Lebensmittelskandale – mehr Fama als Faktum

August 2014 | Fachlich-Sachlich

Risi­ko­wahr­nehmung in der Bevöl­kerung: Lebens­mittel sind heute so sicher wie noch nie, trotzdem vergeht kaum ein Jahr ohne „Lebens­mit­tel­skandal“. Dabei deckt sich die Wahr­nehmung und Ein­schätzung von Risiken durch die Öffent­lichkeit häufig nicht mit der tat­säch­lichen Gefährdung. Aufgabe der Kom­mu­ni­kation von Risiken und Gefahren muss es künftig sein, die Risi­ko­wahr­nehmung in der Bevöl­kerung ver­stärkt zu berück­sich­tigen, um einer­seits Bewusstsein für wirk­liche Risiken zu schaffen und ande­rer­seits Ängste vor ver­meint­lichen Gefähr­dungen abzubauen.

Lebens­mittel sind heut­zutage so sicher wie nie zuvor: 2012 mussten von knapp 31.000 Proben, die im Zuge der amt­lichen Kon­trolle unter­sucht wurden, lediglich 0,4% als gesund­heits­schädlich (z. B. durch krank­heits­be­dingte Keime, toxische Inhalts­stoffe oder Kon­ta­mi­nanten sowie Sicher­heits­mängel bei Spielzeug) beur­teilt werden. Die häu­figsten Bean­stan­dungs­gründe im Jahr 2012 waren, mit 8,7%, formale Kenn­zeich­nungs­mängel und Angaben, die Kon­su­men­tInnen in die Irre führen können, z. B. falsch dekla­rierte Zutaten, irre­füh­rende Angaben zu Ursprung oder Her­kunft oder zu lange bemessene Min­dest­halt­barkeit. 3,4% der im Jahr 2012 unter­suchten Pro­dukte wurden als für den bestim­mungs­ge­mäßen Gebrauch bzw. für den mensch­lichen Verzehr unge­eignet bewertet. Dar­unter ver­steht man Pro­dukte, die infolge einer durch Fremd­stoffe oder auf andere Weise bewirkten Kon­ta­mi­nation, durch Fäulnis, Verderb oder Zer­setzung unge­eignet sind. Für diese hohe Lebens­mit­tel­si­cherheit sorgen hohe Qua­li­täts­stan­dards und ein dicht geknüpftes Netz von Kon­trollen, das bei den Erzeugern beginnt und bei EU-​weiten Über­wa­chungs­pro­grammen endet (Öster­rei­chi­scher Lebens­mit­tel­si­cher­heits­be­richt 2012).

Trotzdem gibt es kaum ein Jahr ohne veri­tablen „Lebens­mit­tel­skandal“, wie 2008 Dioxin in Schwei­ne­fleisch oder Gam­mel­fleisch, 2009 „Schum­melschinken“, „Ana­logkäse“, „mela­min­ver­seuchte Baby­milch“, 2010 „Lis­te­ri­en­quargel“, 2011 „EHEC“, 2013 der „Pfer­de­fleisch­skandal“ und die Dau­er­themen Pes­tizide und Kon­ta­mi­nanten in Lebens­mitteln. Blieben noch vor wenigen Jahr­zehnten Infor­ma­tionen über Lebens­mit­tel­pro­bleme im kleinen Kreis der Betrof­fenen, ver­breiten sich heut­zutage Infor­ma­tionen zu ris­kanten Lebens­mitteln schnell auf der ganzen Welt. Wobei Wahr­nehmung und Umgang mit einer Krise und/​oder einem Risiko unter­schiedlich und indi­vi­duell wie die Men­schen selbst sind.

Gemäß VO (EG) 178/​2002 handelt es sich bei einem Risiko um eine Funktion der Wahr­schein­lichkeit einer die Gesundheit beein­träch­ti­genden Wirkung und der Schwere dieser Wirkung als Folge der Rea­li­sierung einer Gefahr. Die wis­sen­schaft­liche Bewertung des Risikos unter Berück­sich­tigung der Gefah­ren­iden­ti­fi­zierung, Gefah­ren­be­schreibung, Expo­si­ti­ons­ab­schätzung und Risi­ko­be­schreibung ist Teil der Risi­ko­analyse, die auch noch das Risi­ko­ma­nagement und die Risi­ko­kom­mu­ni­kation beinhaltet.

