VPräs. Dr. Eva Raunig im Interview: Politiker sollten Hausbesuche machen

Jänner 2013 | Easy Reading

Die Wiener All­ge­mein­me­di­zi­nerin Dr. Eva Raunig ist keine Unbe­kannte in der Ärz­te­kammer, enga­giert sie sich doch seit neun Jahren in der Ärz­te­ver­tretung und Politik auf immer wieder unkon­ven­tio­nelle Art und Weise. Heuer ist eine Funktion dazu gekommen, in der Frauen noch nie zu finden waren: Dr. Eva Raunig ist Vize­prä­si­dentin der Wiener Ärz­te­kammer. Ein Gespräch über Ziele für die aktuelle Funk­ti­ons­pe­riode und darüber hinaus.

 

JEM Wie geht es Ihnen in Ihrer neuen Funktion? Spürt man schon etwas vom „fri­schen Wind“, den Sie ange­kündigt haben?

Dr. Raunig Wir haben eine wirklich gute Koalition mit einem tollen Team von inter­es­sierten und netten Leuten. Von der Atmo­sphäre her hat sich schon einiges geändert, würde ich sagen. Wir haben ein offenes Gesprächs- und Arbeits­klima und schließen nie­manden aus, wenn es um die Besetzung von Refe­raten geht.

JEM Sie haben die Ernährung als einen Ihrer Arbeits­schwer­punkte genannt. Was kann ein All­ge­mein­me­di­ziner hier tun?

Dr. Raunig Das kommt sehr auf die Struktur der Ordi­nation an. Ein Kas­senarzt so wie ich muss ja prak­tisch im Rekord­tempo arbeiten und sehr viele Pati­enten an einem Tag betreuen. Aber natürlich spreche ich Pati­enten auf ihre Ernäh­rungs­ge­wohn­heiten an, wenn ein Problem vor­liegt, das damit zu tun haben könnte – eine Haut­er­krankung etwa – oder wenn starkes Über­ge­wicht besteht. Eine aus­führ­liche Ernäh­rungs­be­ratung kann ich in meiner Ordi­nation nicht machen, schließlich gibt es die Position bei der Kran­ken­kasse nicht, aber ich weise sehr wohl auf die Bedeutung einer gesunden Ernährung hin.

JEM Prak­tische Rat­schläge kommen dabei auch vor?

Dr. Raunig Die wich­tigsten Dinge kann man trotz der Zeit­knappheit sehr wohl ansprechen. Den Zucker- oder Fett­konsum etwa oder einfach die Emp­fehlung, wenigstens einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen. Da sich die Ernäh­rungs­ge­wohn­heiten ja schon sehr früh fes­tigen, müssten die Kin­der­ärzte viel stärker ein­ge­bunden werden, wenn es um die Ver­meidung von ernäh­rungs­as­so­zi­ierten Erkran­kungen geht. Aber auch das würde nicht reichen, es sind zahl­reiche weitere Maß­nahmen in anderen Bereichen not­wendig – da ist vor allem die Politik gefragt und gefordert.

JEM Wo sollten diese Maß­nahmen gesetzt werden?

Dr. Raunig Eine zen­trale Rolle nimmt dabei die Schul­ver­pflegung ein und auch die Ver­pflegung in Kin­der­gärten. Es fällt jeden­falls auf, dass viele junge Leute gar nicht wissen, was sie kochen sollen, und sie können es auch gar nicht. Wenn sie es von den Eltern nicht lernen, so muss eben die Schule ein­springen. Dabei geht es nicht nur um Koch­un­ter­richt, sondern auch um die Schul­ver­pflegung. Die Kinder sollten ein gutes, gesundes und warmes Essen bekommen, damit sie das auch schätzen lernen. Natürlich ist das ein finan­zi­eller und per­so­neller Aufwand, aber ein Aufwand, der sich für die Gesundheit mehr als lohnt. Die Bedeutung der Ernährung für die Ent­stehung der meisten Zivi­li­sa­ti­ons­krank­heiten wird immer klarer.

JEM Sie haben auch „Mehr Bewegung“ als Anliegen genannt.

Dr. Raunig Eine der Folgen der Bewe­gungs­armut in unserer Gesell­schaft sehe ich bei Jugend­lichen häufig dann, wenn sie zur Füh­rer­schein­un­ter­su­chung kommen. Viele sind erschre­ckend unbe­weglich und unge­lenkig. Im Rahmen der Ordi­nation lege ich den Leuten gern ans Herz, sich einen Sport­verein zu suchen. Bewegung muss ja auch Freude machen, deshalb sind Spiel­sport­arten meiner Ansicht nach besonders emp­feh­lenswert. Freilich wird es umso schwie­riger, diese Freude zu ent­decken, je später man mit Bewegung und Sport beginnt. Bewegung muss im Alltag gefördert werden, wobei wieder die Politik auf­ge­rufen ist, und sie muss in der Schule ver­pflichtend für alle sein, genauso wie eine gesunde Verpflegung.

