Frühdiabetes entdecken – Diabetes verhindern

April 2015 | Easy Reading

Um dem dro­henden Anstieg bei Dia­betes Typ II ent­gegen zu wirken, hat das Öster­rei­chi­schen Aka­de­mi­schen Instituts für Ernäh­rungs­me­dizin (ÖAIE) unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm eine Initiative ins Leben gerufen. Es geht darum, die Fachwelt zu sen­si­bi­li­sieren, die Risiko­per­sonen zu dia­gnos­ti­zieren und recht­zeitig prä­ventive Maß­nahmen ein­zu­leiten. Bei Präd­ia­betes bestehen diese vor allem aus Lebens­stil­mo­di­fi­ka­tionen in Richtung gesunder Ernährung und aus­rei­chend Bewegung.

„Bei etwa 8% der öster­rei­chi­schen Bevöl­kerung besteht Dia­betes mel­litus, wobei man von einer Dun­kel­ziffer von etwa 30% aus­gehen muss“, umreißt Univ.-Prof. Dr. Thomas Stulnig, MBA, von der Kli­ni­schen Abteilung für Endo­kri­no­logie und Stoff­wechsel an der Klinik für Innere Medizin III der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­sität Wien das Problem. Die gesund­heit­lichen Folgen sind dra­ma­tisch. „Bei 20% der Diabetes-​Patienten bestehen bereits zum Zeit­punkt der Dia­gnose Spät­kom­pli­ka­tionen an Nieren, Augen und Nerven“, so Stulnig. Abge­sehen von der indi­vi­du­ellen Krank­heitslast gehen damit auch enorme Kosten für das Gesund­heits­wesen einher, die Auf­wen­dungen für Dia­be­tiker sind rund dreimal so hoch wie für Nicht-​Diabetiker.

 

Um diese Epi­demie ein­zu­dämmen, hat das Öster­rei­chische Aka­de­mische Institut für Ernäh­rungs­me­dizin (ÖAIE) die Initiative „Früh­dia­betes erkennen – Dia­betes ver­hindern“ ins Leben gerufen. Die ÖAIE-​Initiative wird das ganze Jahr 2015 laufen und hat das Ziel, die Fachwelt zu sen­si­bi­li­sieren und Risiko­per­sonen einer geeig­neten Dia­gnostik zuzu­führen und gege­be­nen­falls zu den not­wen­digen Lebens­sti­län­de­rungen zu bewegen.

„Wie bei Krebs­er­kran­kungen ist auch bei Dia­betes die Früh­erkennung der Schlüssel zum Erfolg“, betont Stulnig, der die Leitung der Kam­pagne über­nommen hat. Im Sinn der Früh­erkennung wird bei den Früh­stadien des Dia­betes ange­setzt – dem Präd­ia­betes bzw. Früh­dia­betes. Aktuelle Daten aus England zeigen den dra­ma­ti­schen Anstieg von Früh­dia­betes in den letzten Jahren auf bis zu 35% der Bevöl­kerung (siehe Abb. 1). Pati­enten mit Früh­dia­betes sind Hoch­ri­si­ko­pa­ti­enten für Dia­betes: Pro Jahr ent­wi­ckeln bis zu 10% der Per­sonen mit Früh­dia­betes einen defi­ni­tiven Dia­betes, wenn nicht recht­zeitig ein­ge­griffen wird. Lang­fristig sind es 70% und mehr. Weiters kann bereits Früh­dia­betes Nieren und Nerven schä­digen. Gleich­zeitig sind prä­ventive Maß­nahmen besonders wirksam, da der Früh­dia­betes rück­gängig gemacht werden kann.

 

 

Präd­ia­betes ist eine Zucker­stoff­wech­sel­störung, bei dem die Mess­werte der Blut­zu­cker­kon­trolle bereits über der Norm liegen, aber noch nicht die Kri­terien des Dia­betes erfüllen.

 

Diagnose: Nüchternblutzucker reicht nicht

 

„An sich ist Präd­ia­betes einfach zu erkennen“, betont Stulnig, „wenn man sich aber auf den Nüch­ter­blut­zu­ckertest beschränkt, über­sieht man viele Pati­enten. Daher sollte zur Dia­gnostik heute auch ein HbA1c- oder eine Zucker­be­las­tungstest durch­ge­führt werden.“ Die jewei­ligen Grenz­werte sind in Tabelle 1 ange­führt.

