Ernährungstherapie bei ADHS – Relevanz bei Kindern und Jugendlichen aus kinderärztlicher Sicht

Januar 2013

Das Aufmerksamkeitsdefizit-​/​Hyperaktivitätssyndrom, kurz als ADHS bezeichnet, ist ein hete­ro­genes Stö­rungsbild, dessen Ursache noch nicht exakt geklärt werden konnte [1]. In den letzten Jahren konnte ein Anstieg der Dia­gnose ADHS bei Kindern und Jugend­lichen ver­zeichnet werden [2]. Deshalb bezieht sich die nach­fol­gende Arbeit aus­schließlich auf Kinder und Jugend­liche. Diese Erkrankung bezie­hungs­weise Störung stellt einen großen Lei­dens­druck für die Betrof­fenen und deren Ange­hö­rigen dar, durch die Neben­wir­kungen der momen­tanen Stan­dard­me­di­kation mit Sti­mu­lanzien [1] wird dies noch ver­schlimmert. Deshalb ist es wichtig, eine effektive und mög­lichst risi­kolose The­rapie zu finden. Das Ziel dieser Arbeit ist es, einige ernäh­rungs­me­di­zi­nische Mög­lich­keiten der The­rapie bezie­hungs­weise Begleit­the­rapie auf­zu­zeigen. Da ernäh­rungs­me­di­zi­nische Inter­ven­tionen nur nach ärzt­licher Anfor­derung durch­ge­führt werden dürfen [3], wurde die Meinung der dia­gnos­ti­zie­renden und behan­delten Ärz­tinnen und Ärzte dies­be­züglich hinterfragt.

Methodik

Die For­schungs­fragen werden mit­hilfe einer Lite­ra­tur­re­cherche und eines Fra­ge­bogens erhoben. Zur Lite­ra­tur­re­cherche wurden nur Studien zuge­lassen, welche sich auf Kinder und Jugend­liche mit ADHS beziehen und die nicht vor 2004 erschienen sind. Ältere Studien wurden nur zuge­lassen, wenn diese noch immer eine wis­sen­schaft­liche Evidenz auf­wiesen. Zur Ermittlung der Daten wurden drei Meta­ana­lysen, drei Reviews, drei ran­do­mi­sierte, Placebo kon­trol­lierte Studien, zwei Studien mit Kon­troll­gruppe, eine ran­do­mi­sierte, dop­pel­blinde, Placebo kon­trol­lierte Studie, zwei Placebo kon­trol­lierte dop­pel­blinde Studien, zwei kon­trol­lierte Quer­schnitts­studien, eine Beob­ach­tungs­studie, eine retro­spektive Studie sowie zwei Pilot­studien verwendet.

Ebenso wurden Blog­ein­träge, ein­schlägige Fach­ar­tikel, Mas­ter­ar­beiten sowie weitere ver­fügbare Fach­in­for­ma­tionen ein­be­zogen. Als Ziel­gruppe für den Fra­ge­bogen wurden alle Kinder- und Jugend­ärz­tinnen und Ärzte in Öster­reich defi­niert. Da eine genaue Daten­er­hebung (zum Bei­spiel durch die Ärz­te­kammer) zum Zeit­punkt der Recherche nicht möglich war (dies­be­züg­liche Daten sind öffentlich nicht zugänglich), wurde als Aus- bzw. Ein­schluss­kri­terium die Auf­listung im elek­tro­ni­schen Tele­fonbuch „herold.at“ ver­wendet. Ins­gesamt sind 637 Fach­ärz­tinnen und Fach­ärzte für Kinder- und Jugend­heil­kunde gelistet [4]. Als wei­teres Ein­schluss­kri­terium wurde die Angabe der E‑Mail-​Adresse her­an­ge­zogen. Ins­gesamt wurden 164 Ärz­tinnen und Ärzte ange­schrieben. Die Rück­lauf­quote betrug 34 Fragebögen.

Ergeb­nisse 

Siehe Tabelle 1.

Welche Bedeutung messen die dia­gnos­ti­zie­renden Ärz­tinnen und Ärzte der Ernäh­rungs­the­rapie bei Kindern und Jugend­lichen mit ADHS bei?

