Das rätselhafte Verhalten des Homo sapiens bei der Nahrungsbeschaffung

Juli 2014 | Easy Reading

Zwei Sym­posien haben sich im Frühjahr in Wien mit dem höchst wider­sprüch­lichen Ver­halten in Zusam­menhang mit Ernährung beschäftigt. Das forum.ernährung heute (fe.h) wählte am 5. Juni das Motto „Markt. Wert. Wahr­nehmung. Was ist Essen wert?“, das Öster­rei­chische Aka­de­mische Institut für Ernäh­rungs­me­dizin (ÖAIE) am 14. Juni den Titel „Was essen wir wirklich?“. In der Folge sind einige Aspekte her­aus­ge­griffen, ein­zelne Themen werden in den nächsten Aus­gaben des Journals für Ernäh­rungs­me­dizin detail­lierter behandelt.

Es ist wohl keine Zufall, dass beide Ver­an­stal­tungen ein Fra­ge­zeichen im Titel hatten. Eine gewisse Rat­lo­sigkeit und Ver­un­si­cherung macht sich breit, und das nicht nur beim Gros der Kon­su­menten, sondern auch unter aus­ge­wie­senen Ernäh­rungs­ex­perten, die seit Jahr­zehnten ver­suchen, den Anstieg von ernährungs(mit)bedingten Erkran­kungen zu stoppen. Nicht nur das zeigt, wie emp­findlich das Ver­hältnis zum Essen gestört ist, sondern auch eine Reihe wei­terer Phä­nomene wie die unglaub­lichen Mengen von Lebens­mitteln am Müll oder die Dis­krepanz zwi­schen Erwar­tungen der Ver­braucher und (mone­tärer) Wert­schätzung. Martin Hai­derer, Gründer der Wiener Tafel, beim fe.h‑Symposium zum Wer­te­wandel von Nah­rungs­mittel in den Indus­trie­staaten: „Wurden Lebens­mittel lange als kost­bares Geschenk der Natur erlebt, die das Über­leben sichern, ent­wi­ckelte sich Nahrung durch die soge­nannten grüne Revo­lution und die Indus­tria­li­sierung der Land­wirt­schaft zu einem Konsum- und Indus­trie­produkt ohne ideellen Wert.“ Es kann zwar als erfreulich betrachtet werden, dass der Anteil der Aus­gaben für Lebens­mittel am Haus­halts­ein­kommen von rund 50% in den 1950er Jahren auf rund 10% gesunken ist, hat aber seinen Preis.

Dr. Christian Kreuzer vom Controller-​Institut in Wien weist darauf hin, dass Wert­bei­träge zur Wert­schöp­fungs­kette häufig nicht gerecht abge­golten werden, z.B. die nied­rigen Löhne in Ent­wick­lungs­ländern. Weiters sollte der Ver­brauch von Res­sourcen wie Abholzung oder CO2-​Belastung im Preis abge­bildet sein. Es sei klar, dass zusätz­liche Kosten letztlich vom End­kunden zu bezahlen seien bzw. von den schwächsten Gliedern der Wert­schöp­fungs­kette, wenn der Preis­druck von den End­kunden groß genug ist. Jeden­falls gehe dies zwangs­läufig zu Lasten von Werten bei der Her­stellung von Lebens­mitteln.

Hauptsache, es schmeckt

Die starke Präsenz von Fragen der Ernährung in Medien und Tei­löf­fent­lich­keiten dürfte inso­ferne etwas täu­schen, als für den Großteil der Kon­su­menten vor allem eines zählt: Es muss schmecken. Was im Essen drin ist und wie es da hinein gekommen ist, ist den meisten egal, erklärte die Wiener Motiv­for­scherin Dr. Helene Kar­masin im Rahmen des ÖAIE-​Symposiums. Inhalts­an­gaben werden erst gar nicht gelesen. Und man will auch nicht wirklich wissen, wie die Nah­rungs­mittel pro­du­ziert worden sind.

