Das große Ganze

April 2013

Die lang­jährige Prä­si­dentin des Ver­bandes der Dia­eto­logen Öster­reichs, Andrea Maria Hof­bauer, BSc, MBA, leitet seit zwei Jahren den Stu­di­engang Diä­to­logie am FH-​Campus Wien. 2012 wurde ihr der Berufs­titel „Pro­fes­sorin“ ver­liehen. Im Gespräch mit dem Journal für Ernäh­rungs­me­dizin über Enga­gement, Ziele und Visionen.

JEM Die frühere Diät­aka­demie in Wien war auf dem Gelände des All­ge­meinen Kran­ken­hauses, die FH ist fast am anderen Ende der Stadt. Hat das etwas zu bedeuten?

Prof. Hof­bauer Sicher nicht im Sinn einer inhalt­lichen Ent­fernung. Die FH für Gesund­heits­berufe wurde auf­grund gesetz­licher Vor­gaben dem neuen FH Campus Wien in Favo­riten ange­schlossen. Wir achten natürlich wei­terhin auf eine gute Zusam­men­arbeit mit der Meduni Wien, auch wenn die räum­liche Nähe nicht mehr gegeben ist. Abge­sehen davon wurde erst vor kurzem auch ein Forschungs-​Kooperationsabkommen mit dem Wiener Kran­ken­an­stal­ten­verbund geschlossen.

JEM Wie geht es mit der Aka­de­mi­sierung des Berufs voran?

In einem ersten Schritt konnten wir die Bache­lor­stu­di­en­gänge gut eta­blieren, in denen wir die Stu­die­renden zur wis­sen­schaft­lichen Arbeits­weise hin­führen. Die wis­sen­schaft­liche Kom­petenz gehört mit der fachlich-​methodischen und der sozi­al­kom­mu­ni­ka­tiven Kom­petenz heute zum Qua­li­fi­ka­ti­ons­profil der Diä­to­logen. Mit der Eta­blierung der Mas­ter­aus­bildung wurde begonnen. Die PhD-​Ausbildung und ein eigener Lehr­stuhl für Diä­to­logie sind noch Visionen – für Öster­reich zumindest.

JEM Die Sta­tionen Ihrer beruf­lichen Laufbahn wirken sehr logisch. War das geplant oder Schicksal?

Das war Schicksal, auch wenn ich immer Ziele vor Augen gehabt habe. Und ich hatte von Anfang an eine eigene Auf­fassung der Diä­to­logie. Das war ein wich­tiger Beweg­grund, mich schon früh auf Ver­bands­ebene zu enga­gieren. Ich wollte den Stel­lenwert des Berufs vor­an­treiben. Mir war bewusst, dass man dafür auf meh­reren Ebenen ansetzen muss, das große Ganze sehen und nicht nur sein unmit­tel­bares Umfeld.

JEM Inwiefern war Ihr Ver­ständnis des Berufs ungewöhnlich?

Ich habe meine Aus­bildung Anfang der 1980er Jahre absol­viert, also zu einer Zeit, wo der Stel­lenwert der Diät­as­sis­ten­tinnen eher „unspek­ta­kulär“ und die Zusam­men­arbeit mit den Ärzten keine Selbst­ver­ständ­lichkeit war. Ich habe unseren Beruf aber immer sehr nahe am Pati­enten gesehen. Sicher gibt es admi­nis­trative Tätig­keiten, die unter anderem im Küchen­be­reich zu leisten sind und die auch wichtig sind. Sie sollten jedoch nicht den Hauptteil der Arbeit ausmachen.

JEM Der Stel­lenwert der Diä­to­logie war in der Ver­gan­genheit ja schon größer gewesen.

In der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts waren die Diät­as­sis­ten­tinnen schon relativ stark in die Betreuung der Pati­enten ein­ge­bunden und sind mit Ärzten gemeinsam auf Visite gegangen. Da gibt es zum Bei­spiel sehr schöne Ver­öf­fent­li­chungen von Prof. Wenger in der Ernäh­rungs­um­schau über „Beruf und Aus­bildung der Diät­as­sis­tentin“. Später haben Ernährung bzw. Diä­tetik in der Schul­me­dizin an Bedeutung verloren.

