein­haltung einer pflan­zen­ba­sierten Ernäh­rungs­weise sollte von Per­sonen mit Herz-​Kreislauferkrankungen auf­grund der zahl­reichen posi­tiven Eigen­schaften jeden­falls in Betracht gezogen werden.

Effekte der „Mittelmeerdiät“

Neben dem Vegan- und Vege­ta­rismus hat sich auch die medi­terrane Ernährung oder „Mit­tel­me­erdiät“ bewährt. Reichlich Früchte und Gemüse, Voll­korn­ge­treide, natür­liches und kalt­ge­presstes Oli­venöl, Nüsse und der moderate Fisch- und Rot­wein­konsum zählen zu den festen Bestand­teilen dieses Ernäh­rungs­ver­haltens. Neben pro­tek­tiven Effekten auf koronare Herz­er­kran­kungen und die all­ge­meine kar­dio­vaskuläre Gesundheit sind außerdem positive Aus­wir­kungen auf Krebs, Alz­heimer und Par­kinson zu erwarten. Die gesund­heit­lichen Vor­teile der Mit­tel­me­erdiät werden auf die syn­er­gis­ti­schen Inter­ak­tionen der ver­schie­denen Nah­rungs­kom­po­nenten zurück­ge­führt und umfassen neben Nitraten, einfach unge­sät­tigten Fetten, Omega-​3-​Fettsäuren und Poly­phe­nolen auch andere Mikro­nähr­stoffe.

EPA und DHA gehören zu den in Fisch ent­hal­tenen Omega-​3-​Fettsäuren und können bei regel­mä­ßiger Ein­nahme die kar­dio­vaskuläre Mor­ta­lität signi­fikant senken und das Risiko eines plötz­lichen Herz­todes um bis zu 35 Prozent redu­zieren. Des Wei­teren können durch die aus­rei­chend hohe Ein­nahme von EPA und DHA ver­schiedene Ent­zün­dungs­marker und die Throm­bo­genese günstig beein­flusst werden, was sich direkt auf die Patho­genese von Arte­rio­sklerose aus­wirkt.

Die unter anderem aus Oli­venöl und Rotwein stam­menden Poly­phenole beein­flussen primär ver­schiedene athero­throm­bo­tische Eigen­schaften positiv, wie etwa das Lipidprofil, die Plätt­chen­ag­gre­gation, oxi­da­tiven Stress, endo­the­liale Dys­funk­tionen und ver­schiedene Ent­zün­dungs­pro­zesse. Sie ver­hindern die Oxi­dation des LDL-​Cholesterins, wirken gefäß­er­wei­ternd und haben günstige Aus­wir­kungen auf den Blut­druck, was besondere Bedeutung bei der Pro­phylaxe und Behandlung von Gefäß­er­kran­kungen hat.

Neben den Aus­wir­kungen des all­ge­meinen Ernäh­rungs­stils spielen jedoch auch ein­zelne Vit­amine und sekundäre Pflan­zen­stoffe eine essen­tielle Rolle bei der Pro­phylaxe und nut­ri­tiven The­rapie von kar­dio­vasku­lären Erkran­kungen und Arte­rio­sklerose.

Lutein und Lycopin verringern Intima-​Media-​Dicke der A. carotis

Die Caro­ti­noide Lutein und Lycopin weisen starke anti­oxi­dative Eigen­schaften auf und konnten so etwa in diversen „in vivo“-Studien die oxi­dative Modi­fi­kation des LDL-​Cholesterins und somit die Pro­gression einer Arte­rio­sklerose erfolg­reich ver­hindern. Ergeb­nisse einer aktu­ellen Human­studie beschei­nigen Lutein und Lycopin außerdem günstige Effekte bei einer vor­herr­schenden Arteriosklerose-​Erkrankung. So konnte gezeigt werden, dass durch die Sup­ple­men­tierung der erwähnten Caro­ti­noide bei Per­sonen mit bestehender Erkrankung die IMT der Arteria carotis, einem Marker für die Früh­dia­gnose von Arte­rio­sklerose, signi­fikant gesenkt werden konnte und sowohl die Lutein- als auch die Lycopin-​Konzentrationen der Pro­banden anstiegen. Die Stu­di­en­ergeb­nisse konnten außerdem zeigen, dass besonders bei der Kom­bi­nation beider Caro­ti­noide günstige Effekte zu erwarten sind.