Wir prägen unsere Kinder über­haupt viel zu sehr auf ein Leben mit dem Com­puter, das ver­stärkt die Bewe­gungs­armut noch. Der Com­puter spielt im Leben der Men­schen mitt­ler­weile eine rie­sen­große Rolle. Bei Visiten zum sehe ich nicht selten Leute, die wirklich wenig haben, die ohne Bettzeug leben, aber am Tisch steht ein neuer Com­puter. Viel­leicht sollten auch Poli­tiker Haus­be­suche machen …

JEM Zeit­mangel, Bewe­gungs­mangel, Reiz­über­flutung – setzen wir die fal­schen Prio­ri­täten im Hin­blick auf unsere Gesundheit?

Dr. Raunig Wir müssen mit den Ent­wick­lungen umgehen lernen. Dazu gehört aber sicher nicht, das aus­glei­chende Element Bewegung zu beschneiden und zu erschweren. Und auch nicht, es Jugend­lichen so leicht zu machen, sich ganze Nächte um die Ohren zu schlagen, indem man unbe­schränkte Aus­geh­zeiten zulässt. Auch das ist der kör­per­lichen und see­li­schen Gesundheit dieser Generation nicht unbe­dingt förderlich.

JEM Neu­er­dings füllen sich die Lokale erst gegen oder nach Mitternacht.

Dr. Raunig Das kann nicht funk­tio­nieren. Man kann ja hin und wieder fort­gehen und lange auf­bleiben. Aber wie soll man am nächsten Tag in der Schule mit­kommen oder in der Arbeit leis­tungs­fähig sein, wenn man immer wieder bis in den Morgen unterwegs ist? Vom Alko­hol­konsum ganz zu schweigen. In Kanada zum Bei­spiel ist Alkohol wesentlich teurer, der Konsum in der Öffent­lichkeit über­haupt ver­boten, Jugend­liche trinken also meistens etwas anderes. Es wird schon stimmen, dass sie dann Alkohol heimlich kon­su­mieren – aber hier trinken sie zu Hause und in der Öffent­lichkeit. Für Rauchen gilt das­selbe. Ich ver­stehe nicht, dass es in Öster­reich nicht möglich ist, ein Rauch­verbot wenigstens in Lokalen durchzusetzen.

JEM Im Ver­gleich zu anderen Ländern ist man in Öster­reich viel weniger kon­se­quent, was das betrifft.

Dr. Raunig Es ist auch ein eigen­ar­tiges Phä­nomen, dass bei der Arbeit häufig Rauch­pausen viel eher tole­riert werden als Pausen einfach nur so. Wenn man raucht, kann man eine Pause machen, raucht man nicht, dann wird man schief angeschaut.

JEM Gesundheit als Lernziel auf vielen Ebenen also.

Dr. Raunig Gesund­heits­ver­halten ist erlernbar, was aber natürlich poli­ti­schen Willen, mediale Unter­stützung und finan­zielle Res­sourcen erfordert. Ein kleines, aber gutes Bei­spiel: Als vor einigen Jahren die Vogel­grippe auch in Spanien auf­ge­treten ist, wurde eine Kam­pagne gestartet, um die Leute dazu zu bewegen, in den Ellen­bogen und nicht in die Hand zu niesen, um die Ver­breitung der Viren mög­lichst zu ver­meiden. Und das hat funk­tio­niert. Letztlich geht es bei gesundem Ver­halten immer auch sehr viel um das Image. Bei den Jugend­lichen ist es nicht „In“ zu früh­stücken, gesundes Essen ist nach wie vor schwierig durch­zu­setzen, wiewohl sich die Situation teil­weise etwas bessert. Was immer ich in meiner Funktion dazu bei­tragen kann, werde ich jeden­falls tun.

JEM Um noch einmal auf die All­ge­mein­me­di­ziner zurück­zu­kommen. Wäre es denkbar, dass mit einem höheren Frau­en­anteil auch das Thema Ernährung mehr in den Vor­der­grund rückt? Schließlich ist es nach wie vor über­wiegend ein Frauenthema.

Dr. Raunig Das wäre durchaus möglich. Ich habe auch gar nichts dagegen, dass Frauen manche Auf­gaben eher durch­führen als Männer. Es muss nur geschätzt werden.

JEM Herz­lichen Dank für das Gespräch!

Autor: K. Gruber