Öffentliche Wahrnehmung: Undifferenziert

In der öffent­lichen Wahr­nehmung wird nicht unter­schieden, ob es sich um einen Lebens­mit­tel­skandal ohne gesund­heit­liches Risiko, ein tat­säch­liches oder nur ver­meint­liches Risiko handelt. Ein ver­meint­liches Risiko wird genauso bedrohlich emp­funden wie ein reales. In der Risi­ko­wahr­nehmung spielen interne Fak­toren wie Werte, Ein­stel­lungen, Erfah­rungen und Erin­ne­rungen genauso eine Rolle wie die externen Fak­toren Risi­ko­cha­rak­te­ristika und Medi­en­be­richt­erstattung (Freese 2010). Berichte über unsi­chere oder unge­sunde Lebens­mittel werden zwar wahr­ge­nommen und erregen mehr oder weniger Besorgnis, führen aber letzt­endlich zu keiner Umstellung der Ernäh­rungs­ge­wohn­heiten, um das Problem zu meiden. In Öster­reich haben laut einer Umfrage der Euro­päi­schen Kom­mission zu Lebens­mit­tel­ri­siken lediglich 11% ihre Ernäh­rungs­ge­wohn­heiten nach einer Infor­mation über ein unsi­cheres Lebens­mittel dau­erhaft umge­stellt und 47% haben das erwähnte Lebens­mittel zumindest eine Zeit lang gemieden, während fast ein Viertel der Befragten zwar besorgt war, aber nichts dagegen unter­nommen hat. 8% haben die Infor­mation einfach igno­riert und auch keine Ver­hal­tens­än­derung initiiert (Euro­ba­ro­meter 2010). Zu ähn­lichen Ergeb­nissen kam das Bun­des­in­stitut für Risi­ko­be­wertung (BfR) bei der Eva­lu­ierung der Ver­hal­tens­än­derung auf­grund von EHEC während und nach dem Aus­bruch im Jahr 2011: 51% der Befragten in Deutschland haben während des EHEC-​Ausbruchs ihr Ver­halten geändert, aber nur 33% haben das auch nach dem Ende des Aus­bruches bei­be­halten. Bei den Ver­hal­tens­än­de­rungen kam es vor­wiegend zum Ver­zicht auf bestimmte Lebens­mittel, zum Ver­zicht auf den Verzehr von rohem Obst, Gemüse oder Sprossen ins­gesamt und in Restau­rants, Imbissen, Kan­tinen und Mensen oder auch, dass häu­figer die Hände gewa­schen wurden, aber auch das Ein­kaufs­ver­halten geändert wurde (Hensel 2011).

Die Risi­ko­be­wertung eines Indi­vi­duums hängt von der sub­jek­tiven Wahr­nehmung ab und das sub­jektiv ein­ge­schätzte Risiko ist unab­hängig von der mess­baren Ein­tritts­wahr­schein­lichkeit.  Eine Risiko-​Nutzen-​Analyse, die Betrof­fenheit, die Ver­trautheit eines Risikos, aber auch die Kon­trol­lier­barkeit, sind neben der Art und des Aus­maßes des Schadens und dem Zeit­punkt des Scha­dens­ein­trittes wesent­liche Fak­toren des sub­jek­tiven Risikos. Prin­zi­piell werden Risiken höher akzep­tiert, wenn sie frei­willig ein­ge­gangen werden, ein direkter per­sön­licher Nutzen (Bequem­lichkeit, Status) damit in Ver­bindung steht, aber auch wenn sie eine Her­aus­for­derung oder einen Ner­ven­kitzel (Sport) dar­stellen und ihre mög­lichen Aus­wir­kungen zeitlich ver­zögert auf­treten. Bei Fremd­be­stimmung oder auch bei schwer ver­ständ­lichen oder unna­tür­lichen Risiken (Gen­technik, ioni­sie­rende Strahlung) ver­mindert sich die Akzeptanz (Porzolt et al. 2012). Risiken werden aber auch von Laien und Exper­tInnen unter­schiedlich beur­teilt. Es sind nicht immer die Themen, die aus wis­sen­schaft­licher Sicht auch tat­sächlich ein Risiko dar­stellen, die die Bevöl­kerung beun­ru­higen bezie­hungs­weise besorgen. Je nach Risi­ko­si­tuation und ‑kontext bestehen unter­schiedlich aus­ge­prägte Dis­kre­panzen zwi­schen einer­seits der gesell­schaft­lichen bzw. der indi­vi­du­ellen Risi­ko­wahr­nehmung durch Exper­tInnen, wobei auch beträcht­liche Unter­schiede in ver­schie­denen kul­tu­rellen Gruppen auf­treten (Zwick und Renn 2002).

Lebensmittel: Unbehagen steigt

Im Ver­gleich zu anderen Risiken (wie Umwelt­ver­schmutzung, Gefahr eine erst­hafte Krankheit zu bekommen) wird die Wahr­schein­lichkeit, von gesund­heit­lichen Beein­träch­ti­gungen durch Lebens­mittel betroffen zu sein, in Öster­reich als weniger wahr­scheinlich ein­ge­schätzt. Wobei jedoch die Sorge über mög­liche Gesund­heits­be­ein­träch­ti­gungen durch Lebens­mittel steigt (Euro­ba­ro­meter 2010).

An der Spitze der Besorg­nis­skala liegen in Öster­reich im Bereich der Lebens­mit­tel­ri­siken Pes­ti­zid­rück­stände in Obst, Gemüse und Getrei­de­pro­dukten, obwohl 2012 ins­gesamt lediglich bei 1,6% der in Öster­reich unter­suchten Proben Über­schrei­tungen der Grenz­werte für Pes­ti­zid­rück­stände fest­stellbar waren. Eine einzige der 2.302 Proben wurde wegen der Über­schreitung des Rück­stand­höchst­ge­haltes von Etephon, eines Pflan­zen­wachs­tums­re­gu­lators, als gesund­heits­schädlich bewertet (AGES 2012). Hin­gegen ist die Besorgnis bezüglich Gesundheits- und Ernäh­rungs­aspekten wie bei­spiels­weise eine Gewichts­zu­nahme oder an Mangel an gesunder bzw. aus­ge­wo­gener Ernährung geringer. Ein hohes Ausmaß an Beun­ru­higung findet man aber auch hin­sichtlich Rück­ständen in Fleisch­waren (wie Anti­biotika oder Hormone). Auch hier deckt sich die Ein­schätzung der Bevöl­kerung nicht mit den tat­säch­lichen Gege­ben­heiten: Im Jahr 2012 wurden in 17 aus ins­gesamt 9.763 unter­suchten Plan­proben Rück­stände und Kon­ta­mi­nanten gefunden, die zu einer Über­schreitung von Grenz­werten geführt haben bzw. bei denen nicht zuge­lassene oder ver­botene Stoffe nach­ge­wiesen werden konnten. Dies ent­spricht einem Anteil von nur 0,2% (AGES 2012). Auf der Besorg­nis­skala folgen der Angst vor Pes­ti­zid­rück­ständen, gen­tech­nisch ver­än­derten Orga­nismen in Lebens­mitteln oder Getränken, Rück­stände im Fleisch (Anti­biotika, Hormone), die Ver­wendung von Zusatz­stoffen oder auch das Klonen von Tieren zur Her­stellung von Lebens­mitteln oder Schad­stoffe wie Queck­silber in Fisch oder Dioxine in Schweinefleisch.

Ein mitt­leres Ausmaß der Beun­ru­higung wird bei Lebens­mit­tel­ver­gif­tungen durch Bak­terien wie Sal­mo­nellen in Eiern oder Lis­terien im Käse, bei der Qua­lität und Frische von Lebens­mitteln gesehen, oder auch bei Inhalts­stoffen, die in Plastik oder anderen Mate­rialien erhalten sind.

Am wenigsten beun­ru­higend sind ernäh­rungs­be­dingte Erkran­kungen, eine Gewichts­zu­nahme, neue Viren, aber auch Mangel an gesunder und aus­ge­wo­gener Ernährung und all­er­gische Reak­tionen auf Lebens­mittel und Getränke genauso wie Nano­par­tikel in Lebens­mitteln (Euro­ba­ro­meter 2010).

Neue Technologien: beängstigend

Aber auch neue Tech­no­logien und Ent­wick­lungen auf dem Lebens­mit­tel­sektor – Schlagwort „Schum­melschinken“, „Ana­logkäse“, „Kle­be­fleisch“ oder „Sauer­stoff­f­leisch“ – wecken diffuse Ängste vor unbe­kannten Gefahren. Diese Gefahren exis­tieren zwar nicht – Schum­melschinken und Ana­logkäse sind nicht gesund­heits­schädlich –, aller­dings erfüllen der­artige Erzeug­nisse häufig auch nicht die Erwar­tungen der Ver­brau­che­rInnen oder man fühlt sich getäuscht, wie jüngst beim Pferdefleischskandal.

Gerade für die Ein­schätzung von neu­ar­tigen Risiken fehlt oft das Wissen. Hier werden vor allem Aus­sagen und Ansichten von Exper­tInnen sowie anderen invol­vierten Akteu­rInnen als Basis für die Ein­schätzung von Risiko und Nutzen ver­wendet. Hier kommt dem Ver­trauen in solche Per­sonen, aber auch Insti­tu­tionen, einen wichtige Funktion zu, wobei laut Sie­grist (2001) das Ver­trauen in invol­vierte Behörden und Wirt­schaft negativ mit den wahr­ge­nom­menen Risiken kor­re­liert. In Öster­reich wird dem Internet, Super­märkten und Geschäften, aber auch Lebens­mit­tel­her­stellern am wenigsten ver­traut. Am zuver­sicht­lichsten hin­gegen sind die Öster­rei­che­rInnen, dass ihr Arzt/​Doktor oder andere Fach­leute aus dem Gesund­heits­wesen sie korrekt über Lebens­mit­tel­ri­siken infor­mieren würden, gefolgt von Familie und Freunden, Ver­brau­cher­or­ga­ni­sa­tionen, Umwelt­schutz­gruppen, Land­wirten und natio­nalen und inter­na­tio­nalen Behörden für Lebens­mit­tel­si­cherheit. Das Ver­trauen gegenüber Wis­sen­schaftler ist  auch hoch, liegt in Öster­reich aber unter dem der Land­wirte oder den Umweltschutzgruppen.