Aber vielen ist es dann doch nicht so ganz egal. Die betei­ligten Mecha­nismen umreißt Prof. Dr. Ulrich Nöhle, Lebens­mit­tel­che­miker, „Inte­rims­ma­nager“ und an der TU Braun­schweig tätig. Nicht-​Wissen führt zu Unsi­cherheit. Unsi­cherheit, die nicht aus den Dingen selbst erwächst, sondern aus Mei­nungen über die Dinge, erzeugt Angst. Das Unbe­hagen wird von Medien auf­ge­griffen, die zu Grunde lie­genden Umstände so dra­ma­ti­siert, dass sie mög­lichst „griffige“ Schlag­zeilen ergeben. Kein Wunder, dass die Sehn­sucht nach dem Paradies so präsent ist, auch wenns um Essen geht.

Heile Welt inbegriffen

Wird mit einem Lebens­mittel die Illusion einer heilen Welt mit­ge­liefert, ist das den Kon­su­menten einiges wert. Dr. Kreuzer sieht den Mehrwert bei Lebens­mitteln, also der Dif­ferenz zwi­schen Her­stel­lungs­kosten und erzieltem Preis, über­haupt im emo­tio­nalen Bereich. Man zahlt also nicht nur für das Produkt allein, sondern ganz wesentlich für das Gefühl das es ver­mittelt: „Zur Stei­gerung des Preises ist es not­wendig, nicht nur den reinen Nutzwert zu kom­mu­ni­zieren, sondern das Produkt emo­tional auf­zu­laden“. Auf die Frage, ob der Kon­sument betrogen werden will, ant­wortet Prof. Nöhl: „Teil­weise ja“.

Anspruch versus Verhalten

Im Bereich der Lebens­mittel findet sich eine Dop­pel­moral wie in vielen anderen Bereichen. Wir haben enorme Ansprüche, aber zum Dis­kont­tarif. Wir fordern ‚mehr Bio‘, ‚ohne Gen­technik‘, ‚ohne Kin­der­arbeit‘, ‚Fair Trade‘ und vieles mehr. Wir sind für den Tier­schutz, wollen auf das billige Schnitzen aber nicht ver­zichten. Die Umsätze bei Dis­kontern sind in der jün­geren Ver­gan­genheit über­pro­por­tional gestiegen – in Deutschland zum Bei­spiel werden 40,7% der Lebens­mittel bei Dis­kontern gekauft. Der Anteil von Bio-​Lebensmitteln liegt in Deutschland bei 4%, bei Fair-​Trade-​Produkten sind es weniger als 0,5%.

„Wir wollen ins Paradies, aber nicht zu Fuß“, resü­miert Prof. Nöhle und zitiert eine Unter­su­chung des Mei­nungs­for­schungs­in­stituts GfK, die zwar aus dem Jahr 2008 stammt, deren Ergeb­nisse aber wohl auch heute einen grund­sätz­lichen Anspruch auf Gül­tigkeit haben dürften: Der Aussage „Bei Lebens­mitteln bevorzuge ich Bio­pro­dukte“ stimmen ins­gesamt 21,2% der Kon­su­menten zu, aber nur 3,1% der Aus­gaben für Lebens­mittel ent­fallen auf Bio-​Produkte. Der Aussage „Ich kaufe umwelt­ver­träg­liche Wasch- und Putz­mittel“ stimmen ins­gesamt 46,0% der Kon­su­menten zu, aber nur 5,4% der Aus­gaben in diesem Bereich ent­fallen auf diese Pro­dukt­gruppe.

Neue Skandale

Aus dem Trend zur „heilen Welt“ und dem Trend zu einem gene­rellen Miss­trauen gegenüber indus­triell her­ge­stellten Lebens­mitteln hat sich quasi eine neue Art von „Lebens­mit­tel­skandal“ ent­wi­ckelt, nämlich die Wirk­lichkeit. Die rechts­kon­forme indus­trielle Lebens­mit­tel­her­stellung würde per se bereits als „skan­dalös“ ange­sehen, weil sie von der in Mar­keting und Werbung ver­mit­telten idyl­li­sierten (und von Kon­su­menten durchaus erwünschten) Vor­stellung der Pro­duktion abweichen.

Ein „echter“ und dabei gigan­ti­scher Skandal liegt in dem Ausmaß, in dem Lebens­mittel am Müll landen. Wie eine Analyse des World Resources Institute, United Nations Envi­ronment Pro­gramme (UNEP) und der Food and Agri­culture Orga­niz­ation (FAO) ergeben hat, wird ins­gesamt jede vierte Kalorie, die der Ernährung dienen könnte, nicht dazu ver­wendet. DI Feli­citas Schneider vom Institut für Abfall­wirt­schaft der BOKU Wien bringt dazu Zahlen aus aktu­ellen Studien. Demnach schätzt die FAO den Verlust an genieß­baren Lebens­mitteln weltweit auf rund 30%, was 1,3 Mil­li­arden (!) Tonnen Lebens­mittel ent­spricht. In indus­tria­li­sierten Ländern liegen die Gründe vor allem in fal­schen Deu­tungen des Min­dest­halt­bar­keits­datums, markt­pli­ti­schen Bedin­gungen (z.B. Ver­mark­tungs­normen), Markt­preisen (sind diese zu gering, wird erst gar nicht geerntet), Anfor­de­rungen an die Frische von Pro­dukten, Über­an­gebot, Akti­ons­po­litik und man­gelnde Wert­haltung. In Ent­wick­lungs­ländern liegt es meist an feh­lender Infra­struktur (z.B. Mangel an Kühl­häusern, tro­ckenen Lager­räumen, Trans­port­mitteln).

Neue Ideen, neue Wege

Martin Hai­derer kon­sta­tiert eine gewisse neue Wer­tigkeit von Nähr­stoffen, die primär von der Zivil­ge­sell­schaft getragen wird. Dazu zählen Orga­ni­sa­tionen wie eben die Wiener Tafel, die an die 12.000 Armuts­be­troffene in 85 Sozi­al­ein­rich­tungen ver­sorgt, indem rund 400 Frei­willige Nah­rungs­mittel von Handel, Industrie, Märkten und Land­wirt­schafts­be­trieben abholen, um sie zu ver­teilen. Bio-​Kisterln, Ab-​Hof-​Verkäufe, Bio-​Sortimente des Handels zeugen eben­falls von neuer Wert­schätzung wie Guerilla-​Gardening oder Gemein­schafts­gärten. Bis zur letzten Kon­se­quenz gehen Men­schen, die sich dem Produktions- und Ver­tei­lungs­system gänzlich ver­weigern und sich als „Waste Diver“ von Lebens­mitteln aus dem Müll ernähren. Der pro­mo­vierte Astro­phy­siker Albert Was­hüttl tut das seit sechs Jahren. Er sieht diesen Weg freilich nicht als „die“ Lösung der bestehenden glo­balen Pro­bleme, sondern als vor­läufige Mög­lichkeit. Denn „Es gibt kein rechtes Leben im fal­schen“, sagt der Ver­treter einer Post­wachs­tums­ideo­logie.

Es ist auch nicht anzu­nehmen, dass die indus­trielle Pro­duktion von Lebens­mitteln eines Tages obsolet werden könnte. Für diesen Bereich sieht Prof. Nöhle einen wich­tigen Ansatz für Auswege aus dem der­zei­tigen Dilemma in einer neuen – durch die modernen Medien stark geprägten – Art der Kom­mu­ni­kation: „Die Lösung dieser Unge­reimt­heiten wird uns nur gelingen, wenn der Ver­braucher, beginnend im Vor­schul­alter und endend im hohen Alter, offen, sach­ge­recht und kon­ti­nu­ierlich über die hoch­ent­wi­ckelte indus­trielle Her­stellung der Lebens­mittel, wie auch über andere Artikel wie Tex­tilien, Bedarfs­ge­gen­stände, Kos­metika, richtig und wer­tefrei infor­miert wird. Der tech­nische Fort­schritt, von dem wir alle pro­fi­tieren, muss klar und offen dar­gelegt werden.“

K. Gruber

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