Digitale Medien in der Ernährungskommunikation

August 2014 | Fachlich-Sachlich

In Kom­bi­nation mit pro­fes­sio­neller Beratung können aus­ge­wählte digitale Medien die Ernäh­rungs­kom­mu­ni­kation unterstützen.

Das 21. Jahr­hun­derts ist geprägt vom Mega­trend Con­nec­tivity – der digi­talen Ver­netzung. Social Media, Apps und Inter­net­platt­formen sind Ent­wick­lungen, welche die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­weise unserer Gesell­schaft enorm ver­ändern (Rützler 2013, S. 38f). Obwohl das Ernäh­rungs­be­wusstsein und die Sen­si­bi­lität für Ernäh­rungs­fragen in der Bevöl­kerung erheblich zuge­nommen haben, zeigt sich anhand der Zunahme ernäh­rungs­ab­hän­giger Erkran­kungen, dass sich das Ernäh­rungs­ver­halten nicht nach­haltig ver­ändert hat (Pudel und Wes­ten­höfer 2003, S 15). Als Grund hierfür wird eine Kluft zwi­schen Wissen und Handeln ange­geben. Ernäh­rungs­handeln gehört zu den All­tags­rou­tinen und ist nur zu einem Teil bewusst bzw. rational ori­en­tiert (Barlösius/​Schiek 2006, S 10). Die übliche Her­an­ge­hens­weise der rational-​faktischen Wis­sens­ver­mittlung seitens der ernäh­rungs­wis­sen­schaft­lichen Dis­zi­plinen scheint daher begrenzt erfolg­reich zu sein. Neue Lösungs­an­sätze in der Ernäh­rungs­kom­mu­ni­kation ver­folgen das Ziel, Ernäh­rungs­in­for­ma­tionen so zu ver­mitteln, dass nach­haltige Ver­hal­tens­än­de­rungen bewirkt werden. Auf­grund der genannten gesell­schaft­lichen Ent­wick­lungen sind Ernäh­rungs­ex­per­tInnen zunehmend gefordert, sich mit der The­matik auseinanderzusetzen.

Forschungsdesign und Methode

Zur Beant­wortung der Frage „Wie können digitale Medien die Ernäh­rungs­kom­mu­ni­kation unter­stützen?“ wurde eine struk­tu­rierte Recherche deutsch- und eng­lisch­spra­chiger Lite­ratur zwi­schen April und Juli 2013 durch­ge­führt. Ana­ly­siert wurde Fach­li­te­ratur aus den Bereichen Ernäh­rungs­kom­mu­ni­kation, Ernäh­rungs­psy­cho­logie und ‑sozio­logie. Als Lite­ra­tur­quellen wurden die Datenbank PubMed, die Online­bi­blio­theks­ver­zeich­nisse der Uni­ver­si­täts­bi­blio­theken Inns­bruck und Salzburg sowie des Aus­bil­dungs­zen­trums West für Gesund­heits­berufe (AZW) her­an­ge­zogen. Zusätzlich wurde eine Inter­net­re­cherche in den Such­ma­schinen GOOGLE und GOOGLE SCHOLAR durch­ge­führt. Um Aktua­lität zu gewähr­leisten, wurden nur Publi­ka­tionen aus den ver­gan­genen fünf Jahren in die Ergeb­nisse ein­ge­schlossen. Bei Sta­tis­tiken wurden Ergeb­nisse aus dem deutsch­spra­chigen Raum vor­rangig berücksichtigt.

Ergebnisse

Eine zen­trale Eigen­schaft der digi­talen Kom­mu­ni­kation ist die viel­fältige Ver­netzung und somit eine unbe­grenzte räum­liche, zeit­liche und kapa­zi­tative Ver­füg­barkeit. Digitale Kom­mu­ni­kation begleitet die Men­schen über den gesamten Tag und bietet daher viele Anknüp­fungs­punkte, um Emp­fän­ge­rInnen zunächst einmal zu erreichen (Herbst 2013, S. 23). Öster­rei­che­rInnen ver­wenden diese Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mittel generell und auch spe­zi­fisch für gesund­heits­be­zogene Themen häufig. In Zahlen gesprochen nutzen 5,29 Mil­lionen Per­sonen das Internet regel­mäßig (Barth und Cerny 2012, S. 3) und 56,2% besitzen und nutzen tragbare Geräte für den Inter­net­zugang (STATISTIK AUSTRIA 2013). Eine Schweizer Befragung ergab, dass 85% der Bevöl­kerung bereits einmal das Internet benutzt hat, um an Gesund­heits­in­for­mation zu gelangen (Abbildung 1). Neben Such­ma­schinen werden Gesund­heit­s­portale häufig als Quelle genutzt, um sich über gesund­heits­be­zogene Themen zu infor­mieren (Abbildung 2). Als Haupt­ziel­gruppe können auf­grund höherer Bereit­schaft, Inno­va­tionen aus­zu­testen, die 15- bis 34-​Jährigen genannt werden (Jäckel 2013, S. 55). Eine weitere stark zuneh­mende Ziel­gruppe sind die soge­nannten „Silver Surfer“, also Onlinen­ut­ze­rInnen ab 60 Jahren. In abso­luten Zahlen gesehen gibt es bereits mehr Nut­ze­rInnen über 60 als junge Men­schen zwi­schen 14 und 19 Jahren (Herbst 2013, S. 17).