JEM Lässt sich dieser Bruch mit bestimmten Ent­wick­lungen verbinden?

Mir scheint das mit den enormen Fort­schritten in der medi­ka­men­tösen The­rapie ein­her­ge­gangen zu sein. Damit ist eine stark medi­ka­men­ten­lastige Medizin gekommen, der Stel­lenwert der Diä­tetik ist gesunken. Heute steht die Ernährung wieder stärker im Blick­punkt der Medizin. Da muss man auch dazu­sagen, dass wir heute auf einem ganz anderen Level arbeiten als früher. Es gibt Studien, man schaut sich die Evi­denzen an.

JEM Sie waren zu Beginn ihrer beruf­lichen Tätigkeit in einem Spital ange­stellt und prag­ma­ti­siert, haben diesen sicheren Posten aber bald verlassen.

Das hat auch einige Ver­wun­derung in meinem Umfeld aus­gelöst. Ich hatte aber die ein­malige Chance bekommen, in einem großen Lebens­mit­tel­konzern in der Öffent­lich­keits­arbeit und Ernäh­rungs­kom­mu­ni­kation tätig zu werden. Es war eine neue und span­nende Her­aus­for­derung, viele Men­schen zu erreichen zu ver­suchen und ich habe viel dazu­ge­lernt. Die Infor­ma­tionen mussten nicht nur für viele ver­ständlich auf­be­reitet und prak­tisch umsetzbar sein, sondern immer auch wis­sen­schaftlich basiert. Wir sind damals neue Wege gegangen – heute werden bereits Stu­die­rende auf Kom­mu­ni­kation und Bera­tungs­in­halte geschult.

JEM Wis­sens­ver­mittlung ist ja auch eine reiz­volle Aufgabe.

Das waren schöne Erfah­rungen, die ich nicht missen möchte. In dieser Zeit ist viel ent­standen. Ob das Bro­schüren waren, Kon­sen­sus­be­richte oder EDV-​Programme, die ich schon vor 20 Jahren mit Agen­turen ent­wi­ckelt habe, um die Ernäh­rungs­ge­wohn­heiten zu ana­ly­sieren und maß­ge­schnei­derte Ernäh­rungs­pläne möglich zu machen. Ich erinnere mich auch gerne an die große positive Resonanz von Konsumenten.

JEM In Ihrer Ver­bands­tä­tigkeit hat es keine Zäsur gegeben.

Den Verband habe ich nie aus den Augen ver­loren. Nach der Lan­des­leitung Wien habe ich das Referat Öffent­lich­keitarbeit über­nommen und war im Dach­verband der geho­benen medizinich-​technischen Berufe ver­treten. Als unsere damalige Ver­bands­prä­si­dentin 1999 plötzlich zurück­ge­treten ist, bin ich inte­ri­mis­tisch für ein Jahr in diese Position gerückt. 2000 wurde ich regulär gewählt und bin seither im Amt, wobei ich mich alle drei Jahre neu­erlich der Wahl stellen muss.

JEM Warum sind Sie eigentlich Diä­to­login geworden?

Natur­wis­sen­schaften, Medizin und Ernährung haben mich immer sehr inter­es­siert. Und da für mich der Zusam­menhang von Medizin und Ernährung sehr ästhe­tisch und auch genussvoll ist, habe ich mich für diesen Bereich ent­schieden. Ich finde es sehr schön, mich in diesem Kontext mit Men­schen aus­ein­ander zu setzen.

JEM In der Ernährung spiegeln sich auch sehr viele Facetten des Lebens.

Es spiegelt sich das ganze Leben, beginnend schon vor der Geburt. Über die Ernährung kann der Mensch sehr viel bestimmen. In der letzten Phase des Lebens bleibt viel­leicht als letzte selbst­be­stimmte Ent­scheidung „Ich will nicht mehr essen und trinken“. Da kommen große ethische Fragen auf uns zu. Ernähren um jeden Preis? Auch damit müssen wir uns auseinandersetzen.

