Diätologenkongress 2013: Der (ge)wichtige Mensch im Mittelpunkt

Juni 2013

Der 30. Ernäh­rungs­kon­gress des Ver­bandes der Dia­eto­logen Öster­reichs am 7. und 8. März in Wien war mit rund 500 Teil­nehmern wieder bestens besucht und mit dem Thema „Adi­po­sitas und Ernährung“ absolut am Puls der Zeit gelegen. Die Pro­ble­matik wurde über die Grenzen der Ernährung hinaus behandelt, wobei auch Para­dig­men­wechsel angeregt bezie­hungs­weise dis­ku­tiert wurden, die den Zugang der the­ra­peu­ti­schen Begleiter einer­seits und das the­ra­peu­tische Handeln bei soge­nannten gesunden Adi­pösen ande­rer­seits umfassen.

Seit Jahren das­selbe: Umfragen, Erhe­bungen und Sta­tis­tiken melden weitere Anstiege bei Über­ge­wicht und Adi­po­sitas. Ärzte warnen vor den gesund­heit­lichen Folgen. Ernäh­rungs­ex­perten, Medi­ziner und Gesund­heits­po­li­tiker bemühen sich, den Men­schen Sinn und Nutzen einer aus­ge­wo­genen Ener­gie­ba­lance durch ent­spre­chende Ernährung und Bewegung nahe zu bringen. Umsonst. Der Trend nach oben ist beim Kör­per­ge­wicht unge­brochen, und das bei weitem nicht nur in den reichen Indus­trie­ländern, sondern weltweit. 

„Mit der Emp­fehlung weniger zu essen und sich mehr zu bewegen, ist es nicht getan – die Pro­ble­matik ist wesentlich kom­plexer, und das spiegelt sich auch im The­men­spektrum unserer dies­jäh­rigen Tagung“, resü­miert Prof. Andrea Hof­bauer, Vor­sit­zende des Ver­bandes der Dia­eto­logen Öster­reichs und Kon­gressprä­si­dentin. In die­selbe Richtung argu­men­tiert Gesund­heits­mi­nister Alois Stöger, der anlässlich der Kon­gress­eröffnung die Größe der gesund­heits­po­li­ti­schen Her­aus­for­derung betonte, die eine Wie­der­her­stellung der Balance zwi­schen Ener­gie­auf­nahme und –ver­brauch dar­stelle. Damit brauche die gesell­schaft­liche Umsetzung auch ent­spre­chend viel Zeit.

Mit einem „Kampf gegen die Kilos“ allein ist es bei der Adi­po­sitas also nicht getan. Einer­seits leiden die Betrof­fenen ja nicht nur unter dem Gewicht an sich, sondern auch unter zahl­reichen Fol­ge­er­kran­kungen wie Dia­betes oder einem erhöhten Risiko für Herz-​Kreislauf-​Erkrankungen und ein­zelne Krebs­arten. Die Lebens­qua­lität wird auf viel­fältige Art und Weise ein­ge­schränkt. Die Behandlung erfordert nicht nur ein Zusam­men­spiel ver­schie­dener Dis­zi­plinen wie ärzt­liche Betreuung, qua­li­fi­zierte Ernäh­rungs­the­rapie, Unter­stützung durch Psy­cho­logen, Sport­the­ra­peuten und Trainer. Es kommt ganz ent­scheidend auf die gesell­schaft­lichen Rah­men­be­din­gungen an, zu denen unter anderem der Zugang zu einem lang­fris­tigen extra­mu­ralen Angebot gehört (siehe Kasten). Das gilt ganz besonders für Kinder und Jugend­liche. Und es braucht offenbar einen Para­dig­men­wechsel in zwei ent­schei­denden Punkten, wie Prof. Hof­bauer betont.

Respekt und Empathie

Zum einen geht es darum, wie The­ra­peuten den Betrof­fenen gegenüber treten. „Die Situation der Betrof­fenen ist häufig von vielen belas­tenden Emo­tionen geprägt“, so Prof. Hof­bauer, „da ist auch ein hohes Maß von Empathie von Betreuern gefordert.“ Die Behandlung der Adi­po­sitas fordert nicht nur den Betrof­fenen, sondern auch den Betreuern einiges ab. Dieser grund­sätz­liche Respekt impli­ziert auch die Aner­kennung der Ent­scheidung mancher Betrof­fener, mit Über­ge­wicht leben zu wollen, so bleiben zu wollen, wie man ist. Es wäre ver­fehlt, über­ge­wichtige und adipöse Men­schen ständig unter Druck setzen zu wollen, abzu­nehmen. Zwar sei eine „gesunde Adi­po­sitas“ – also das Vor­liegen meta­bo­li­scher, ortho­pä­di­scher und psy­chi­scher Gesundheit – nur bei einer Min­derheit anzu­treffen, wie unter anderem Priv.-Doz. Dr. Daniel Weghuber von der Uni­ver­si­täts­klinik für Kin­der­heil­kunde in Salzburg betonte. Für adipöse Men­schen mit einem güns­tigen meta­bo­li­schen und psy­cho­lo­gi­schen Risi­ko­profil könnte von auf­wän­digen, kos­ten­in­ten­siven und risi­ko­be­haf­teten The­ra­pie­mo­da­li­täten wie län­ger­fristige Reha-​Aufenthalte oder bariatrisch-​chirurgische Ein­griffe zumindest bis auf wei­teres abge­sehen werden. Hin­gegen seien jene Men­schen, und dabei vor allem Kinder, mög­lichst früh zu iden­ti­fi­zieren, die ein ungüns­tiges kar­dio­me­ta­bo­li­sches und/​oder psy­cho­lo­gi­sches Risi­ko­profil auf­weisen und von einer Inter­vention daher am meisten profitieren.

