Fallbericht: Reizdarmsyndrom

Dezember 2014

Die Ernährung nach den Prin­zipien der Tra­di­tio­nellen Chi­ne­si­schen Medizin (TCM) stellt keine Alter­native, sondern eine Erwei­terung zu unserer Betrachtung der Ernährung und evi­denz­ba­sierten Medizin dar. In der Folge wird ein Fall­be­richt aus der ärzt­lichen Praxis von Dr. Alex­andra Knauer unter Berück­sich­tigung der TCM-​Ernährungslehre dargestellt. 

Anamnese 

Frau O., 31 Jahre alt, leidet seit ihrer Pubertät an Ver­dau­ungs­pro­blemen. Bauch­schmerzen und Durch­fälle gehörten zum Alltag, wenn­gleich auf die Ernährung nie son­derlich geachtet wurde.  Zu Schul- und Stu­di­en­zeiten ernährte sich die junge Frau groß­teils von Brot­mahl­zeiten, Pizza und Fer­tig­pro­dukten. Heiß­hun­ger­at­tacken auf Süßes konnten durch ganze Tafeln Scho­kolade gestillt werden. Die Flüs­sig­keits­zufuhr bestand aus Frucht­säften und Kaffee. 

In der psy­cho­so­zialen Ana­mnese zeigt sich eine Kon­flikt­si­tuation in der Kindheit. Die Eltern haben sich nach mehr­fachen Ver­suchen end­gültig getrennt, als sie 15 Jahre alt war. Sie hat sich ein Leben lang gewünscht, nicht zu dieser Familie gehören zu müssen. Nach lang­jäh­riger Psy­cho­the­rapie hat sich die junge Frau mit ihrer Mutter „ver­söhnt“, zum Vater besteht seit Jahren kein Kontakt mehr. Sie lebt in einer Part­ner­schaft und ist Mutter eines Kindes. 

Bereits vorhandene Befunde 

  • Laktoseintoleranz-​Test: nach Zufuhr von 25 g Laktose Anstieg der Was­ser­stoff­gas­kon­zen­tration in der Atemluft auf 45 ppm, starke Bauch­schmerzen und Durchfall. Der Befund spricht für eine Laktoseintoleranz.
  • Fruktoseintoleranz-​Test: nach Zufuhr von 25 g Fructose kein signi­fi­kanter Anstieg der Was­ser­stoff­gas­kon­zen­tration, leichte Blähungen.
  • Screening auf Nah­rungs­mit­tel­all­ergene: positiv Klasse 1 auf Hüh­ner­eigelb, Kuh­milch, Karotte, Klasse 2 auf Wei­zenmehl, Haselnuss.
  • Gesamt IgE: mit 118 U/​ml leicht erhöht.
  • DAO im Serum: 12 U/​ml, kein sicherer Hinweis auf eine Histamin-Unverträglichkeit.

Im Rahmen einer inter­nis­ti­schen Begut­achtung war eine Sono­grafie der Ober­bau­ch­organe und Nieren erfolgt,  Gastro- und Kolo­skopie waren nicht durch­ge­führt worden. Eine kom­plette Abklärung war nicht erfolgt, der Befund des Inter­nisten ent­hielt jedoch die Dia­gnose „Reiz­darm­syndrom“.

Die Emp­fehlung des All­er­gie­zen­trums  auf­grund dieses Befundes vor 9 Monaten: Umstellung auf lak­to­se­freie Pro­dukte. Die Reak­tionen im Pricktest wurden als nicht sehr aus­sa­ge­kräftig bezeichnet. Da die Pati­entin bezüglich der ver­mu­teten, jedoch nicht nach­ge­wie­senen Fruk­to­se­into­leranz ver­un­si­chert war, mied sie den Konsum von Obst und Gemüse, zumal ihr das nicht schwer fiel. Das Früh­stück bestand wei­terhin wegen Mangels an Alter­na­tiven aus Gebäck oder Kuchen, mittags ver­speiste sie meist ein Vollkorn-​Nudelgericht, nach­mittags ein lak­to­se­freies Joghurt und abends eine kalte Jause. In diesen Monaten stellten sich die Durch­fälle kom­plett ein. Statt­dessen quälte sie nun plötzlich eine Ver­stop­fungs­neigung, starke Blä­hungen und wei­terhin Bauch­krämpfe, meist unab­hängig von den Mahl­zeiten. Zudem ist die junge Frau seit Jahren ener­gielos und müde trotz aus­rei­chendem Schlaf. 

Eigene Abklärung & Lösung

  • Die ergän­zende Abklärung der Gluten Sen­si­ti­vität (Ltt Gluten, Anti Gliadin AK, Trans­glut­aminase AK, Endo­mysiale AK) ergab einen nega­tiven Befund.
  • Über den Stuhl wurden ein Flo­ras­tatus, myko­lo­gi­scher Status, Zonulin, Histamin und die Spal­tungs­ak­ti­vität von Fruktose und Sorbit bestimmt. Es zeigte sich eine Min­der­be­sie­delung durch Lac­to­ba­cillen (104 KBE/​g Stuhl) sowie erhöhtes Histamin von 632 ng/​ml im Stuhl.

Zur Aus­ar­beitung von Ernäh­rungs­emp­feh­lungen für die Pati­entin wurden die für eine der­artige Pro­ble­matik gel­tenden ernäh­rungs­the­ra­peu­tische Prin­zipien unter Berück­sich­tigung von Aspekten der TCM her­an­ge­zogen: Wei­zen­freie Grund­er­nährung; täglich Gemüse in gekochter Form und wenig bis keine Rohkost; hist­aminarme Kost; starke Ein­schränkung der abend­lichen, kalten Brot­mahl­zeiten; nur geringe Mengen lak­to­se­freier Schaf- und Zie­gen­milch­pro­dukte; Ersetzen der Frucht­säfte durch Wasser und unge­süßte Tees; Nah­rungs­mittel wie Fisch, die zur Lösung von Darm­blo­ckaden bei­tragen; mild-​scharfe Gewürze zur Unter­stützung der Ver­dau­ungs­leistung; gekochtes Obst mit Gewürzen zur Befeuchtung und Ent­spannung des Darms. 

 

 

Ernährungsempfehlungen für die Patientin

  • Morgens ein warmes unge­süßtes Getrei­de­früh­stück mit Kompott oder Apfelmus. 
  • Regel­mäßige aro­ma­tische Küche mit vielen fri­schen grünen Kräutern.
  • Gemü­se­suppen oder klare Fleischbrühe.
  • Gemü­se­ge­richte jeg­licher Art mit Sai­son­gemüse in allen Farben.
  • Fleisch­ge­richte kei­nes­falls frit­tiert oder stark ange­braten; Fisch.
  • Mild-​scharfe Gewürze wie frisch gerie­benen Ingwer, Curcuma und Kardamom.
  • Kompott (Birnen) mit ein wenig Zimt und Kardamom. 
  • Tee aus Oran­gen­blüten, Rin­gel­blüten, Melisse, Rosen­blüten und Pfef­fer­minze, einzeln oder gemischt.
  • Wenn Brot, dann fein ver­mah­lenes Din­kelbrot, Rog­genbrot oder glu­ten­freies Brot ver­wenden; kleine Mengen Brot­trunk täglich.

 

 

Bereits nach den wenigen Tagen der Kos­tum­stellung stellte die Pati­entin fest, dass sich die ver­än­derte Ernäh­rungs­weise positiv auf ihren All­ge­mein­zu­stand und die Beschwerden aus­wirkte. Nach 3‑monatiger Umstellung der Ess­ge­wohn­heiten mit Reduktion hist­amin­häl­tiger Nah­rungs­mittel und ergän­zender Gabe von Pro­biotika konnte die Lebens­qua­lität der Pati­entin ent­scheidend ver­bessert werden. 

Diskussion und Ausblick 

Für einen lang­fris­tigen Erfolg ist ent­scheidend, dass die Pati­entin der Nah­rungs­auf­nahme mehr Auf­merk­samkeit schenkt und selbst lernt eine Sen­si­bi­lität zu ent­wi­ckeln, welche Nah­rungs­mittel ihr gut tun und welche rasch wieder Beschwerden her­vor­rufen. Unter­stüt­zende psy­cho­the­ra­peu­tische Maß­nahmen zeigen bei chro­ni­schen Magen-​Darmerkrankungen häufig positive Wirkung und wurden der Pati­entin eben­falls nahe­gelegt. Bei wie­der­keh­renden Epi­soden von Ver­dau­ungs­stö­rungen ist eine Gastro- und Kolo­skopie zum Aus­schluss einer ent­zünd­lichen Darm­er­krankung unumgänglich. 

 

Dr. Alex­andra Knauer, Wien; in Zusam­men­arbeit mit Mag. Judith Kraus-​Bochno und Dr. Kerstin Fink 

 

Wiener Schule für Tra­di­tio­nelle Chi­ne­sische Medizin: www.wstcm.at

Spe­zi­altipp: Der nächste Kurs für TCM-​Ernährung startet im November 

 

 

 

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