  • Es besteht ein Interesse an der Ernäh­rungs­the­rapie bei Kindern und Jugend­lichen mit ADHS (n=10)
  • Der Ernäh­rungs­the­rapie bezüglich „gesunder Ernährung“ wird ein hoher Stel­lenwert zuge­schrieben (n=22).

Welche Bedeutung hat eine abge­stimmte gesunde Ernährung bei ADHS im Kindes- und Jugend­alter als Begleit­the­rapie aus Sicht der dia­gnos­ti­zie­renden Ärz­tinnen und Ärzte?

  • Eine opti­mierte, aus­ge­wogene, gesunde Ernährung stellt eine effektive Begleit­the­rapie dar [5, 6].
  • Eine Ernäh­rungs­the­rapie sollte bei Kindern und Jugend­lichen mit ADHS durch­ge­führt werden (n=22) [7].

Welche Bedeutung hat die Ernäh­rungs­the­rapie bei ADHS bezogen auf die mög­lichen Nähr­stoff­de­fizite (Eisen, Zink, Magnesium & mehrfach unge­sät­tigte Fett­säuren) von Kindern und Jugend­lichen als Begleit­the­rapie, sowie die ernäh­rungs­me­di­zi­nische Behandlung der medi­ka­men­tösen Neben­wir­kungen aus Sicht der dia­gnos­ti­zie­renden und behan­delnden Ärz­tinnen und Ärzte?

  • Die Nähr­stoffe Zink, Magnesium, Eisen und mehrfach unge­sät­tigten Fett­säuren weisen einen Zusam­menhang mit ADHS auf [7, 8]
  • Für Zink konnte eine effektive Wirkung in Bezug auf eine Dosis­senkung der Medi­ka­mente nach­ge­wiesen werden [9].
  • Das Aus­gleichen der Nähr­stoff­de­fizite ist wichtig (n=14). Ärz­tinnen und Ärzte behandeln dies meist mittels Sup­ple­menten (n=14), da dies im Gegensatz zur ernäh­rungs­me­di­zi­ni­schen Inter­vention als effektive Methode gehandhabt wird (n=6).
  • Das Medi­kament EQUAZENTM PRO, wird als sinn­volle The­rapie ein­ge­stuft (n=14). Die Mei­nungen bzw. Erfah­rungen bezüglich der Dauer der Inter­vention gingen jedoch auseinander.
  • Für die Neben­wir­kungen Diarrhoe, Erbrechen, Xeros­tomie, Obs­ti­pation, Appe­tit­lo­sigkeit und abdo­mi­nelle Beschwerden exis­tieren bereits Leit­linien bzw. Erfah­rungs­be­richte. 69,9% (n= 23) der befragten Ärz­tinnen und Ärzte würden bezüglich der Neben­wir­kungen eine Diä­to­login bzw. einen Diä­to­logen kontaktieren.

Welche Bedeutung hat die diä­to­lo­gische Durch­führung einer Eli­mi­na­ti­onsdiät bei Kindern und Jugend­lichen mit ADHS aus Sicht der dia­gnos­ti­zie­renden Ärz­tinnen und Ärzte?

  • Die Eli­mi­na­ti­onsdiät zeigt eine Ver­bes­serung der Sym­ptome von ADHS auf [9], jedoch ist eine dau­er­hafte Durch­führung nicht ziel­führend und kann nicht emp­fohlen werden (n=14).
  • Die Eli­mi­na­ti­onsdiät kann dazu genutzt werden, die „schäd­lichen Lebens­mittel“ her­aus­zu­filtern und diese Lebens­mittel in der wei­ter­füh­renden Ernäh­rungs­the­rapie zu ver­meiden [7].

Welche Infor­ma­ti­ons­maß­nahme bzw. ‑mate­rialien bezüglich einer mög­lichen diä­ti­schen Inter­vention bei Kindern und Jugend­lichen mit ADHS würden Ärz­tinnen und Ärzte als sinnvoll erachten und was müssten diese inhaltlich enthalten?

