Mehr als Babynahrung

April 2015 | Easy Reading

Der Medi­ziner Chris­topher Mayr ist Geschäfts­führer von Milupa Öster­reich und Leiter des Nut­ricia Forums für Mut­ter­milch­for­schung. Was Milupa außer Baby­nahrung sonst noch macht, erzählt er im Gespräch mit dem Journal für Ernäh­rungs­me­dizin.

JEM Sie sind Medi­ziner und seit mehr als zehn Jahren bei Milupa. Warum aus­ge­rechnet Baby­nahrung?

Mayr Es gibt wohl kaum etwas Schö­neres, als Babys beim gesunden Groß­werden zu unter­stützen. Zudem war mir die Kom­bi­nation aus Wis­sen­schaft und Men­schen­führung, die mit dieser Position ver­bunden ist, sehr reizvoll erschienen – und das ist es bis heute auch geblieben. Wir haben in unserem Unter­nehmen ein sehr gut ein­ge­spieltes und moti­viertes Team.

JEM Nach dieser Zeit kann man auch schon einen kleinen Rück­blick machen.

Wichtig erscheint mir unter anderem die Kon­ti­nuität, die wir in der Zusam­men­arbeit und im Aus­tausch mit Fach­kreisen erhalten konnten. Die enge Koope­ration mit Kin­der­ärzten, Ernäh­rungs­wis­sen­schaftlern, Heb­ammen und anderen Fach­kräften zeichnet Milupa meiner Ansicht nach auch aus.

JEM Und was hat sich in dieser Zeit ver­ändert?

Die Schwer­punkte haben sich deutlich ver­lagert. Vor 15 oder 20 Jahren hat man noch ver­sucht, die Mut­ter­milch mög­lichst gut nach­zu­ahmen. Das ist uns ja auch gut gelungen und darauf sind wir auch stolz. Aber je mehr wir geforscht haben, umso deut­licher haben wir erkannt, dass Mut­ter­milch niemals gänzlich nach­gebaut werden kann. Da sind die indi­vi­du­ellen Unter­schiede einfach zu groß. Mitt­ler­weile kennt man z. B. an die Tausend ver­schiedene lang­kettige Koh­len­hy­drate in der Mut­ter­milch, die sich je nach Blut­gruppe unter­scheiden.

JEM Welchen Weg hat man dann ein­ge­schlagen?

Wir haben unsere For­schung dahin­gehend ori­en­tiert, dass wir ver­sucht haben zu ergründen, was die Mut­ter­milch im Kind bewirkt – und das tun wir noch immer. In der Folge haben wir Nah­rungen kon­zi­piert, die diese Wir­kungen nach­ahmen, etwa die bifidogene Flora fördern. Erreichen konnten wir das mit spe­zi­ellen lang­ket­tigen Koh­len­hy­draten (GOS/​FOS), die paten­tiert sind und zu denen wir  sehr viel publi­ziert haben.

JEM Bei den lang­ket­tigen mehrfach unge­sät­tigten Fett­säuren, den LCP, haben Sie eine Vor­rei­ter­rolle ein­ge­nommen.

Wir haben die LCP in der Mut­ter­milch ent­deckt und waren die ersten, die Säug­lings­nahrung mit LCP her­ge­stellt haben. Das war vor rund 20 Jahren. Heuer werden die LCP wahr­scheinlich EU-​weit ver­pflichtend für Säug­lings­nahrung gemacht.  

JEM Wie wirkt sich die Über­nahme von Milupa durch den Danone-​Konzern vor acht Jahren aus?

Mir steht dabei natürlich die For­schung besonders nahe, die ganz ein­deutig an Potenzial gewonnen hat. Vor ein­einhalb Jahren wurde die gesamte For­schung der Bereiche Baby­nahrung und medi­zi­nische Ernährung in einem neuen, hoch­mo­dernen For­schungs­zentrum in Utrecht kon­zen­triert. Das ist ja auch sinnvoll, denn die Grund­lagen der Ernährung von Kindern und von alten oder kranken Men­schen haben viele Gemein­sam­keiten (Die Marke Nut­ricia gehört eben­falls zum Danone-​Konzern; Anm. d. Red.). Im inter­dis­zi­plinär besetzten For­schungs­zentrum Utrecht arbeiten bis zu 400 Ernäh­rungs­wis­sen­schafter, Bio­logen, Bio­tech­no­logen, Medi­ziner und andere Wis­sen­schafter.

JEM Warum braucht man eigentlich so viele Medi­ziner, um Säug­lings­nahrung her­zu­stellen?

Ent­wick­lungen wie eine Kai­ser­schnittrate von 25 Prozent oder eine Früh­ge­bo­re­nenrate von bis zu zehn Prozent – in Öster­reich sind es sechs bis sieben Prozent – bringen neue und spe­zielle Anfor­de­rungen mit sich, die sich nur mit einem medizinisch-​wissenschaftlichem Ansatz erfüllen lassen. Abge­sehen davon ver­langt die EFSA für die Zulassung eines neuen Claims dop­pel­blinde, pla­ce­bo­kon­trol­lierte Studien. Für Lebens­mit­tel­her­steller ist es wirklich ein großer Schritt, das zu bewerk­stel­ligen.

JEM Was zeichnet sich für die Zukunft noch ab?

Wir haben unseren Blick­winkel wesentlich erweitert. Wir fokus­sieren nicht mehr allein auf die Her­stellung von Säug­lings­nahrung auf höchstem Niveau, sondern stellen uns ganz generell die Frage, was wir bei­tragen können, damit Kinder von Anfang an gesund und gut ernährt auf­wachsen und damit den Grund­stein für die spätere Gesundheit legen. Deshalb widmen wir uns den berühmten „ersten 1000 Tagen“, die wie man weiß ja in der Schwan­ger­schaft beginnen. Und wir unter­stützen das Stillen aktiv.

JEM Welche Aktionen setzen Sie da konkret?

Zum einen bekennen wir uns zum WHO-​Code für die Ver­marktung von Säug­lings­nahrung, der zum Schutz des Stillens die Werbung für Säuglings- und Ein­ser­nahrung klar regelt. Zum anderen wollen wir For­schung und Wis­sens­transfer zur Mut­ter­milch fördern. Dazu haben wir vor etwas mehr als zwei Jahren das Nut­ricia Forum für Mut­ter­milch­for­schung gegründet, dessen Wis­sen­schafts­preis uns schon viel Ansehen gebracht hat. Und schließlich bringen wir Pro­dukte auf den Markt, die das Stillen unter­stützen. In Öster­reich wird ein Produkt für Stil­lende vor­aus­sichtlich ab Mai erhältlich sein.

JEM Worum handelt es sich dabei?

Dabei handelt es sich um ein wis­sen­schaftlich wirklich span­nendes Produkt: Ein Pro­bio­tikum für Stil­lende, das bei bak­te­riell bedingten Brust­be­schwerden in hoher Kon­zen­tration über 21 Tage genommen wird. In einer Studie publi­ziert konnte gezeigt werden, dass Früh­formen der Mas­titis auf diese Weise the­ra­piert werden können. Das Produkt enthält einen spe­zi­ellen Stamm von Lac­to­ba­c­illus sali­varius, der über das Lymph­system in die Brust­drüse gelangt und dort Pathogene ver­drängen kann.

JEM Wie sind Sie auf dieses Produkt gekommen?

Wir haben eine Umfrage unter Müttern gemacht, um her­aus­zu­finden, warum Frauen früher als ursprünglich geplant mit dem Stillen auf­hören. Mehr als ein Drittel hat ange­geben, dass sie länger stillen würden, wenn es eine wirksame Behandlung gegen Mas­titis gäbe, die zugleich mit dem Stillen ver­träglich ist.

JEM Wie sehen Sie die aktuelle Situation nach dem Stillen bzw. nach sechs Monaten?

In den ersten zwölf Monaten ist die Ernährung der Kinder in Öster­reich nahezu optimal. Es gibt prak­tisch keine Defizite. Die Bei­ko­stricht­linie ist durch die neueste Über­ar­beitung wesentlich ein­facher und klarer geworden. Ich bin über­zeugt davon, dass sie sich auch bald durch­setzen wird. Nach dem ersten Lebensjahr bzw. bei der Ernährung von Klein­kindern ist die Situation allerding wieder viel ver­wor­rener. Viele Frauen sind ver­un­si­chert.

JEM Milupa bietet Müttern auf ver­schie­denen Ebenen Kon­takt­mög­lich­keiten an.

Diese Angebote werden sehr gut ange­nommen, wir werden von 500 bis 600 Müttern pro Monat kon­tak­tiert, sei es per Telefon, E‑Mail oder Chats. Diese Zahlen und die Tat­sache, dass wir bei Umfragen im Ver­gleich zu anderen Care-​Lines immer sehr gut abschneiden, spiegeln meiner Ansicht die Kom­petenz unseres Teams wider. Die Anfragen von Müttern werden von Ernäh­rungs­wis­sen­schaft­le­rinnen und Heb­ammen bear­beitet und beant­wortet, die alle selbst auch Mütter sind.

JEM Wie erklären Sie sich den heute bestehenden großen Infor­ma­ti­ons­bedarf der Mütter zur Ernährung ihrer Babys?

Durch das stei­gende Bewusstsein über die Wich­tigkeit einer gesunden Ernährung besteht auf Seiten der Eltern großer Infor­ma­ti­ons­bedarf. Hier spielen natürlich sehr viele Fak­toren mit, die Unsi­cherheit in Fragen der Ernährung generell scheint aber ein Zug der Zeit zu sein. Einer­seits steht ein Über­an­gebot von Infor­ma­tionen zur Ver­fügung, ande­rer­seits haben die Experten – seien es Ärzte, Heb­ammen oder andere – zwar durchaus das Wissen, aber oft nicht die zeit­lichen Res­sourcen, um den Müttern Ori­en­tie­rungs­hilfe zu bieten.

JEM Haben Sie als Medi­ziner noch besondere Anliegen?

Das sind sicher unsere Spe­zi­al­pro­dukte für die Aller­kleinsten. Die Früh­ge­bo­renen sind in den ver­gan­genen Jahr­zehnten ja immer jünger geworden, mit der 22. Schwan­ger­schafts­woche scheint nun ein Limit erreicht zu sein. In der Ernährung dieser Kinder hat sich in den ver­gan­genen Jahren sehr viel getan, wozu auch wir mit unserer For­schung nicht unwe­sentlich bei­tragen konnten. Es hat sich gezeigt, dass man die par­en­terale Ernährung mög­lichst früh beenden sollte, um die Ent­wicklung des Darmes zu fördern. Dabei hat sich dann her­aus­ge­stellt, dass der Eiweiß­bedarf der Kinder enorm ist – noch wesentlich höher, als bisher ange­nommen. Hier reicht eine normale ange­rei­cherte Nahrung bei weitem nicht aus. Gemeinsam mit der Charité in Berlin konnten wir ein spe­zi­elles Eiweiß­kon­zentrat ent­wi­ckeln, mit denen ein gutes Wachstum dieser Kinder erzielt werden kann.

JEM Ein aktu­elles Erfolgs­er­lebnis?

Es ist uns gelungen, als  weltweit erstes Land eine teil­fer­men­tierte Säug­lings­nahrung in Öster­reich auf den Markt zu bringen. Das neue Produkt vereint im Wesent­lichen zwei Kon­zepte: Fer­men­tation und Pre­biotik. Die Kom­bi­nation aus beiden Prin­zipien hat eine syn­er­gis­tische Wirkung auf den Ver­dau­ungs­trakt und unter­stützt somit eine aus­ge­gli­chene Ver­dauung und Babys Wohl­be­finden. Wir konnten den internen Wett­bewerb für uns ent­scheiden – und auch darauf sind wir als Team sehr stolz.

JEM Gra­tu­lation und herz­lichen Dank für das Gespräch!

 

Bio-​Box

 

  • Geboren und auf­ge­wachsen in Schar­denberg (OÖ)
  • Medi­zin­studium in Wien
  • Freude an Fort­bildung, wie die Kürzel MBA und MAS hinter seinem Namen ver­raten
  • Nach einigen Jahren in der Phar­ma­in­dustrie Wechsel zu Milupa
  • Ver­hei­ratet, vier Kinder