„Die meisten der Pati­enten, die die Kri­terien eines Früh­dia­betes erfüllen, sind asym­pto­ma­tisch, wes­wegen ein rou­ti­ne­mä­ßiges Screening sehr wichtig ist“, betont MR Dr. Gabriele Müller-​Rosam. „Daher sollten alle Pati­enten mit einem Bodymass Index über 25 kg/​m² alle drei Jahre gescreent werden, sowie alle anderen ab dem 45. Lebensjahr mit den ent­spre­chenden Risi­ko­fak­toren wie eine positive Fami­li­en­ana­mnese, kör­per­liche Inak­ti­vität, erhöhte Blut­druck­werte, Dysli­pi­dämie und Adi­po­sitas“, so die Fach­ärztin für Innere Medizin in Wien weiter. Die Risi­ko­kri­terien sind in Tabelle 2 zusam­men­ge­fasst. Gerade diese Men­schen suchen aber – wegen anderen Beschwerden – die Ordi­nation auf und können so erfasst werden. Müller-​Rosam: „So liegt es auch in den Händen des nie­der­ge­las­senen Arztes, nicht nur den Pati­enten vor der Mani­fes­tation des Dia­betes mel­litus mög­li­cher­weise zu bewahren, sondern auch einen Beitrag zur Senkung der Kosten im Gesund­heits­system zu leisten.“

 

 

 

Bei Präd­ia­betes sind prä­ventive Maß­nahmen besonders wirksam, da Präd­ia­betes noch rück­gängig gemacht werden kann.

 

Therapie: Eine Frage des Lebensstils

 

Im Blick­punkt steht eine wirksame Lebens­sti­län­derung mit einer ent­spre­chenden Ernährung und aus­rei­chend Bewegung. Stulnig: „Eine intensive Lebens­stil­mo­di­fi­kation kann bei Per­sonen mit Präd­ia­betes rund 60% der Diabetes-​Fälle ver­hindern. Auch andere Risi­ko­fak­toren für Herz-​Kreislauf-​Erkrankungen wie Bauch­umfang, Blut­fette und Blut­druck bessern sich.“

Der Nutzen von Lebens­stil­mo­di­fi­ka­tionen bei Präd­ia­betes ist in Studien ein­deutig nach­ge­wiesen worden. „Evi­den­ba­sierte Emp­feh­lungen zur Prä­vention des Auf­tretens von Dia­betes sind von größter Prio­rität“, unter­streicht Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm, „in dieser Hin­sicht hat vor allem die Fin­nische Dia­betes Pre­vention Study (DPS) zeigen können, dass bei Hoch-​Risiko-​Personen mit gestörter Glu­co­se­to­leranz – eben Präd­ia­betes – das Auf­treten des mani­festen Dia­betes ver­hindert werden kann, wenn vier bis fünf der fol­genden „Life-Style“-Ziele erreicht werden können“. (Tuo­milehto et al., Diab Care 2011; 34: S210-​S214; Lind­ström et al., Dia­be­to­logia 2013; 56: 284–293)

 

  • Gewichts­verlust um ca. 5%
  •  Fett­auf­nahme 30% der Gesamt­ener­gie­zufuhr
  • 10% Verzehr an gesät­tigten Fetten
  •  Erhöhung der Zufuhr an Bal­last­stoffen (> 15 g/​ 1000 kcal)
  •  Erhöhung der kör­per­lichen Akti­vität auf min­destens 4 Stunden pro Woche

Auch bei Jugend­lichen mit Über­ge­wicht kann in 10 bis 15% ein Präd­ia­betes nach­ge­wiesen werden. Es ist höchst­wahr­scheinlich, dass der Übergang vom Präd­ia­betes zu einem mani­festen Dia­betes bei Kindern und Jugend­lichen viel schneller vor sich geht, als bei Erwach­senen, nämlich in ein bis zwei Jahren. „Wer aller­dings von diesen Jugend­lichen mit Präd­ia­betes tat­sächlich einen Dia­betes ent­wi­ckeln wird, wissen wir heute noch nicht“, so Widhalm, „daran wird aber im Rahmen eines inter­na­tio­nalen EU-​Projektes in Salzburg geforscht.“ Dabei handelt es sich um das EU-​Projekt „Beta-​Judo“ an der Para­celsus Medi­zi­ni­schen Pri­vat­uni­ver­sität (PMU) in Salzburg. „Dort konnte von unserer For­schungs­gruppe im Jänner 2015 der 1. jugend­liche Patient mit einem mani­festen Dia­betes Typ II (Alters­dia­betes) dia­gnos­ti­ziert werden“ berichtet Widhalm.

Da die dem Präd­ia­betes zugrun­de­lie­gende Insu­lin­re­sistenz mit dem Ausmaß des Über­ge­wichtes kor­re­liert und in Wien zirka 2% der Kinder und Jugend­lichen als extrem über­ge­wichtig ein­ge­stuft werden müssen, ist die Dun­kel­ziffer von Kindern und Jugend­lichen, die ein hohes Risiko für die Ent­wicklung eines mani­festen Dia­betes Typ II auf­weisen, sehr hoch. Wirksame prä­ventive Maß­nahmen sind daher über­fällig. Ein derzeit in Wiener Schulen lau­fendes Prä­ven­ti­ons­projekt „EDDY“ hat sich zum Ziel gesetzt, wirksame Maß­nahmen gegen die Ent­wicklung von Über­ge­wicht und Bewe­gungs­mangel zu erfor­schen. Ein lang­fris­tiges Projekt ist in kon­kreter Planung und wird mit einem hoch­ran­gigen Kon­sortium durch­ge­führt werden.

 

 

 

Infor­ma­tionen für Ihre Pati­enten und Bestell­mög­lichkeit von Patienten-​Info-​Material: www.diabetes-verhindern.at  

 

 

ÖAIE; Red.

 

 

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