Niedrige Vitamin D‑Konzentrationen begünstigen Progression von Arteriosklerose

Seit meh­reren Jahren ist bekannt, dass Vitamin D nicht nur im Calcium- und Kno­chen­stoff­wechsel essen­tielle Funk­tionen über­nimmt, sondern auch die kar­dio­vaskuläre Gesundheit signi­fikant beein­flusst. So erhöhen ver­min­derte Vitamin D‑Spiegel etwa das Risiko für Blut­hoch­druck, peri­phere arte­rielle Ver­schluss­krankheit, Myo­kard­in­farkte, Herz­ver­sagen und die all­ge­meine kar­diale Mor­ta­lität. Ver­schiedene Unter­su­chungen asso­zi­ieren niedrige Cholecalciferol-​Konzentrationen weiters mit endo­the­lialen Dys­funk­tionen, Ent­zün­dungs­pro­zessen, auf­tre­tender Arte­ri­en­stei­figkeit und ver­stärkten Abla­ge­rungen von Calcium in den Gefäßen.

Eine im Februar 2015 publi­zierte Studie kam außerdem zu dem Schluss, dass ver­min­derte Vitamin D‑Level die Pro­gression von Arte­rio­sklerose fördern könnnen und führt diese Erkennt­nisse auf ver­schiedene Mecha­nismen zurück. So sti­mu­liert Chole­cal­ci­ferol etwa die Pro­duktion von Pro­sta­cyclin in den glatten Mus­kel­zellen der Gefäße und ver­hindert die Bildung von Thromben, Zellad­häsion und die Pro­li­fe­ration glatter Mus­kel­zellen. Andere wis­sen­schaft­liche Ergeb­nisse berichten von hem­menden Wir­kungen von Vitamin D auf die Ent­stehung von Schaum­zellen über eine Reduktion der Cho­le­ste­rol­auf­nahme durch Makro­phagen. Zu guter Letzt wird auch die anti-​entzündliche Wirkung von Vitamin D als mög­licher Mecha­nismus vor­ge­schlagen, da inflamma­to­rische Pro­zesse in allen Phasen des Krank­heits­ver­laufs von Arte­rio­sklerose eine wichtige Rolle spielen.

Die Erkennt­nisse dieser Studien über Vitamin D spielen insofern eine tra­gende Rolle, da kar­dio­vasku­lären Erkran­kungen ein glo­bales gesund­heits­po­li­ti­sches Problem dar­stellen und bei­spiels­weise große Teile der öster­rei­chi­schen Bevöl­kerung ernied­rigte Kon­zen­tra­tionen dieses wich­tigen Mikro­nähr­stoffes auf­weisen. Laut dem öster­rei­chi­schen Ernäh­rungs­be­richt von 2012 sollen dem­zu­folge bis zu 40 Prozent der Gesamt­be­völ­kerung mit Vitamin D unter­ver­sorgt sein.

Über einen gesunden Lebensstil, der Wahl des „rich­tigen“ Ernäh­rungs­ver­haltens und der gezielten Zufuhr aus­ge­wählter Vit­amine und sekun­därer Pflan­zen­stoffe können zahl­reiche Risi­ko­fak­toren für kar­dio­vaskuläre Erkran­kungen und Arte­rio­sklerose positiv beein­flusst werden. Um indi­vi­duelle Aus­sagen treffen zu können und die Gesundheit des Herz-​Kreislaufsystems optimal zu unter­stützen, sollten Scree­nings auf poten­tielle Nähr­stoff­mängel, besonders bei Per­sonen mit fort­schrei­tendem Alter, bedacht und auch durch­ge­führt werden.

 

* Michael Wäger, BSc., Assistent Wis­sens­ma­nagement, Biogena Natur­pro­dukte GmbH & Co KG, Mil­ler­gasse 35, 1060 Wien

 

Refe­renzen:

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