  • Ein­schlägige Artikel in Fach­zeit­schriften (n=13) sowie Informationsblätter/​-​Broschüren/​-​Folder (n=9) werden als am infor­ma­tivsten und sinn­vollsten erachtet.
  • Bezüglich der Inhalte standen große unab­hängige Studien (n=16) und The­ra­pie­maß­nahmen (n=10) an erster Stelle.
  • Auch Erfah­rungs­be­richte (n=9) sowie Kon­takt­adressen (n=7) von Diä­to­lo­ginnen und Diä­to­logen wurden genannt.

Diskussion

Ärz­tinnen und Ärzte haben ein Interesse an der Ernäh­rungs­the­rapie bei ADHS. Besonders der gesunden Ernährung und der The­rapie von medi­ka­men­tösen Neben­wir­kungen wird laut Aus­wertung des Fra­ge­bogens ein hoher Stel­lenwert zuge­schrieben. Die aktuelle Stu­di­enlage sowie die Ergeb­nisse des Fra­ge­bogens deuten darauf hin, dass eine ernäh­rungs­me­di­zi­nische The­rapie in das Behand­lungs­pro­tokoll von ADHS auf­ge­nommen werden sollte, um etwaigem Fehl­ver­halten sofort ent­ge­gen­wirken zu können.

Ein beson­deres Augenmerk sollte bei der Inter­vention auf die Nähr­stoffe Zink, Eisen, Magnesium und mehrfach unge­sät­tigte Fett­säuren gelegt werden. Bei etwaigen Nähr­stoff­de­fi­ziten wird das Aus­gleichen dieser als wichtig erachtet. Bezüglich der Erreich­barkeit der benö­tigten Menge ver­trauen die Ärz­tinnen und Ärzte jedoch auf Sup­ple­mente. Dies könnte auf ein man­gelndes diä­te­ti­sches Wissen zurück­zu­führen sein. Die Durch­führung einer Eli­mi­na­ti­onsdiät wird nur in Aus­nah­me­fällen emp­fohlen (Siehe Tabelle 2).

Ärz­tinnen und Ärzte erachten Artikel bezüglich ADHS und Ernährung in ein­schlä­gigen Fach­zeit­schriften am infor­ma­tivsten. Die Ergeb­nisse zeigen auf, dass Leit­linien bezüglich ADHS und Ernährung erstellt werden sollten, da dies als Grundlage für eine mög­liche ernäh­rungs­me­di­zi­nische The­rapie dienen könnte. Um dies­be­züglich einen Evi­denzgrad aus­sprechen zu können, ist abschließend zu erwähnen, dass zukünftige Studien mit einer grö­ßeren Probandinnen-​/​Probandenzahl und unab­hängig von kom­mer­zi­ellen Kon­zernen durch­ge­führt werden sollten. Zur bes­seren Wis­sens­ver­mittlung wäre es wün­schenswert, die Ergeb­nisse der Studien auf Tagungen vor­zu­stellen und zu publi­zieren. Der Verband der Diä­to­logen sollte Kon­takt­adressen von Diä­to­lo­ginnen und Diä­to­logen zur Ver­fügung stellen um gege­be­nen­falls das Erreichen dieser zu erleichtern.

Autoren: Gabriele Schaf­fer­hofer, Anna Auer, Eli­sabeth Pail; Kor­re­spondenz: Gabriele Schaf­fer­hofer, Kir­chen­viertel 117, 8255 St. Jakob im Walde, E‑Mail: Gabi.Schafferhofer@gmx.at

Lite­ratur:

  1. Arbeits­ge­mein­schaft ADHS der Kinder- und Jugend­ärzte. ADHS bei Kindern und Jugend­lichen (Aufmerksamkeits-​Defizit-​Hyperaktivitäts- Störung), Leit­linie der Arbeits­ge­mein­schaft ADHS der Kinder- und Jugend­ärzte 2007. Download vom 10. August 2011, von www.ag-adhs.de/uploads/Leitlinie2009.pdf 
  2. Blanz B, Döpfner M, Fleischmann J, Herpertz-​Dahlmann B, Huss M, Mar­tinius J et al. Stel­lung­nahme zur „Aufmerksamkeitsdefizit-​/​Hyperaktivitätsstörung (ADHS)“. Deut­sches Ärz­te­blatt 2005; 102 (51–52), A 3609–3616. Download vom 02. Oktober 2011, von www.aerzteblatt.de/v4/archiv/pdf.asp;
  3. MTD-​Gesetz. Öster­reich. Bun­des­gesetz über die Regelung der geho­benen medizinisch-​technischen Dienste, 1992 idF BGBI. I Nr. 74/​2011.
  4. HEROLD Business Data GmbH. Kinder- und Jugend­ärzte. Download vom 01. März 2012, von www.herold.at/gelbe-seiten/was_kinder-und-jugend%C3%A4rzte/ 
  5. Kiddie J, Weiss M, Kitts D, Milne R, Wasdell M. Nut­ri­tional Status of Children with Attention Deficit Hyper­ac­tivity Dis­order: A Pilot Study. Inter­na­tional Journal of Pediatrics 2010, 1–7. doi: 10.1155/2010/767318, Download vom 16. Jänner 2012, von www.hindawi.com/journals/ijped/2010/767318/
  6. Waring M, Lapane, K. Over­weight in Children and Ado­lescents in Relation to Attention-​Deficit/​Hayperactivity Dis­order: Results From a National Sample. J Pediatrics 2008, 122, 1–7. Download vom 27. März 2012, von pediatrics.aappublications.org/content/122/1/e1.full.pdf+html 
  7. Mil­lichap J, Yee M. The Diet Factor in Attention-​Deficit/​Hyperactivity Dis­order. Pediatrics 2011. 129(2), 330–337. Abs­tract Download von PubMed. Download vom 04. April 2012, von www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed;
  8. Oner O, Oner P, Bozkurt O, Odabas E, Keser N, Karadag H, et al. Effects of zinc and fer­ritin levels on parent and teacher reported symptom scores in attention deficit hyper­ac­tivity dis­order, Child psych­iatry and human deve­lo­pment 2010, 41(4), 441–447. Abs­tract Download von PubMed. Download vom 16. Jänner 2012, von www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed
  9. Huss M, Völp A, Stauss-​Grabo M. Sup­ple­men­tation of poly­un­sa­tu­rated fatty acids, magnesium and zink in children seeking medical advice for attention-​deficit/​hyperactivity pro­blems – an obser­va­tional cohort study. Lipids in Health and Disease 2010, 9(105), 1–12. doi:10.1186/1476–511X‑9–105, Download vom 22. April 2012, von www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2955638/pdf/1476–511X‑9–105.pdf
  10. Bilici M, Yil­dirim F, Kandil S, Beka­roglu M, Yil­di­rimis S; Deger O, et al. Double-​blind, placebo-​controlled study of zinc sulfate in the tre­atment of attention deficit hyper­ac­tivity dis­order. Pro­gress in Neuro-​Psychopharmacology & Bio­lo­gical Psych­iatry, 28(2004), 181–190. doi: 10.1016/j.pnpbp.2003.09.034, Download vom 16. Jänner 2012, von perm.fh-joanneum.at/han/3230/pdn.sciencedirect.com/science;
  11. Nigg J, Lewis K, Edinger T, Falk M. Meta-​Analysis of Attention-​Deficit/​Hyperactivity Dis­order or Attention-​Deficit/​Hyperactivity Dis­order Sym­ptoms, Restriction Diet, and Syn­thetic Food Color Addi­tives. Journal of the Ame­rican Academy of Child & Ado­lescent Psych­iatrry 2012, 51(1), 93. Download vom 23. März 2012, von download.journals.elsevierhealth.com/pdfs/journals/0890–8567/PIIS0890856711009531.pdf 
  12. Arnold L, Disil­vestro R, Bozzolo H, Crowl L, Fer­nandez S, Ramadan Y,. et al. Zinc for attention-​deficit/​hyperactivity dis­order: placebo-​controlled double-​blind pilot trial alone and com­bined with amphet­amine. Journal of child and ado­lescent psy­cho­phar­ma­cology 2011, 21(1), 1–19. Abs­tract Download von PubMed. Download vom 16. Jänner 2012, von www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed