(Nahrungsmittel)Allergien: Mehr exakte Diagnostik & mehr Prävention

Januar 2013

Hinter einer Unver­träg­lichkeit von Nah­rungs­mitteln werden wesentlich häu­figer All­ergien ver­mutet, als es tat­sächlich der Fall ist, und die gewählten „the­ra­peu­ti­schen“ Methoden sind nicht selten kon­tra­pro­duktiv. Es gilt, für mehr wis­sen­schaftlich fun­dierte Auf­klärung zu sorgen, ebenso für eine exakte Dia­gnostik. Bis zu einem gewissen Grad ist auch Prä­vention von All­ergien möglich – und diese beginnt lange vor der Geburt.

Ja, Nah­rungs­mit­tel­all­ergien werden häu­figer, bestätigt Univ.-Prof. Dr. Josef Riedler, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugend­heil­kunde am Kar­dinal Schwarzenberg’schen Kran­kenhaus in Schwarzach. Das Ausmaß der von medi­zi­ni­schen Laien ver­mu­teten Fälle liegt aber deutlich über der wis­sen­schaft­lichen Evidenz. „Besonders bei Eltern kleiner Kinder begegnen wir häufig Falsch­mei­nungen“, berichtet der Allergie-​Spezialist, „alles in allem sind nur etwa 20 bis 30 Prozent der von den Eltern als ‚sicher‘ ange­ge­benen Nah­rungs­mit­tel­all­ergien objek­ti­vierbar“. Pro­ble­ma­tisch ist das unter anderem deshalb, weil in der Folge häufig wichtige Nah­rungs­mit­tel­gruppen wie Milch oder Wei­zenmehl weg­ge­lassen werden – oder zumindest ver­sucht wird, diese weg­zu­lassen, was gerade bei Milch auf­grund ihrer weiten Ver­breitung in der Lebens­mit­tel­pro­duktion sehr schwierig ist. Die Beob­achtung, dass ein Kind Milch oder Brot nicht ver­trägt, hat jeden­falls meist andere Ursachen als eine Allergie.

Nicht selten täu­schen Erkran­kungen wie Infekte oder ander­weitig bedingte Unver­träg­lich­keits­re­ak­tionen eine Nah­rungs­mit­tel­all­ergie oder ‑into­leranz vor. Prof. Riedler: „Der einzige Weg, eine Nah­rungs­mit­tel­all­ergie ein­deutig zu dia­gnos­ti­zieren, ist der Pro­vo­ka­ti­onstest“. Bei Ver­dacht sollte daher immer ein Doppelblind-​Provokationstest – im All­ge­meinen sta­tionär – durch­ge­führt werden. Wie die Erfahrung zeigt, bestätigt sich die Ver­mutung im Schnitt bei 1 von 10 Fällen. Gerade bei der Dia­gnostik von Nah­rungs­mit­tel­all­ergien können aber auch IgE-​Tests mit rekom­bi­nanten All­er­genen durchaus sinnvoll sein, da damit das Risiko schwerer ana­phy­lak­ti­scher Reak­tionen abge­schätzt werden kann.

Ein Stan­dardtest auf Sen­si­bi­li­sierung kann irre­füh­rende Ergeb­nisse liefern, denn eine vor­handene IgE-​Reaktion muss noch lange nicht Ursache der Beschwerden sein. De facto weisen viele Kinder eine Sen­si­bi­li­sierung gegen ver­schiedene Nah­rungs­mit­tel­all­ergene auf – aber nur bei sehr wenigen geht das bis zu kli­ni­schen Sym­ptomen. Atopie ist also nicht gleich All­ergie, wiewohl die beiden Begriffe häufig fälsch­li­cher­weise als Syn­onyme ver­wendet werden. Rund 50 Prozent der Fälle von Asthma haben nichts mit All­ergie zu tun, umge­kehrt sind nur etwa 25 Prozent der Atopien mit Asthma asso­ziiert. Abge­sehen davon gibt es eine Reihe wei­terer All­er­gie­formen, die nicht über die IgE-​Schiene laufen. Zum Bei­spiel eine zel­lulär ver­mit­telte Colitis als Reaktion auf Milch, oder die Zöliakie, die auf die Bildung von IgA-​Antikörpern zurückgeht. Und mehr als 50 Prozent der Fälle von ato­pi­scher Der­ma­titis haben nichts mit  IgE- ver­mit­telter All­ergie zu tun.

Gerade im Bereich Lebens­mit­tel­all­ergien werden auch „dia­gnos­tische“ und „the­ra­peu­tische“ Methoden ange­boten, die in keiner Weise dazu geeignet sind, sondern vielmehr zu Ver­un­si­cherung und kon­tra­pro­duk­tiven Ver­hal­tens­weisen führen. Eines dieser Bei­spiele ist die Bio­re­sonanz. Prof. Riedler: „Es gibt kei­nerlei wis­sen­schaft­liche Evidenz, dass Bio­re­sonanz geeignet wäre, All­ergien fest­zu­stellen“. Geschweige denn, zu „löschen“.

Zunahme: Ursachenforschung

Die Suche nach den Ursachen für die Zunahme von All­ergien ist nicht abge­schlossen. Den derzeit stärksten auch wis­sen­schaftlich halt­baren Ansatz einer Erklärung liefert die Hygie­ne­hy­po­these. Demnach nehmen mit stei­gendem Hygie­ne­standard die Her­aus­for­de­rungen für das Immun­system durch Bak­terien, Pilze und Para­siten ab. In der Folge werden die „fal­schen“ Moleküle attackiert.

Zwar haben ver­glei­chende Studien zu städ­ti­scher und länd­licher Lebens­weise gezeigt, dass eine stärkere Sti­mu­lierung des Immun­systems durch eine Umgebung reich an Mikro­flora mit einer gerin­geren Häu­figkeit von All­ergien, Asthma und Atopie ein­hergeht. Aber wie immer, wenn es um das Immun­system geht, ist die Sachlage kom­pli­ziert. Nicht von ungefähr, schließlich ist das Immun- nach dem Ner­ven­system des Men­schen das kom­ple­xeste bio­lo­gische System, das wir kennen. Und die Vielfalt der All­ergene und all­er­gi­scher Erkran­kungen ver­ein­facht die Sache auch nicht. Ob eine All­ergie ent­steht oder nicht, ent­scheidet sich auf Basis eines hoch­kom­plexen Zusam­men­spiels von indi­vi­du­ellen gene­ti­schen, epi­ge­ne­ti­schen und Umweltfaktoren.

„Jeden­falls ist die Beziehung zwi­schen Dosis und Wirkung, zwi­schen All­er­gen­ex­po­sition und Häu­figkeit all­er­gi­scher Erkran­kungen, nicht immer linear“, fasst Prof. Riedler zusammen. Eine sehr geringe All­er­gen­ex­po­sition kann mit einer gerin­geren Häu­figkeit von All­ergien ein­her­gehen, eine mittlere Expo­sition ist bei manchen All­er­genen mit einem sehr häu­figen Auf­treten von All­ergien ver­bunden – und eine starke All­er­gen­ex­po­sition wie­derum kann mit gerin­gerer Inzidenz einer Sen­si­bi­li­sierung oder von All­ergien asso­ziiert sein. Damit sind Prä­ven­ti­ons­maß­nahmen für Nicht-​Nahrungsmittelallergien wie das Encasing zum Scheitern ver­ur­teilt. Und Fragen, ob Hund oder Katze in die Familie auf­ge­nommen werden sollen oder nicht, sind kei­neswegs einfach zu beant­worten. Spo­ra­dische Auf­ent­halte am Land sind bei allen sons­tigen Vor­teilen nicht zur All­er­gie­prä­vention geeignet.

Der Zusam­menhang zwi­schen der Inter­na­tio­na­li­sierung unserer Nah­rungs­an­ge­botes (Kiwi, Soja usw.) und einer Zunahme von Nah­rungs­mit­tel­all­ergien ist eben­falls dif­fe­ren­ziert zu sehen. „Dieser Zusam­menhang trifft eher noch bei Erwach­senen zu, weniger aber bei Kindern“, so Prof. Riedler – im kind­lichen Alter regis­triert das Immun­system „neue“ Nah­rungs­mittel ten­den­ziell als „nor­malen“ Teil der Umwelt. Dass heute ver­mehrt auch All­ergien gegen Soja oder Kiwi beob­achtet werden, ist als sta­tis­ti­sches Phä­nomen zu betrachten. „Der Orga­nismus ist schon vorher auf All­ergie geprägt“, erklärt Prof. Riedler, „es ent­scheidet sich sehr früh, ob das Immun­system in der Lage sein wird, adäquat mit All­er­genen umzu­gehen, nämlich während der Schwan­ger­schaft und in den ersten Monaten nach der Geburt.“

