Körperwahrnehmung und Diätverhalten von Jugendlichen

April 2013 | Fachlich-Sachlich, FS-2012

Kör­per­schema und Diät­ver­halten: Unter­schiede zwi­schen realer und wahr­ge­nom­mener Kör­perform in Bezug auf das Kör­per­ge­wicht und im Zusam­menhang mit dem Diät­ver­halten von Jugendlichen

Silvia Gim­plinger, Daniela Wewerka-​Kreimel*, Jutta Möse­neder, Gabriele Karner

Ein wach­sendes gesund­heit­liches Problem stellt die Prä­valenz von Über­ge­wicht und Adi­po­sitas bei Kindern und Jugend­lichen dar, 10 bis 20 % der deut­schen Schul­kinder und Jugend­lichen sind über­ge­wichtig [1]. Das Auf­treten von Über­ge­wicht bzw. Adi­po­sitas, sowie das damit asso­zi­ierte meta­bo­lische und kar­dio­vaskuläre Risiko, hängen wesentlich von der Fett­ver­teilung ab. Hierbei spielt vor allem das vis­zerale Fett, das anhand des Tail­len­um­fangs gemessen werden kann, eine wichtige Rolle. Da der Tail­len­umfang alters- und geschlechts­ab­hän­gigen Ver­än­de­rungen unter­liegt, ist es erfor­derlich, alters- und geschlechts­spe­zi­fische Per­zen­tilen zur Beur­teilung des kind­lichen und jugend­lichen Tail­len­um­fangs her­an­zu­ziehen [2].

Im Gegensatz zur stei­genden Anzahl der Über­ge­wich­tigen und Adi­pösen in der Bevöl­kerung ist das momentan vor­herr­schende Schön­heits­ideal der Gesell­schaft ein unter­ge­wich­tiger Körper [3]. Ein Großteil der Jugend­lichen ver­sucht, diesem Ide­albild durch gewichts­sen­kende Maß­nahmen, wie bei­spiels­weise das Halten von Diäten, zu ent­sprechen. Da dabei das unter­ge­wichtige Ideal selten erreicht wird, steigt die Unzu­frie­denheit mit dem eigenen Körper [4]. Als weitere Folge kann eine ver­zerrte Wahr­nehmung der Kör­perform ent­stehen, die in der Lite­ratur vor allem bei mager­süch­tigen Pati­en­tInnen beschrieben wird, die sich dennoch als zu dick fühlen [5]. Diese ver­zerrte Wahr­nehmung gibt es auch in umge­kehrter Weise bei über­ge­wich­tigen bzw. adi­pösen Kindern und Jugend­lichen. Diese nehmen ihre Kör­perform nicht als über­ge­wichtig, sondern als nor­mal­ge­wichtig wahr. Dadurch kann das mit Über­ge­wicht asso­zi­ierte gesund­heit­liche Risiko nicht erkannt werden [6].

In dieser Bache­lor­arbeit wurde unter­sucht, wie sich das Kör­per­ge­wicht auf die Beur­teilung der Kör­perform und auf das Diät­ver­halten aus­wirkt. Das Augenmerk lag darauf, ob es einen Zusam­menhang zwi­schen der Zufrie­denheit bzw. der Unzu­frie­denheit mit der eigenen Kör­perform und dem Halten von Diäten (bzw. anderen kör­per­ge­wichts­re­du­zie­renden Maß­nahmen wie z.B. Sport) gibt. Im Gegensatz zu den umfassend unter­suchten unter- und nor­mal­ge­wich­tigen Jugend­lichen, die sich als zu dick wahr­nehmen [7–10], gibt es nur wenige Studien, die von über­ge­wich­tigen und adi­pösen Jugend­lichen berichten, die ihren Körper als nor­mal­ge­wichtig wahr­nehmen [6].

Darüber hinaus wurde die Ver­zehrs­häu­figkeit der Haupt­mahl­zeiten, als bedeu­tender Faktor bei der Ent­stehung von Über­ge­wicht [9], berücksichtigt.

Mittels Selbstausfüller-​Fragebogen wurden im Rahmen einer Quer­schnitts­studie fol­gende Para­meter erhoben: Alter, Geschlecht, die Wahr­nehmung der eigenen Kör­perform bzw. die der Eltern und der Groß­eltern, das Diät­ver­halten und andere das Kör­per­ge­wicht beein­flus­sende Maß­nahmen, die Mahl­zei­ten­fre­quenz der Haupt­mahl­zeiten und die Haupt­mahl­zei­ten­ge­wohn­heiten der Familie. Zudem wurden stan­dar­di­sierte anthro­po­me­trische Mes­sungen von Kör­per­größe, Kör­per­ge­wicht und Tail­len­umfang (TU) durch­ge­führt und der Body Mass Index (BMI) berechnet.

Diese nicht reprä­sen­tative Stich­probe setzte sich aus 180 Schü­le­rInnen im Alter zwi­schen 14 und 18 Jahren des Ober­stu­fen­gym­na­siums der Eng­li­schen Fräulein in St. Pölten zusammen. Die Rück­lauf­quote der korrekt aus­ge­füllten Fra­ge­bögen betrug 65 % (n = 117, 69 Mädchen und 48 Jungen).

Die Ergeb­nisse hin­sichtlich eines Zusam­men­hangs zwi­schen der BMI- und TU-​Perzentile und der Beur­teilung der eigenen Kör­perform belegen, dass 14 bzw. 18 % (BMI bzw. TU) der befragten Schü­le­rInnen ihre Kör­perform leicht abwei­chend klas­si­fi­zierten. Es lässt sich ein Zusam­menhang zwi­schen anthro­po­me­tri­schen Para­metern und der Kör­per­form­wahr­nehmung fest­stellen (C = 0,649 bei BMI-​Perzentile und C = 0,574 bei TU-​Perzentile). 73 % der über­ge­wich­tigen Jugend­lichen (gemäß BMI-​Klassifizierung) nahmen sich als nor­mal­ge­wichtig wahr und keiner der adi­pösen Schüler/​innen bezeichnete sich als „dick“. Die Kör­perform wurde zunehmend ver­zerrt wahr­ge­nommen, je höher das Kör­per­ge­wicht war. Zudem haben 82 % der über­ge­wich­tigen und 80 % der adi­pösen Gym­na­si­as­tInnen zumindest einmal ver­sucht, ihr Gewicht zu redu­zieren. Diese Ergeb­nisse bergen einen Wider­spruch in sich, da in dieser Pro­banden­gruppe augen­scheinlich das unter­ge­wichtige Gesell­schafts­ideal zur Gewichts­re­duktion führt und nicht die Tat­sache, dass sich diese über­ge­wich­tigen bzw. adi­pösen Jugend­lichen als zu dick wahrnehmen.

Bei der Erhebung der Haupt­mahl­zei­ten­fre­quenz wurde augen­scheinlich, dass vor allem die 14- bis 17-​Jährigen kein Früh­stück ver­zehren. Diese Tat­sache spiegelt auch der Jugend­ge­sund­heits­survey wieder [9]. Das Mit­tag­essen wird von den Jugend­lichen am häu­figsten ver­zehrt. Auf­fällig gering wird das Abend­essen bei den 14- bis 15-​Jährigen Mädchen dieser Studie ver­zehrt, da fast 30 % angaben, nur 2- bis 4‑mal pro Woche abends zu essen. 46 % dieser Pro­ban­dinnen haben schon ver­sucht Kör­per­ge­wicht zu redu­zieren, besonders in dieser Gruppe waren die meisten über­ge­wich­tigen und adi­pösen Teilnehmer/​innen anzutreffen.

Eine wei­ter­füh­rende reprä­sen­tative Studie zu dieser The­matik basierend auf den Ergeb­nissen dieser Pilot­studie wäre erfor­derlich, um all­ge­mein­gültige Aus­sagen für die öster­rei­chi­schen Jugend­lichen treffen zu können. Die Not­wen­digkeit liegt darin begründet, da sich offen­sichtlich über­ge­wichtige bzw. adipöse Jugend­liche durch die ver­zerrte Wahr­nehmung ihrer Kör­perform dem gesund­heit­lichen Risiko hin­sichtlich vieler Fol­ge­er­kran­kungen nicht bewusst sind.

Kor­re­spondenz:

FH-​Prof. Daniela Wewerka-​Kreimel, MBA

Stu­di­engang Diä­to­logie der FH St. Pölten

3100 St. Pölten, Mat­thias Corvinus-​Straße 15

Daniela.Wewerka-Kreimel@fhstp.ac.at

Lite­ratur:

[1] Wabitsch, M. & Kunze, D. (2009). Leit­linien der Arbeits­ge­mein­schaft Adi­po­sitas im Kindes- und Jugend­alter (AGA). Dia­gnostik, The­rapie und Prä­vention von Über­ge­wicht und Adi­po­sitas im Kindes- und Jugend­alter. Berlin: Konsensus-​Konferenz der AGA.

[2] Kromeyer-​Hauschild, K., Gläßler, N. & Zellner, K. (2008). Per­zentile für den Tail­len­umfang von Jenaer Kindern im Alter von 6 bis 18 Jahren. Aktuelle Ernäh­rungs­me­dizin, 33, 116–122.

[3] Stier, B. & Weis­sen­rieder, N. (2006). Jugend­me­dizin Gesundheit und Gesell­schaft. Hei­delberg: Springer.

[4] Marlok, G. & Weiss, H. (2006). Handbuch der Kör­per­psy­cho­the­rapie. Stuttgart: Schattauer.

[5] Kasper, H. & Burg­hardt, W. (2009). Ernäh­rungs­me­dizin und Diä­tetik (11. Aufl.). München: Elsevier Urban & Fischer.

[6] Haug-​Schnabel, G. (2007). Zu dick, zu dünn, wer bin ich? Die Ent­wicklung des Kör­per­be­wusst­seins bei Kindern und die Bedeutung eines posi­tiven Selbst­bildes als pro­tek­tiver Faktor im Ent­wick­lungs­verlauf. LCI Moderne Ernährung Heute, 1, 14.

[7] Abraham, S. (2003). Dieting, body weight, body image and self-​esteem in young women: doctors’ dilemmas. The Medical Journal of Aus­tralia, 178 (12), 607–611.

[8] Halek, C., Kerry, S., Hum­phrey, H., Crisp, A. & Hughes, J. (1993). Rela­ti­onship between smoking, weight and atti­tudes to weight in ado­lescent school­girls. Post­gra­duate Medical Journal, 69, 100–106.

[9] Hur­relmann, K., Klocke, A., Melzer, W. & Ravens-​Sieberer, U. (2003). WHO – Jugend­ge­sund­heits­survey. Konzept und aus­ge­wählte Ergeb­nisse für die Bun­des­re­publik Deutschland. Weinheim und München: World Health Organization.

[10] Malin­auskas, B., Raedeke, T., Aeby, V., Smith, J. & Dallas, M. (2006). Dieting prac­tices, weight per­cep­tions, and body com­po­sition: A com­pa­rison of normal weight, over­weight, and obese college females. Nut­rition Journal, 5 (11). doi: 10.1186/1475–2891‑5–11