Quer- und Neudenken

Abge­sehen von der Tat­sache, dass Adi­po­sitas in einem beträcht­lichen eine sozio­öko­no­mi­sches Phä­nomen ist und daher ihre Bekämpfung auch über diese Ebene statt­finden muss, sind noch nicht alle physiologischen/​biochemischen Fragen in Zusam­menhang mit ihrer Ent­stehung geklärt. Dies kann auch als Ein­ladung zum „Quer­denken“ gesehen werden, als Ein­ladung, neue Ansätze auf ihre Pra­xis­taug­lichkeit zu über­prüfen. So sorgte und sorgt der im Eröff­nungs­vortrag prä­sen­tierte Ansatz von Univ.-Prof. Dr. Achim Peters von der Uni­ver­sität zu Lübeck (D) für so manche intensiv geführte Dis­kussion. Nach der „Selfish-Brain“-Theorie sorgt das Gehirn immer zuerst für seine eigene Ener­gie­ver­sorgung. Benötigt es, wie zum Bei­spiel in Stress-​Situationen, ver­mehrt Energie, wird diese bei gestörter Ener­gie­ver­teilung nicht aus kör­per­ei­genen Spei­chern, sondern durch zusätz­liche Nahrung zuge­führt. Daraus folge eine Gewichts­zu­nahme. Laut Prof. Peters kann die Selfish-​Brain-​Theorie zum Ver­ständnis von Über­ge­wicht bei­tragen. Neue The­ra­pie­formen beziehen den Stress­abbau mit ein.

Brennpunkt OP

Im Schnitt werden in Öster­reich jeden Tag rund sieben baria­trische Ope­ra­tionen durch­ge­führt, deren Erfolg ganz wesentlich von zwei Fak­toren abhängt – dem eisernen Willen der Pati­enten zu einer Ver­än­derung ihres Lebens­stils und einer State-​of-​the-​art-​Betreuung vor und nach der Ope­ration. Die Defizite sind jedoch gra­vierend. An sich wären nach der OP regel­mäßige Nach­kon­trollen durch den Arzt, durch Diä­to­logen und eine Lebens­sti­län­derung durch den Pati­enten obli­ga­to­risch, betont Univ.-Prof. Dr. Karl Miller, Vor­stand der chir­ur­gi­schen Abteilung am Kran­kenhaus Hallein (Salzburg) und Prä­sident der Öster­rei­chi­schen Gesell­schaft für adipositas- und meta­bo­lische Chir­urgie. Weiters sollten unter andere Psy­cho­logen und Psy­cho­the­ra­peuten sowie Sport­me­di­ziner in die Nach­be­treuung ein­ge­bunden sein.

„Die Pro­bleme beginnen für die Pati­enten schon vor der Ope­ration“, berichtet die Diä­to­login Birgit Lötsch vom Kran­kenhaus Rudolfstiftung in Wien. Die Erwar­tungs­haltung, dass sich nach der Ope­ration alle anderen Pro­bleme wie von selbst lösen würden sei nicht selten anzu­treffen und höchst trü­ge­risch. Viele Betroffene würden nicht rea­li­sieren, dass sie ihre Ernährung infolge der Ope­ration völlig umstellen müssten, Man­gel­er­schei­nungen durch Nah­rungs­er­gänzung vor­beugen und regel­mäßige Nach­kon­trollen in Kauf nehmen müssen. Der Lei­dens­druck sei enorm, viele Men­schen psy­chisch ange­schlagen. In wenigen Kran­ken­häusern sei man in der Lage, den Betrof­fenen eine umfas­sende Vor- und Nach­be­treuung bieten zu können. Meist seien die Kosten für psy­cho­lo­gische und psy­cho­the­ra­peu­tische Betreuung sowie für diä­to­lo­gische Nach­sorge von den Pati­enten selbst zu tragen, womit ein klares Bei­spiel für eine Zwei-​Klassen-​Medizin zu Lasten der Pati­enten gegeben sei.

Erste Schritte in der Welt der Forschung

Beim dies­jäh­rigen Kon­gress wurden unter dem Titel „FH Young Science“ erstmals Ergeb­nisse von Bache­lor­ar­beiten junger Diä­to­logen vor­ge­stellt. Diese jungen Diä­to­logen leisten quasi Pio­nier­arbeit, denn die diä­to­lo­gische For­schung in Öster­reich steckt im Ver­gleich zu Ländern wie den USA, Kanada, Aus­tralien, Groß­bri­tannien oder den Nie­der­landen noch in den Kin­der­schuhen. Die Initi­al­zündung hier­zu­lande erfolgte im Jahr 2005, als die ersten Diä­to­logen mit einer Aus­bildung an Fach­hoch­schulen begannen, die ja mit einem Bachelor of Science abschließt. 

Autor: K. Gruber 

 

SVA übernimmt Diaetologen-Kosten

Seit Jahren immer wieder gemachte Vor­stöße des Ver­bandes der Dia­eto­logen Öster­reichs, um im Interesse der (nicht nur adi­pösen) Pati­enten eine Ernäh­rungs­the­rapie „auf Kran­ken­schein“ durch­zu­setzen, stießen die längste Zeit auf taube Ohren bei den Kran­ken­kassen. Mit 1. März hat nun die Sozi­al­ver­si­cherung der Gewerb­lichen Wirt­schaft in Koope­ration als erste Kran­ken­ver­si­cherung Öster­reichs mit dem Verband der Dia­eto­logen Öster­reichs dia­eto­lo­gische Leis­tungen in ihr Pro­gramm „SVA – IS(S)T – GESUND“ (www.fitzumehrerfolg.at) auf­ge­nommen.

 

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