Prävention & Therapie

Grund­sätzlich ist die Prä­vention wie so oft auch hier die beste The­rapie. Mit den heute zur Ver­fügung ste­henden Mitteln sind die Mög­lich­keiten aller­dings relativ beschränkt – ganz abge­sehen davon, dass nicht alle All­er­gie­formen ver­hindert werden können. Völlig machtlos stehen (wer­dende) Eltern dem Phä­nomen All­ergie bei ihren Kindern aber auch nicht gegenüber. Eine Zusam­men­fassung dazu findet sich in Auf­zählung 1.

Auf längere Sicht darf man aller­dings sehr wohl auf eine umfas­sendere Prä­vention hoffen. Zahl­reiche Wis­sen­schafter und Ärzte arbeiten an Lösungen für dieses Problem, so auch Prof. Riedler gemeinsam mit einem mul­ti­dis­zi­plinär zusam­men­ge­setzten Team und Kol­legen in ver­schie­denen For­schungs­ein­rich­tungen: „Unserer Über­zeugung nach liegt der Schlüssel nicht in einer Ver­meidung mög­licher All­er­gie­aus­löser, sondern in einer Stärkung des Immun­systems.“ Das Ziel ist eine immun­mo­du­lie­rende Allergie-​Impfung. Der Ansatz wurde bewusst sehr breit gewählt, um eine Ver­rin­gerung aller All­er­gie­formen inklusive der Nah­rungs­mit­tel­all­ergien zu erzielen.

Der­weilen ist eine Desen­si­bi­li­sierung teil­weise auch bei Nah­rungs­mitteln möglich. Bei einer All­ergie gegen das Milch­eiweiß zum Bei­spiel könnte eine Desen­si­bi­li­sierung in Erwägung gezogen werden, wobei die zuge­führte Menge mit wenigen Tropfen beginnend gesteigert wird. Aber: Das funk­tio­niert eben nur bei einer All­ergie, nicht bei einer Mil­ch­in­to­leranz, die meist durch einen Lak­ta­se­mangel her­vor­ge­rufen wird, der wie­derum gene­tisch bedingt sein kann – was hier­zu­lande sehr selten vor­kommt – oder durch ein Nach­lassen der Lak­ta­se­ak­ti­vität in den Darm­zotten, was meist mit etwa dem 40. Lebensjahr einsetzt.

Empfehlungen zur Allergieprävention

  • Infor­mation – Stärkere Ver­breitung aktu­eller und kor­rekter Infor­ma­tionen; För­derung rea­lis­ti­scher Ein­schät­zungen und Erwar­tungen in der Bevölkerung.
  • Nicht Rauchen – Belastung durch Zigaretten- und anderen Rauch während der Schwan­ger­schaft und danach ver­meiden; über epi­ge­ne­tische Phä­nomene ent­wi­ckeln Kinder auch dann ein erhöhtes All­er­gie­risiko, wenn die Mutter einer Rauch­be­lastung durch ihre Mutter aus­ge­setzt war.
  • 4 Monate aus­schließlich Stillen – Das Risiko für Nah­rungs­mit­tel­all­ergien und ato­pische Der­ma­titis wird ver­ringert; die Häu­figkeit von Asthma wird nicht beeinflusst.
  • Fischöl und Omega-​3-​Fettsäuren – In Fisch (z.B. Makrele, Lachs) ist eine pro­tektive Wirkung gegeben; kein Nachweis bei Anrei­cherung von Nah­rungs­mitteln mit Omega-​3-​Fettsäuren oder bei Supplementen.
  • Hypo­all­ergene Nahrung – Kein pro­tek­tiver Effekt in der Allergie- und Asth­ma­prä­vention (Nah­rungs­mittel, Pollen) nach­weisbar; bei Hoch­ri­si­ko­pa­ti­enten für Neu­ro­der­mitis wird eine Reduktion der ato­pi­schen Der­ma­titis um 50 % erreicht.
  • Prä­biotika – Erste Studien weisen darauf hin, dass gewisse Oli­gosac­charide von pro­tek­tiver Wirkung sind; der Ansatz dürfte in der Lage sein, die Balance der Darm­flora positiv zu beeinflussen.

Autor: K. Gruber