Die Infor­ma­ti­ons­quellen Medien (Fern­sehen, Zei­tungen und Radio) werden für eine ver­trau­ens­würdige Quelle gehalten. Über zwei Drittel der Öster­rei­che­rInnen sind sehr zuver­sichtlich, dass sie korrekt über die Gefahr infor­mieren und ver­trauen den Aus­sagen. Jeder/​e zweite schätzt aber auch noch das Internet als ver­trau­ens­würdige Infor­ma­ti­ons­quelle in Bezug auf Lebens­mit­tel­si­cherheit ein (Euro­ba­ro­meter 2010).

Fazit

 

Aufgabe der Kom­mu­ni­kation von Risiken und Gefahren muss es künftig sein, ver­stärkt die Risi­ko­wahr­nehmung in der Bevöl­kerung zu berück­sich­tigen, um einer­seits bei wirk­lichen Risiken das Bewusstsein dafür zu schaffen und ent­spre­chende Ver­brau­che­rIn­nen­tipps anzu­bieten, und ande­rer­seits bei ver­meint­lichen Risiken mit­zu­helfen, Ängste abzu­bauen und qua­li­täts­ge­si­cherte Infor­ma­tionen ziel­grup­pen­spe­zi­fisch anzubieten.

Kor­re­spondenz:

Univ.-Doz. Dr. Ingrid Kiefer
AGES – Öster­rei­chische Agentur für
Gesundheit und Ernäh­rungs­si­cherheit GmbH
Spar­gel­feld­straße 191
A‑1220 Wien
Telefon +43 (0) 50 555 – 25000
E‑Mail ingrid.kiefer@ages.at

Lite­ratur:

Porzolt F., Poli­anski I., Clouth J., Burkart W., Eisemann M. Ent­schei­dungen zwi­schen gefühlter Sicherheit und bestehendem Risiko. In: Daase C. et al. (Hrsg.). Sicher­heits­kultur. Soziale und poli­tische Prak­tiken der Gefah­ren­abwehr. Campus Verlag, Frankfurt am Main, 2012: 325

Zwick M., Renn O. Wahr­nehmung und Bewertung von Risiken. Ergeb­nisse des „Risi­ko­survey Baden-​Württemberg 2001. Gemein­samer Arbeits­be­richt der Aka­demie für Tech­nik­fol­gen­ab­schätzung und der Uni­ver­sität Stuttgart, Lehr­stuhl für Technik- und Umwelt­so­zio­logie. Nr. 202 /​ Mai 2002

Euro­päische Kom­mission. Euro­ba­ro­meter spezial 354. Lebens­mit­tel­ri­siken. Durch­ge­führt von TNS Opinion & Social im Aufrag der Euro­päi­schen Behörde für Lebens­mit­tel­si­cherheit (EFSA). Brüssel 2010

Sie­grist M., Die Bedeutung von Ver­trauen bei der Wahr­nehmung und Bewertung von

Risiken. Arbeits­be­richt. Aka­demie für Tech­nik­fol­gen­ab­schätzung in Baden-​Württemberg, Stuttgart 2001

Hensel A. Sicherheit und Risiko in der staat­lichen Risi­ko­vor­sorge – Lehren aus der EHEC-​Krise. Vortrag Fach­tagung Risi­ko­kom­mu­ni­kation bei der AGES, 2011

Ver­ordnung (EG) Nr. 178/​2002 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates zur Fest­legung der all­ge­meinen Grund­sätze und Anfor­de­rungen des Lebens­mit­tel­rechts, zur Errichtung der Euro­päi­schen Behörde für Lebens­mit­tel­si­cherheit und zur Fest­legung von Ver­fahren zur Lebensmittelsicherheit. 

Bun­des­mi­nis­terium für Gesundheit: Öster­rei­chi­scher Lebens­mit­tel­si­cher­heits­be­richt 2012. Zahlen, Daten, Fakten. Bericht nach § 32 Abs. 1 LMSVG, Juni 2013

AGES: Bewertung der Ergeb­nisse des öster­rei­chi­schen Rück­stands­kon­troll­planes 2012. http://www.ages.at/ages/ernaehrungssicherheit/rueckstaende-kontaminanten/arzneimittel-und-hormonrueckstaende/bewertung-rueckstandskontrollplan/