JEM Sie befinden sich auf einem Kar­rie­re­level, den nicht viele Men­schen erreichen. Wie weit sind Ihre Ziele gesteckt?

Ich habe weitere Ziele für den Stu­di­engang Diä­to­logie und für die Ent­wicklung des Berufes. Zwar hätte ich mir nicht träumen lassen, dass wir doch relativ rasch gewisse Dinge erreichen, wir sind aber noch lange nicht am Horizont. Den gibt es glaube ich auch gar nicht, es gibt immer Dinge zu ver­bessern oder Neues zu tun. Derzeit stehen jeden­falls die Pro­fes­sio­na­li­sierung des Berufs und die Posi­tio­nierung unserer inter­dis­zi­pli­nären Tätigkeit in der Öffent­lichkeit ganz oben auf unserer Arbeitsliste.

JEM Was bedeutet die Arbeit an der FH für Sie persönlich?

Ich emp­finde es als eine sehr schöne Aufgabe, und es passt auch sehr gut zu meinem Kar­rie­re­verlauf, junge Men­schen für diesen Beruf zu begeistern. Ein wich­tiges und großes Ziel von mir ist übrigens auch die För­derung der inter­na­tio­nalen „Diä­to­lo­gen­com­munity“. Das betrifft sowohl die Ver­bands­ebene als auch die FH. Da bieten wir die Mög­lichkeit, inter­na­tionale Erfah­rungen in Praktika zu sammeln – vor kurzem erst sind drei Stu­den­tinnen aus Indien, Sin­gapur und Bangkok zurück­ge­kommen. In Zukunft sind auch Aus­lands­se­mester geplant.

JEM Sie reisen gerne?

Ich war immer sehr neu­gierig auf andere Kul­turen und Länder. Urlaubs­reisen habe ich damit ver­bunden – und mache das auch heute noch – Kol­legen und Kol­le­ginnen zu besuchen, um deren Situation und Arbeits­weise ken­nen­zu­lernen. Dadurch bekommt man neue Zugänge und Anre­gungen für Wei­ter­ent­wick­lungen in der Heimat.

JEM Nächstes Jahr findet der Ernäh­rungs­kon­gress des Ver­bandes zum 30. Mal statt – immerhin die größte wis­sen­schaft­liche Ver­an­staltung zu Ernährung und Diä­to­logie in Österreich.

Wir waren die ersten und auch inter­na­tional gesehen unter den ersten, die das Thema Ernährung in seinen vielen Facetten in Kon­gressen auf­ge­griffen und eta­bliert haben. Mitt­ler­weile tut sich in diesem Bereich ja sehr viel.

JEM Man könnte auch sagen, es gibt einen Hype.

Den Hype um die Ernährung sehen wir mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite ist es natürlich positiv, dass das Bewusstsein für Ernährung gestiegen ist. Auf der anderen Seite treibt er schon seltsame Blüten, etwa in Form patho­lo­gi­scher Ver­hal­tens­formen wie einem über­bor­denden Kon­troll­be­dürfnis über die auf­ge­nom­menen Nah­rungs­mittel. Weiters fühlen sich immer mehr dazu berufen, trotz Fehlens einer adäquaten Qua­li­fi­kation als „Coach“, „Trainer“ oder „Berater“ im Bereich Ernährung tätig zu werden. Das kann gefährlich werden. Die gesetz­lichen Rege­lungen bieten da nicht immer aus­rei­chenden Schutz. De facto finden sich die Kli­enten und Kon­su­menten heute nicht mehr zurecht.

JEM Über­ge­wicht, Adi­po­sitas und Fol­ge­er­kran­kungen werden auch nach wie vor mehr.

Es ist sehr schwierig, die not­wen­digen Verhaltens- und Lebens­sti­län­de­rungen zu erreichen, um das zu ver­hindern. Dafür brauchen wir eine sehr kluge Stra­tegie. Wir müssen meiner Ansicht nach stärker hin­ter­fragen, welche Maß­nahmen und Kam­pagnen wirklich effektiv sind und welche Art der Kom­mu­ni­kation hier wirkt.

JEM Herz­lichen Dank für das Gespräch.

Autor: K. Gruber

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