Adipositasprävention: Letzte Chance Big Brother?

Juli 2014 | Easy Reading

In der Adi­po­si­ta­s­prä­vention sind derzeit Rück­schläge auf (fast) der ganzen Linie zu ver­zeichnen. Neue Ansätze sind not­wendig, die Politik wird mehr inte­grative Kraft ent­wi­ckeln müssen. Dabei wird eine Grund­satz­de­batte über indi­vi­duelle Freiheit und Restrik­tionen nicht aus­bleiben. Indes könnte Unter­stützung von anderen Ent­wick­lungen kommen, etwa der Nach­hal­tigkeit in Ernährungsfragen.

Hat sich Adi­po­sitas oder gar morbide Adi­po­sitas einmal ent­wi­ckelt, ist eine Rückkehr in ein „nor­males“ Leben fast unmöglich. Pri­mär­prä­vention hin­gegen könnte funk­tio­nieren. Die Frage ist nur, wie. Sicher ist, dass ziemlich viel anders gemacht werden muss als bisher, dass die psy­chische Dis­po­sition der Gefähr­deten, gesell­schaft­liche Ent­wick­lungen und das Lebens­umfeld der Men­schen wesentlich stärker berück­sichtigt werden müssen. Diese Fragen wurden im Rahmen des 4. EUFEP-​Kongresses dis­ku­tiert, der vom 12. bis 13. Juni in Krems stattfand und unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Gerald Gart­lehner, Dpt. für Evi­denz­ba­sierte Medizin und Klin. Epi­de­mio­logie der Donau-​Universität, stand.

Dass eine Gewichts­ab­nahme bei bestehender Adi­po­sitas nur sehr schwer gelingt, wurde schon durch Meta­ana­lysen belegt, erin­nerte Univ.-Prof. Dr. Eli­sabeth Ardelt Gat­tinger von der Uni­ver­sität Salzburg. Was das in der Praxis für Betroffene und Betreuer aber bedeutet, wird erst aus Schil­de­rungen wie den offenen, per­sön­lichen und mutigen Dis­kus­si­ons­bei­trägen bei der Tagung klar. Prof. Ardelt-​Gattinger berichtet über ein zwei Jahre lau­fendes Projekt, in dem morbid adipöse Jugend­liche und ihre Familien mit dem Ziel der Lebens­stil­mo­di­fi­kation und Gewichts­ab­nahme betreut wurden. „Die Men­schen haben sehr viel auf sich genommen, haben viele Opfer gebracht, auch finan­zielle“, erzählt die Psy­cho­login. Aus Exper­ten­sicht konnten durchaus Erfolge ver­zeichnet werden, z.B. die Umwandlung von mor­bider Adi­po­sitas in „normale“ Adi­po­sitas. Nur: Für die Betrof­fenen und ihre Familien war dieser Unter­schied nicht sichtbar, der Ausweg aus der Adipositas-​Falle in weite Ferne gerückt, das Pro­gramm eine „Täu­schung“ und die Frus­tration enorm. Die Reak­tionen reichten bis zu tät­lichen Angriffen auf Betreuer. Ein der­ar­tiges Pro­gramm wird es wohl nicht wieder geben. Da geht die Bemerkung eines Mit­dis­ku­tanten ins Leere, der monierte, man hätte eben keine solchen Erwar­tungen wecken dürfen. Geweckt werden hätten die Erwar­tungen wohl kaum müssen.

Die Ernäh­rungs­wis­sen­schaf­terin Dr. Karin Loibner, die das Pro­gramm „Durch Dick und Dünn“ in Nie­der­ös­ter­reich leitet, berichtete über den Versuch, die drei­wö­chigen Som­mer­camps in ein ganz­jäh­riges Betreu­ungs­pro­gramm umzu­formen. „Die Som­mer­camps waren ein Erfolg, die Kinder und Jugend­lichen sind mit neuem Selbst­ver­trauen zurück­ge­kommen. Also haben wir voller Hoffnung ein stän­diges Pro­gramm für zwei Jahre gestartet, um die Betrof­fenen auch im Alltag zu begleiten.“ Das Resultat: Null.

Ursachen in der Seele

Aus Studien mit 11.000 adi­pösen Erwach­senen und Kindern haben Prof. Ardelt-​Gattinger und Kol­legen Erkennt­nisse über die Steue­rungs­me­cha­nismen gewonnen, die an einem ungüns­tigen Ess- und Bewe­gungs­ver­haltens beteiligt sind. So ist bei Adi­po­sitas der Suchtaspekt relativ stark aus­ge­prägt. Erwachsene und Kinder leiden zu rund 30% unter Ess-​Störungen: 25 bis 30% unter Binge-​Eating, 6 bis 9% unter Bulimie. Außerdem zeige die neu­ro­ko­gnitive For­schung, dass adipöse Men­schen nicht zu wenig, sondern zu viel gedank­liche „Ess-​Kontrolle“ auf­wiesen, was zu iro­ni­schen Pro­zessen im Gehirn führe und sich als kon­tra­pro­duktiv für die Kon­trolle des Kör­per­ge­wichts erweise. Essen ist kein Genuss mehr, Emp­feh­lungen können nur sehr schwer umge­setzt werden, der Umgang mit Nahrung ist unfle­xibel, die Ein­stellung zu Bewegung negativ.

Die starke Sucht­kom­po­nente bedeutet, dass Men­schen, die Adi­po­sitas haben und natur­gemäß vom Essen nicht „trocken“ sein können – in einer Wohl­stands­ge­sell­schaft wie unserer schon gar nicht – viel mehr Ver­ständnis brauchen, als es bisher der Fall ist. Vor diesem Hin­ter­grund sind auch Bemü­hungen zu sehen, die unter den Begriff „Health at any size“ fallen, also die För­derung und Erhaltung eines mög­lichst gesunden Lebens­stils trotz Adipositas.

Mager sind nur die Erfolge

Viel besser als bei der Behandlung sieht es bei der Adi­po­si­ta­s­prä­vention auch nicht aus. Univ.-Prof. Dr. Manfred J. Müller vom Institut für Human­er­nährung und Lebens­mit­tel­kunde an der Christian-​Albrechts-​Universität zu Kiel fasst die Ergeb­nisse einer Meta­analyse zusammen, bei der 37 Studien und Daten­sätze von 27.946 Kindern erfasst wurden: Im Schnitt führen die Maß­nahmen zu einer Ver­rin­gerung des BMIs von 0,09 bis 0,26kg/m2. Dazu Prof. Müller sinn­gemäß: Die beschei­denen Erfolge wis­sen­schaftlich beglei­teter Prä­ven­ti­ons­maß­nahmen zeigen, dass die bis­he­rigen Ver­suche in dieser Richtung der Kom­ple­xität mensch­lichen Ver­haltens ebenso wenig gerecht werden, wie den bio­lo­gi­schen Gesetz­mä­ßig­keiten des mensch­lichen Orga­nismus. Da gibt es ja auch noch offene Fragen zu so grund­le­genden Aspekten wie der Regelung des Appetits, hob Prof. John Blundell von der Faculty of Medicine and Health der Uni­ver­sität Leeds (GB) hervor. Offenbar funk­tio­niere das System asym­me­trisch, wehre sich vor allem gegen Unter­ernährung, lasse aber über­mä­ßigen Konsum zu. Auf­grund der Kom­ple­xität der Appe­tit­steuerung sei es oft sehr schwierig, fest­zu­stellen, warum manche Men­schen zu viel im Ver­hältnis zu ihrem Ener­gie­ver­brauch kon­su­mieren und andere nicht.

Suche nach den Schuldigen

Dabei sind die Stand­punkte innerhalb der Sci­en­tific Com­munity recht unter­schiedlich. Wenn Univ.-Prof. Dr. Anita Rieder vom Institut für Sozi­al­me­dizin der Uni­ver­sität Wien sagt, „Wir müssen ganz sicher noch tiefer in die Gesell­schaft hin­ein­schauen“, dann ist damit ein Aspekt ange­sprochen, der noch eine relativ breite Zustimmung findet. Es seien sicher noch nicht alle „Schul­digen“ iden­ti­fi­ziert – und mit ein­fachen und pau­schalen Schuld­zu­wei­sungen und daraus resul­tie­renden Bra­chi­al­maß­nahmen sei es nicht getan.

So wird der „schwarze Peter“ gerne dem in den reichen und reich wer­denden Ländern bestehenden (zu) hohen Angebot Lebens­mitteln und damit der Lebens­mit­tel­in­dustrie zuge­schoben. Warum aber sind eigentlich die meisten mit „Junk Food“ ernährten Kinder – als Richt­schnur wurden 80% genannt – nor­mal­ge­wichtig? Ein anderes schein­bares Para­doxon: In Japan geht der BMI bei Frauen zurück, was aber nicht mit einem limi­tierten Nah­rungs­an­gebot, sondern mit ästhe­ti­schen Kri­terien zusam­men­hängen dürfte.

Regulation & Restriktion…

Als Ver­fechter weit­ge­hender restrik­tiver Maß­nahmen erwies sich Dr. Tim Lob­stein, Policy Director der Obesity Task Force IOTF (http://www.iaso.org/iotf), die u. a. mit der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sation WHO daran arbeitet, Bewusstsein für die Dring­lichkeit des Pro­blems „Adi­po­sitas“ zu schaffen. Für Prof. Lob­stein sind die Haupt­schul­digen die Her­steller „gesund­heits­schäd­licher“ Pro­dukte und Wer­be­un­ter­nehmen, die als „Haupt­vek­toren“ bei der Ver­breitung der „nicht über­trag­baren“ Erkran­kungen – wie die frü­heren „Zivi­li­sa­ti­ons­krank­heiten“ heute vor­zugs­weise genannt werden – fun­gieren. Der Lebens­mit­tel­in­dustrie stünden Mil­li­arden für Mar­ke­ting­ak­ti­vi­täten und für Lob­bying zur Ver­fügung, was unter anderem die Ein­führung der Lebens­mit­telampel in der EU ver­hindert habe. Im Ver­gleich dazu seien öffent­liche Mittel zur Gesund­heits­för­derung mehr als bescheiden, man führe also einen Kampf „David gegen Goliath“.

Ganz ähnlich Boyd Swinburn, Pro­fessor für Volks­er­nährung und Welt­ge­sundheit an der Deakin Uni­ver­sität in Mel­bourne (AUS): „Es gibt eine Reihe kos­ten­güns­tiger, sehr effek­tiver Prä­ven­ti­ons­maß­nahmen gegen Adi­po­sitas, die von Regie­rungen aber kaum oder nur zögerlich umge­setzt werden.“ Am besten geeignet wären steu­er­liche Ein­griffe und Gesetz­gebung, z.B. ein Steu­er­zu­schlag von 20% auf „Junk Food“ und Mehr­wert­steu­er­be­freiung bis zu Sub­ven­tionen für „gesunde“ Lebens­mittel. Weiters sollte das Mar­keting für „unge­sunde“ Lebens­mittel ein­ge­schränkt werden. Swinburn hält stra­te­gische Ansätze wie diese nicht nur für effek­tiver, sondern auch für wesentlich kos­ten­güns­tiger als pro­gramm­ba­sierte Ansätze und beruft sich dabei auf ein ACE(Assessing Costeffectivness)-Projekt in Aus­tralien (http://www.sph.uq.edu.au/bodce-ace-prevention). Ins­be­sondere bei Bewe­gungs­pro­grammen sei das Kosten-​Nutzen-​Verhältnis mise­rabel, ein Mil­lionen Dollar teures Bewe­gungs­pro­gramm für Schüler in Aus­tralien sei völlig inef­fi­zient gewesen.

…oder Freiheit & Selbstverantwortung

Regu­lation und Restriktion des Kon­sum­ver­haltens können als emp­find­liche Ein­griffe in die Freiheit des Indi­vi­duums gesehen werden. Werden die Men­schen damit nicht (weiter) ent­mündigt? Lässt man damit nicht in einem wei­teren zutiefst pri­vaten Lebens­be­reich Kon­trollen zu? Prof. Blundell: Wenn man ernsthaft und umfassend etwas gegen die Adi­po­si­ta­sepi­demie tun möchte, müsste man soziale Restrik­tionen in einem Maß ein­führen, wie es an sich nur in Kriegs­zeiten gemacht wird. In klei­nerem Maßstab, also in den Lebens­be­reichen, in denen sich der Alltag der Men­schen abspielt, stünden die Chancen besser.

Trotz allem hält der Bio­ethiker und Medi­zin­rechts­ex­perte Dr. Garrath Wil­liams von der Uni­ver­sität Lan­caster (GB) Opti­mismus in der Adi­po­si­ta­s­prä­vention für begründet, da es mitt­ler­weile doch gelungen sei, ein adäquates Pro­blem­be­wusstsein zu schaffen. „Grund für Opti­mismus besteht auch deshalb, weil viele mög­li­cher­weise nötige gesell­schaft­liche Ver­än­de­rungen gut zu bereits bestehenden oder sich ent­wi­ckelnden Prio­ri­täten passen“, so Swinburn und nennt als Bei­spiel den Aspekt „Nach­hal­tigkeit“ in Zusam­menhang mit Ernährung.

(K)eine Welt für Kinder

„Fern­seher raus aus dem Kin­der­zimmer, mehr Spielen im Freien und genug Schlaf“, lautet ein Ultra­kurz­re­sümee von Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Ahrens, Institut für Prä­ven­ti­ons­for­schung und Sozi­al­me­dizin an der Uni­ver­sität Bremen, zu aktu­ellen Ergeb­nissen der euro­päi­schen IDEFICS-​Studie. Damit sind nun also die Eltern ange­sprochen, freilich aber auch die Politik und Städ­te­planung, denn wie sollen im Freien spielen, wenn es dort gar keinen Platz zum Spielen gibt?

Als wei­teren wich­tigen Punkt nennt Prof. Ahrens den Schlaf. Es habe sich gezeigt, dass nor­mal­ge­wichtige Kinder, die von aus­rei­chend auf zu wenig Schlaf wech­selten, die stärkste Gewichts­zu­nahme zu ver­zeichnen hatten. Es gebe zwar keine detail­lierten Daten dazu, aber die Zahlen seien deutlich: In süd­eu­ro­päi­schen Ländern wie Italien und Zypern gebe es die meisten stark über­ge­wich­tigen und adi­pösen Kinder – und das seien auch jene Länder, in denen Kinder am wenigsten schlafen.

K. Gruber