Wirft man einen Blick auf die Daten­qua­lität von Coaching-​Plattformen, so ist laut einer Diplom­arbeit der Uni­ver­sität Wien ersichtlich, dass die auf öster­rei­chi­schen Web­seiten ange­bo­tenen Ernäh­rungs­in­for­ma­tionen ins­gesamt gut mit den aktu­ellen Ernäh­rungs­richt­linien der Fach­ge­sell­schaften über­ein­stimmen (May­r­huber 2011, S. 57). Die Datenlage bezüglich der Qua­lität von Ernäh­rungs­in­for­ma­tionen in digi­talen Medien ist jedoch derzeit gering. Die her­kömm­liche Sender-​Empfänger-​Struktur, welche bis dato vor­rangig Ver­wendung in der Ernäh­rungs­kom­mu­ni­kation findet, wird von Emp­fän­ge­rIn­nen­seite zunehmend abge­lehnt. Dies kommt daher, dass durch den Einsatz digi­taler Medien Kon­su­men­tInnen zunehmend zu soge­nannten Pro­sumen­tInnen werden (Rützler 2013, S. 41). Damit ist die Ein­nahme zweier Hal­tungen gemeint, die des Konsums von Infor­mation genauso wie die des Pro­du­zierens von Infor­mation. Digitale Medien ermög­lichen es den Nut­ze­rInnen selbst Infor­ma­tionen zu kre­ieren, online zur Ver­fügung zu stellen, zu ändern und bei Ent­wick­lungen diverser Pro­jekte mit­zu­wirken. In einer modernen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­weise ist daher aktives Mit­ein­be­ziehen und Mit­be­tei­ligung der Emp­fän­ge­rInnen gefragt – dies ist durch Einsatz von Apps und Coa­ching Platt­formen möglich.

Weiters kann fest­ge­stellt werden, dass sich das Ein­holen von Infor­mation über Medien ver­ändert hat. Bisher nahmen die Men­schen in Bezug auf Medi­en­konsum eine soge­nannte „lean forward“-Haltung ein. Sie mussten aktiv suchen, um an Infor­mation zu gelangen. Die Ein­führung sozialer Medien führt dazu, dass ver­mehrt die „lean back“-Haltung ein­ge­nommen wird, im Sinne von: „Wenn die Nach­richt wichtig ist, wird sie mich finden.“ Will man in Zukunft pro­fes­sionell kom­mu­ni­zieren, muss man Kon­su­men­tInnen dort abholen, wo sie sich befinden (Horn 2013, S. 26ff).

Die Ernäh­rungs­wis­sen­schaf­terin Dr. Andrea Jahnen beschäf­tigte sich mit der Frage, wie Ernäh­rungs­be­ratung effi­zient funk­tio­nieren kann. Eine ihrer Schluss­fol­ge­rungen ist, dass die „Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­thode dem Zeit­geist ent­sprechen muss“ (Jahnen 2013, S. 46). Erik Qualman, Autor des Buches „Social­nomics“ behauptet daher berechtigt: „Wir haben heute über­haupt nicht mehr die Wahl, ob wir bei Social Media mit­machen oder nicht. Die Frage lautet nur noch, wie gut wir mit­machen“ (Qualman 2010, zit. nach Büning-​Fesel 2013, S. 12).

Diskussion und Schlussfolgerung

Neben den zahl­reichen Chancen, die digitale Medien bieten, müssen auch etwaige Risiken beleuchtet werden. Eine der Risiken stellt die „Vielzahl der Quellen und die Bewertung der Qua­lität dieser Quellen“ dar (Herbst 2013, S. 23). Diese Flut von unter­schied­lichen Ernäh­rungs­bot­schaften wird von den Nut­ze­rInnen zudem als ver­wirrend ein­ge­stuft (Masch­kowski und Büning-​Fesel 2010, S. 678). Wenn auch ernäh­rungs­be­zogene Infor­ma­tionen auf öster­rei­chi­schen Web­seiten Groß­teils mit den Exper­ten­richt­linien über­ein­stimmen, so ist zu bedenken, dass digitale Medien Zugang zu Inter­net­seiten weltweit bieten. Ein Risiko zu qua­li­tativ min­der­wer­tigen Seiten zu gelangen, besteht daher wei­terhin. Zudem lassen digitale Medien bei Nut­ze­rInnen mög­li­cher­weise den Glauben ent­stehen, keine Exper­tInnen mehr in Anspruch nehmen zu müssen. Indi­vi­duelle Beratung ist in jedem Fall ergänzend sinnvoll und besonders in der Ernäh­rungs­the­rapie uner­lässlich (Erbers­dobler et al. 2010, S. 673).

Zusammenfassung

Ernährungscoaching-​Plattformen und Apps ent­sprechen den Bedürf­nissen der Emp­fän­ge­rInnen von Ernäh­rungs­in­for­ma­tionen und erfüllen die Wege zu einer wirk­sa­meren Ernäh­rungs­kom­mu­ni­kation in vie­lerlei Hin­sicht. Der Einsatz digi­taler Medien kann in Ergänzung zu pro­fes­sio­neller Ernäh­rungs­be­ratung als Chance gesehen werden, Ernäh­rungs­kom­mu­ni­kation wir­kungs­voller zu gestalten.

Chris­tiane Möschl, Bernhard Perktold, MSc

fhg – Zentrum für Gesund­heits­berufe Tirol GmbH

FH-​Bachelor Stu­di­engang Dia­eto­logie; Innrain 98, 6020 Innsbruck

Kor­re­spondenz:

Bernhard Perktold, MSc

bernhard.perktold@fhg-tirol.ac.at

Lite­ratur:

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